Bei der Fahnenfabrik Dommer war der Andrang der jugendlichen Interessenten groß. Mit einer sogenannten VR-Brille können sich Interessenten bei dem Parcours auch virtuell an verschiedene Arbeitsplätze versetzen lassen. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Mit einem Parcours bietet die Agentur für Arbeit Einblicke in verschiedene Berufsfelder. So manche davon kennen die künftigen Auszubildenden noch gar nicht.

S-Nord - Am liebsten würde Erlend (15) nach seinem Hauptschulabschluss eine Ausbildung im Handwerk beginnen. Trotzdem hat das Banner der „ALL.EX-Schädlingsbekämpfung“ seine Neugier geweckt. Es zeigt den Inhaber Maikl R. Wirth als Auftragskiller in Ungezieferfragen. „Handwerk spielt bei uns eher eine untergeordnete Rolle“, sagt der Fachmann für Aufgaben wie Mardervergrämung und Taubenabwehr. „Wir sind Dienstleister, und genau das macht den Job attraktiv. Man ist viel unterwegs, trifft neue Menschen und begegnet neuen Herausforderungen.“

Parcours mit 18 Arbeitgebern

Wirth’s Unternehmen ist einer von 18 Arbeitgebern, die sich am Dienstag bei der Agentur für Arbeit an der Nordbahnhofstraße eingefunden haben. Dort fand anlässlich der Woche der Ausbildung ein Parcours der Berufsberatung statt.

Von der Fahnenfabrik Dommer bis zur Rohr- und Kanalreinigung Gobs, von der Caritas bis zur Wörwag GmbH informieren kleine Firmen und große Unternehmen unter dem Motto „Entdecke Neues“ über das Spektrum unterschiedlicher Ausbildungsberufe.

Hinzu kommen Einblicke im wörtlichen Sinne: Mit der VR-Brille kann man sich in einem separaten Raum an einen virtuellen Arbeitsplatz versetzen lassen und sich für einen Moment als Polizist, Friedhofsgärtner oder Zerspanungsmechaniker fühlen. „Bei der Erzieherin waren da plötzlich rechts und links Kinder, die spielen“, sagt Stefania. Wenig später steht die 17-Jährige am Infostand der Deutschen Bahn, um sich über die Möglichkeiten schlau zu machen, dort kaufmännisch tätig zu werden.

Im Schwimmbad braucht man auch Techniker

„Ich finde es schön, dass wir Ausbildungssuchende und Arbeitgeber wirklich miteinander ins Gespräch bringen können“, sagt einer der Berufsberater. „Ich bin sicher, dass viele der Berufe, die heute vorgestellt werden, nicht auf den Wunschlisten der jungen Leute stehen, weil sie gar nicht bekannt sind.“

Einige Jugendliche haben auch falsche Vorstellungen. Uwe Klatte von den Bäderbetrieben Stuttgart erklärt einer Gruppe, dass ein Fachangestellter bei ihnen nicht nur am Beckenrand sitzt, sondern technischen Sachverstand benötigt, etwa bei der Wartung der Anlagen, die für die hygienischen Standards im Wasser verantwortlich sind.

Uwe Schimmel vertritt den Snack-Franchiser tobi’s und berät zwei Gastro-Interessierte. Schnell hat er erkannt, dass sich die beiden sprachlich noch unsicher fühlen und am liebsten in einer Küche ohne Kundenkontakt arbeiten würden. „Bei uns ist alles offen“, erklärt er. „Vielleicht fragt ihr einfach mal da drüben bei der Alten Kanzlei nach?“

Mehmet Bozdemir kennt das Problem der Sprachbarriere. Bei der Netze BW betreut er die EQ-Klasse, in der junge Flüchtlinge zwölf Monate lang eine Eingangsqualifikation erwerben können, um im Anschluss eine Ausbildung zu beginnen. „Wir sprechen hier konsequent deutsch“, erklärt Bozdemier dem Vorsitzenden der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele.

Mehr Auszubildende bei Netze BW

Auch der bundesweite Chef hat sich am Dienstag über die Strategien des Unternehmens gegen den Fachkräftemangel informiert. Auch sein Besuch erfolgt im Rahmen der Woche der Ausbildung. Obwohl eine aktuelle Studie des Wissenschaftszentrums Berlin einen Rückgang der Auszubildendenzahlen im Energiesektor verzeichnet, gibt es bei der Netze BW eine deutliche Zunahme. Bei den technischen Ausbildungsgängen stiegen die Einstellungszahlen seit 2013 von 120 auf 202.

Nicht nur die Zahlen stimmen, sondern auch die Qualität der Ausbildung. „Unsere Azubis lernen an modernen E-Ladestationen, am Breitbandnetz oder nutzen digitale Techniken, etwa an einer Station, die das virtuelle Schweißen ermöglicht“, sagt Bodo Moray. Er ist Arbeitsdirektor bei Netze BW. „Es ist wichtig, Unternehmen bei der Nachwuchsgewinnung zu unterstützen“, sagt Susanne Koch, die Chefin der Stuttgarter Arbeitsagentur. Neben der Förderung leistungsschwächerer Bewerber sieht sie in der Gewinnung von Mädchen für vermeintliche Männerberufe ein erhebliches Potenzial. Hier zeige sich die Netze BW ebenfalls engagiert: Neben dem Girls Day bietet man spezielle Girls Weeks an. Für seinen Einsatz in Ausbildungsbelangen wurde das Unternehmen von Agenturchef Scheele mit einem Zertifikat ausgezeichnet.

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