Das Treffen der Ahmadiyya Muslim Jamaat fand bisher in Karlsruhe statt, doch der Andrang der Gläubigen ist groß – nun findet die Konferenz in Stuttgart statt. Foto: dpa/Khang Nguyen

Zehntausende Gläubige der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde werden von 1. bis 3. September bei ihrem Jahrestreffen in Stuttgart das Messegelände zum schwäbischen Mekka machen.

Der Name Ahmadiyya birgt für die meisten nicht nur orthografische Rätsel. Dabei steht er für die weltweit größte Gemeinde organisierter Muslime mit mehr als zehn Millionen Gläubigen in fast allen Ländern. Auch in Stuttgart gibt es eine Gruppe der Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ), wie die Glaubensgemeinschaft mit vollem Namen heißt. Anfang des Jahres feierte sie im Stuttgarter Rathaus den 100. Geburtstag der deutschen Gründung. Immer an Neujahr tritt sie in der Öffentlichkeit auf, um Stuttgarter Straßen vom Silvestermüll zu befreien.

 

Neujahrsputz 2020 Foto: Lichtgut/Michael Latz

Einen weniger weltlichen Grund hat das Treffen, das Anfang September sehr viele Ahmadiyya-Mitglieder in Stuttgart zusammenbringen wird. Wie bei einem Kirchentag wird es bei der Jahresversammlung, die am Freitag, 1. September, um 4.40 Uhr mit einem Gebet beginnt und drei Tage lang die Hallen der Stuttgarter Messe füllen wird, um religiöse Weiterentwicklung und Erkenntnis gehen, aber auch um das Miteinander einer Gemeinschaft. 50 000 Gläubige und damit ein Großteil der insgesamt 57 000 deutschen Mitglieder werden zur 47. Jalsa Salana erwartet; so heißt das Jahrestreffen der 1889 in Indien als muslimische Reformbewegung gegründeten Glaubensgemeinschaft. Eine der Jalsa-Salana-Teilnehmerinnen wird die 17-jährige Bareera aus Stuttgart sein. Vor neun Jahren flüchtete sie mit ihrer Familie aus Pakistan. Dort werden, wie in vielen anderen Ländern auch, die Ahmadiyya-Gläubigen von anderen Moslems als abtrünnige Minderheit betrachtet und brutal verfolgt. „Es ist schön, sich als Teil einer großen Gemeinschaft zu fühlen“, sagt die Jugendliche.

Übernachtet wird auf dem Messegelände

Weil es in den Hallen nicht nur bei den Schlafplätzen, sondern auch tagsüber eine Trennung zwischen Männern und Frauen gebe, sei die Atmosphäre sehr entspannt. „Wir können uns ohne Kopftuch bewegen, um zum Beispiel auf dem Bazar zu stöbern“, sagt Bareera. Wie ihre Familie werden viele Ahmadiyya-Mitglieder aus Stuttgart Freunde und Verwandte beherbergen. Mit ihrer Familie hat Bareera bereits an früheren Jahrestreffen auf dem Karlsruher Messegelände in Rheinstetten teilgenommen.

Erstmals kommt das Treffen nun nach Stuttgart und macht die Messe, wie der Stuttgarter Ahmadiyya-Sprecher Kamal Ahmad beschreibt, mit Zehntausenden still betender Moslems zu einer Art schwäbischem Mekka.

„Die Messe Karlsruhe hat nicht mehr für unsere Bedürfnisse ausgereicht“, sagt Kamal Ahmad zum wachsenden Zulauf bei der Jalsa Salana. „In Stuttgart haben wir bessere räumliche Möglichkeiten.“ Eine Halle sei allein für die kostenlose Verköstigung der Gläubigen reserviert. „Das ist ein riesiger logistischer Aufwand.“

Spirituelles Oberhaupt heißt Kalif

Zum Höhepunkt der Jalsa Salana zählt auch für Bareera das Zusammentreffen mit dem Oberhaupt der Ahmaddiyas: Mirza Masroor Ahmad ist der fünfte Kalif, wie die Ahmadiyyas ihr spirituelles Oberhaupt nennen, und zudem ein Urenkel des Gründers der Glaubensgemeinschaft. Er lebt am Sitz der AMJ-Hauptverwaltung in London und hat seit seiner Wahl 2003 keines der deutschen Jahrestreffen ausgelassen. In Stuttgart ist er an allen drei Veranstaltungstagen präsent, übernachtet sogar auf dem Messegelände. Am Samstag wird er mittags vor den Frauen reden und später am Nachmittag Gäste begrüßen. Wegen des 100-Jahr-Jubiläums werden in Stuttgart auch viele ausländische Delegationen erwartet.

Mirza Masroor Ahmad Foto: dpa/Stefan Jehle

Worüber Mirza Masroor Ahmad bei diesem Anlass sprechen wird, ist auch für Kamal Ahmad eine Überraschung. „Der Kalif hat in Europa immer wieder zu Themen wie Rechtsextremismus, Einwanderung, Menschenrechte oder der Qual eines drohenden Nuklearkriegs Stellung bezogen“, hofft Kamal Ahmad auf aktuelle Impulse. Nicht nur wegen des Ahmadiyya-Mottos „Frieden für alle, Hass für keinen“ wurde das Jahrestreffen bei früheren Auflagen als „islamische Friedenskonferenz“ bezeichnet.

Viele Ehrenamtliche helfen

Wie an Silvester wird Kamal Ahmad auch auf der Messe zum Putzgerät greifen. „Die Region Württemberg ist mit ihren Ehrenamtlichen für die Reinigung der sanitären Anlagen zuständig“, sagt er und ist sich schon jetzt sicher: „Diese Jalsa Salana ist eine große, einmalige Sache, weil wir auch Gastgeber sind. Das ist eine Rolle, die in unserem Glauben einen hohen Stellenwert hat; wir sehen sie als Möglichkeit, Segnungen zu erlangen.“

Info: Von der Reformbewegung zum Körperschaftsstatus

Termin
Das Jahrestreffen der Ahmadiyya findet vom 1. bis 3. September in den Hallen der Messe Stuttgart statt. Infos zum Programm gibt es unter www.jalsasalana.de. Nicht-Mitglieder müssen ihre Teilnahme anmelden.

Geschichte
Mirza Ghulam Ahmad gründete die Ahmadiyya- Glaubensgemeinschaft 1889 als muslimische Reformbewegung in Indien. In Deutschland gilt die Grundsteinlegung für die Moschee in Berlin 1923 als Start, heute gibt es mehr als 70 solcher Gotteshäuser. In der Region unterhält die Ahmadiyya-Gemeinde eine Moschee in Weil der Stadt und seit kurzem auch in Waiblingen. Diese wird am 5. September vom aktuellen Oberhaupt der Ahmadiyya eröffnet.

Glaube
Ahmadiyya steht für einen wertkonservativen, in einigen Zügen liberalen Koran. So positioniert sich die Glaubensgemeinschaft für die Bildung von Frauen und gegen Zwangsverheiratung. Da ihr Gründer als Messias gesehen wird und den heiligen Krieg ablehnte, werden Ahmadiyya-Anhänger in vielen muslimischen Ländern bis heute verfolgt.

Recht
Als erster muslimischer Religionsgemeinschaft in Deutschland wurde Ahmadiyya 2013 der Körperschaftsstatus zuerkannt. Damit könnte sie vom Staat, wie Kamal Ahmad von der Stuttgarter Gemeinde sagt, eine „Moscheesteuer“ einziehen lassen. „Das wollen wir aber nicht“, betont Ahmad, „damit wäre der freiwillige spirituelle Charakter einer Spende nicht mehr gegeben.“