Der 34-jährige Ahmad Al Saadi arbeitet für die Organisation Schalom Salam. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Ahmad Al Saadi floh als staatenloser Palästinenser mit 22 Jahren aus Syrien. Heute bildet er Allianzen zwischen Juden und Muslimen und beantwortet die Frage, wie man über den Nahostkonflikt sprechen kann.

Er sei er aus großer Überzeugung Deutscher geworden, erzählt der 34-Jährige Ahmad Al Saadi. Seit einem Jahr habe er nun die deutsche Staatsbürgerschaft. Vor allem der Glaube an die Würde aller Menschen und die Idee von gleichen Rechten habe ihn überzeugt, den komplizierten Antrag einzureichen. Inzwischen habe aber eine gewisse Resignation eingesetzt. „Ich bin enttäuscht, denn die Rechte gelten eben offenbar nicht für alle. Viele Muslime sehen sich immer wieder mit Vorurteilen und Misstrauen konfrontiert“, sagt der Stuttgarter.

 

Antiarabischen Rassismus habe es schon immer gegeben, aber seit dem 7. Oktober und dem Angriff der Hamas auf Israel sei dieser noch einmal schlimmer geworden, so seine Einschätzung. „Wir Palästinenser haben oft das Gefühl, dass wir nirgends richtig dazugehören und keinen Ort haben, wo wir ein sicheres Leben führen können.“ Das sind harte Worte in Anbetracht seiner Bilderbuch-Integrationsgeschichte. Al Saadi wuchs als staatenloser Palästinenser in einem syrischen Flüchtlingslager auf und floh mit 22 Jahren nach Deutschland. Heute spricht er so gut wie ein Muttersprachler Deutsch und arbeitet als Sozialarbeiter für die Organisation Schalom Salam, die sich für den Zusammenhalt zwischen Juden und Muslimen engagiert.

Menschen besuchen den Ort des Nova-Musikfestivals, bei dem Hunderte von Feiernden getötet und von der Hamas entführt und in den Gazastreifen verschleppt wurden, am einjährigen Jahrestag des Angriffs in der Nähe des Kibbutz Reim. +++ Foto: AP/Ariel Schalit

Das Projekt mit dem großen Ziel hat seinen Sitz im Stuttgarter Westen. Einfache Büroräume, Teppichboden, weiße Raufaserwände und viele Schreibtische. Al Saadi sitzt in einem Besprechungsraum. „Schon vor dem Überfall der Hamas auf Israel sei es schwierig gewesen, die Minderheiten zusammenzubringen, die seit 80 Jahren verfeindet sind“, sagt er. Doch man habe es in den vergangenen Jahren geschafft, ein Netzwerk aufzubauen und Allianzen zu knüpfen. Ziel des Projekts Schalom Salam sei es nicht, politische Lösungen zu suchen oder Debatten zu führen. Vielmehr gehe es darum, sich gegenseitig zuzuhören und die jeweils andere Seite besser zu verstehen.

Der Elefant im Raum

Mancherorts seien die Fronten derart verhärtet, dass überhaupt nicht über den Konflikt gesprochen wird. „Der Nahostkonflikt ist der Elefant im Raum“, drückt es der Stuttgarter aus. Neben einem konsequenten Vorgehen des Staates gegen Antisemitismus müsse es vor allem um Bildungsarbeit gehen, so der 34-Jährige. „Gleichzeitig darf dieser Schutz nicht die Meinungsfreiheit anderer einschränken. Denn Unterdrückung zeigt sich, wenn bestimmte Stimmen – wie etwa palästinensische – systematisch ignoriert oder unter Generalverdacht gestellt werden“, so Al Saadi.

Von den Demonstrationsverboten, die am 7. Oktober mancherorts verhängt wurden, hält der Palästinenser deshalb wenig. Unter anderem in Frankfurt war eine pro-palästinensische Demonstration verboten worden. Die Stadt begründete den Schritt damit, dass sie befürchte, dass es dort „Aufrufe zu Straftaten sowie israelfeindliche und antisemitische Äußerungen“ gebe. Es brauche andere Lösungen, so Al Saadi. Unter anderem in Stuttgart arbeite die Polizei mit strengen Auflagen in Hinblick auf antisemitische Äußerungen oder Aufrufe zur Gewalt. „Wenn sie nicht eingehalten werden, dann wird die Demo verboten, nicht schon vorher“, so Al Saadi. Es brauche Raum für freie Debatten, um eine weitere Radikalisierung zu verhindern.

Konfrontiert mit Alltagsrassismus

Al Saadi hat dunkelbraune Augen und fast schwarze, lockige Haare – vor allem wegen seiner arabischen Herkunft gerate er regelmäßig in Polizeikontrollen, erzählt er. Manchmal habe auch er Angst, dass er wieder fliehen muss, angesichts der rechtsextremen Tendenzen, die in Deutschland erstarken. „Diese Gefühle kommen ohne Vorwarnung.“

Auch wenn es hier Teil seines Jobs ist, über den Konflikt zu sprechen: In Hinblick auf seine eigene Geschichte fällt es dem 34-Jährigen sichtlich schwer, die richtigen Worte zu finden. Die vergangenen Monate hätten auch in ihm selbst zu einer Art Identitätskrise geführt. „Wenn du die deutsche Staatsbürgerschaft bekommst, bekommst du auch das deutsche Erbe“, erklärt Al Saadi. Er spricht vom Holocaust. Diese Schuld sei nun auch ein Teil seiner Identität, führt er aus.

Trotzdem sehe er als ehemaliger palästinensischer Flüchtling manche Dinge eben anders, als Menschen ohne Migrationshintergrund. „Ich finde zum Beispiel, Deutschland sollte sich nicht bedingungslos hinter Israel stellen“, sagt er. Momentan sei dort eine in Teilen rechtsextreme Regierung an der Macht. Wenn Deutschland den Frieden fördern will, muss es Bedingungen stellen, fasst er seine Position zusammen.

Gefühle als Lösung?

Was Krieg bedeutet, musste er am eigenen Leib erleben. „Der Ort, wo ich gewohnt habe, existiert nicht mehr. Viele Menschen, die ich kannte, leben nicht mehr oder sind auf der Welt verstreut“, sagt er. Als es 2011 zur Eskalation in Syrien kam, habe er mit anderen Palästinensern aus Verzweiflung beschlossen, nach Israel zu gehen. In den Golanhöhen hätten sie versucht, über die Grenze zu kommen. „Danach hatte ich eine Schussverletzung im Knie – von der israelischen Armee“, erzählt er. Über Jahre hatte er große Schmerzen, erzählt er.

Seinen Beitrag zu mehr Frieden sieht Al Saadi heute in der Arbeit bei Schalom Salam. „Es geht viel darum, über die eigenen Gefühle zu sprechen“, sagt er. Teil der Arbeit sei etwa die Biografiearbeit. Alle in den organisierten Runden dürften über ihre Erfahrungen sprechen. „Es geht darum, sich selbst zu fragen, wie man Teil der Lösung sein kann“, sagt er. In Theaterworkshops hätten sie etwa auch mal versucht, in die Rolle des vermeintlichen Feindes zu schlüpfen.

Irgendwo zwischen Luxus und Verzweiflung

Rollenspiele in Deutschland als Antwort auf Krieg? Auch Al Saadi komme oft an seine mentalen Grenzen.„Manchmal stehe ich morgens auf, schaue Nachrichten und habe danach das Gefühl, keine Energie mehr zu haben. „Das Herz macht das nicht mit, dieser ganze Schmerz. Das lässt Menschen verzweifeln“, sagt er. Viele westliche Medienberichte empfände er als bedrückend. Es gehe zu selten um das Leiden der Palästinenser im Gazastreifen, findet er. Manche hätten sogar den Eindruck, dass ihr Leben weniger zählt als das anderer Menschen. „Das Unnormale wurde zum Normalen. Und es ist nicht normal, dass da jeden Tag Menschen sterben“, so der 34-Jährige.

Wenn er heute mit Freunden spreche, die in den bedrohten Gebieten leben, dann bekomme er oft ein schlechtes Gewissen. Während er in Besprechungsräumen mit anderen über Gefühle spreche, fürchteten viele Palästinenser einen Genozid. Ein Freund von ihm lebe momentan im Süden von Beirut im Libanon, seine Frau sei schwanger. „Er weiß einfach nicht mehr, wohin“, erzählt Al Saadi. Palästinensischen Flüchtlingen blieben derzeit kaum Alternativen zur Flucht. „Was ist mit der großen Idee von Würde, wenn man nicht einmal seiner künftigen kleinen Familie das Minimum an Schutz bieten kann? Was für einen Wert hat so ein Leben?“, fragt Al Saadi. Er ist eigentlich ein Typ, der fröhlich und offen wirkt. Aber bei Gedanken an die Situation in Nahost und an die Freunde dort spricht aus ihm reine Frustration.

Wie neue Hoffnung schöpfen?

Woher nimmt er bei all den schrecklichen Nachrichten noch Energie, um sich tausende Kilometer entfernt vom Gazastreifen für Zusammenhalt einzusetzen? Seine Freizeit verbringe er am liebsten mit seiner Frau und seinem Sohn in seinem Schrebergarten. Auch wenn er länger mal weg sei, dann sei es vor allem dieser Ort, den er vermisse. „Ich habe in Stuttgart neue Wurzeln geschlagen“, sagt er. Inzwischen träume er auch auf Deutsch.

Politisch sei es außerdem der Austausch mit anderen, der ihm noch Hoffnung gebe: „Manchmal sitze ich mit israelischen Freunden zusammen und wir sprechen über eine Utopie und philosophieren herum. Dann überlegen wir, wie ein gemeinsames Land aussehen könnte, eine gemeinsame Flagge, ein gemeinsames Leben. Ein Land, wo alle Muslime und Juden mit gleichen Rechten und Pflichten leben könnten. Das ist unser Nordstern.“