50 000 Menschen werden in der Messe Stuttgart erwartet und wollen dieses Fest begehen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Zum ersten Mal fand die Jalsa Salana, die spirituelle Jahresversammlung der Ahmadiyya Muslim Jamaat in Stuttgart statt: 50.000 Gläubige wurden erwartet.

Ein roter Teppich liegt aus, vor der Stuttgarter Messe. Die Fahnen aller Bundesländer wehen dort im Wind. Zwei Maste stehen in der Mitte, deren Fahnen noch nicht gehisst sind. Abdullah Uwe Wagishauser und Hadhrat Mirza Masroor Ahmad werden dort gleich die Fahne Deutschlands und die Fahne der Ahmadiyya Muslim Jamaat aufziehen. Zum ersten Mal feiert die islamische Religionsgemeinschaft die Jalsa Salana in Stuttgart. Die Parkplätze rund um die Messe sind belegt – 50 000 Menschen werden erwartet und wollen dieses Fest begehen.

 

Die Ahmadiyya Muslim Jamaat gilt als streng gläubige, jedoch tolerante und friedfertige Glaubensgemeinschaft. Mirza Masroor Ahmad, geboren 1950, ist heute ihr Oberhaupt, wurde 2003 in London zum Kalifen gewählt. Seine Heimat Pakistan musste er 1999 verlassen; dort wirft man ihm Gotteslästerung vor.

Die Jalsa Salana dauert drei Tage

Die Jalsa Salana dauert drei Tage: Reden, Vorträge, Gebete, gehalten auf Deutsch oder Urdu, reihen sich aneinander; die Themen sind, beispielsweise: „Die versöhnende und einende Kraft des Heiligen Propheten Muhammad“, „Orientierung in Zeiten von Social Media und Materialismus“ und „Der Schutz islamischer Werte – die Verantwortung der Ahmadi-Frau“.

Auf der Messe Stuttgart gibt es an diesen Tagen lediglich eine audiovisuelle Gemeinschaft von Frauen und Männern: Die Frauen erleben die Jalsa Salana in zwei Hallen, die streng von jenen der Männer getrennt sind. Frauen haben, sofern ein dringender Grund besteht, Zutritt zum Bereich der Männer, die Männer umgekehrt nicht. Nur der Kalif besucht auch den Bereich der Frauen; seine Ansprachen, Gebete werden von einen in den jeweils anderen Bereich übertragen.

Abdullah Uwe Wagishauser, Emir, Vorsitzender der Ahmadiyya Muslim Jamaat in Deutschland, spricht vom Schutz der Frauen, von einem „Safe Space“. Khola Hübsch, Journalistin, und Mitglied der AMJ, lebt in Frankfurt am Main. Die räumliche Trennung von Männern und Frauen, erklärt sie, habe auch religiöse Gründe – Berührungen von Mann und Frau sollten beim Gebet vermieden werden. „Aber wir beten dennoch gemeinsam sagt sie.“

Dass die Trennung so konsequent umgesetzt werde, fährt sie fort, gehe jedoch zurück auf den Wunsch der Frauen: „Die Frauen wollen für sich sein. So können sie ihre Mäntel und Kopftücher ablegen. Bei ihnen herrscht eine festliche und ausgelassene Stimmung. Sie machen alles selbst – auch wenn der Kalif zu uns kommt: Die Kameras, die Tontechnik, die Moderation – alles wird von Frauen besorgt. Die Frauen sind komplett autark in allen Bereichen und ziemlich selbstbewusst unterwegs.“ Ein internationaler Chor tritt auf im Frauenbereich der Jalsa Salana, und der Kalif wird Frauen auszeichnen, die im zurückliegenden Jahr akademische Abschlüsse erreichten.

Die Jalsa Salana fand bis 2022 auf der Messe Karlsruhe statt

Während die Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland als Glaubensgemeinschaft 2023 ihr 100. Jubiläum begeht, feiert ihre Frauenorganisation Lajna Imaillah zugleich ihr international 100. Jubiläum. In Deutschland gehören ihr etwa 20 000 Frauen an. Auf der Stuttgarter Messe, schätzt Khola Hübsch, entspricht die Zahl der weiblichen Besucher in etwa der der männlichen.

Die Jalsa Salana fand bis 2022 auf der Messe Karlsruhe statt – und wuchs. Schließlich, so Abdullah Uwe Wagishauser anlässlich der Pressekonferenz am ersten Tag der Versammlung, habe ein Mitglied der AfD in Karlsruhe darauf hingewiesen, dass das Messegelände dort nur für 20 000 Gäste zugelassen sei. Ein neuer Ort musste also gefunden werden. Die Gemeinde entschied sich für Stuttgart, obschon die AMJ in der Stadt nur 310 Mitglieder besitzt. In Hamburg, Frankfurt, sind es jeweils mehr als 1000. Farhan Mehmood, einer der vielen Ehrenamtlichen, die die Veranstaltung tragen, glaubt, dass die Jalsa Salana für einige Jahre in Stuttgart eine Heimat finden wird. Auf der Messe bleiben möchte die Glaubensgemeinschaft jedoch nicht: Sie sucht Gelände mit 70 bis 100 Hektar zu erwerben. In England verfügt sie über eine solche Fläche – dort entsteht Jahr für Jahr eine Zeltstadt.

Der große Augenblick ist schließlich gekommen: Hadhrat Mirza Masroor Ahmad und Abdullah-Uwe Wagishauser schreiten Seite an Seite über den roten Teppich zu den Fahnenmasten. Die Gläubigen drängen hinter den Absperrungen, Frauen und Kinder singen, Rufe werden laut, Sicherheitskräfte sind präsent. Und bald schon flattert die Fahne Deutschlands neben der Fahne der Ahmadiyya Muslim Jamaat. Später wird Kalif Mirza Masroor Ahmad lange sprechen über Fragen des Glaubens, vor einer Halle, die dicht besetzt ist mit muslimischen Männern. Dann das Gebet: Tausende sinken schweigend zu Boden. An der Wand der Messehalle, hinter ihnen, ein Transparent mit dem Slogan der AMJ: „Liebe für alle, Hass für keinen.“