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Afrika Seychellen: Jedem sein Paradies

Von Klaus Eichmüller aus Victoria 

Die Insel La Digue lockt mit Granitfelsen und Traumstränden. Foto: Eichmüller
Die Insel La Digue lockt mit Granitfelsen und Traumstränden. Foto: Eichmüller

Auf den Seychellen finden Wanderer, Künstler und Feinschmecker ihr ganz persönliches Traumziel.

Victoria - Michael Adams ist wohl der einzige Mensch im Paradies, der eine Wärmflasche braucht. Sie ist nicht mit heißem Wasser gefüllt, sondern schwarz-weiß gefleckt und schnurrt behaglich. Kater Lazard schmiegt sich im Stuhl an den Rücken des Malers, der in seinem heruntergekühlten Atelier im Urwald der Insel Mahé arbeitet. „Die Katze wärmt mich.“ Eigentlich heißt Michael Adams Sir Michael Adams und gilt als der Gauguin der Seychellen. 2000 hat die Queen den bekanntesten Maler der Inselgruppe geadelt. Sir Adams empfängt in farbverschmierter Hose, Hawaiihemd und mit struppigem Bart. Mit lebhaften Gesten erzählt er seine Geschichte. Vom ostpreußischen Großvater erzählt er, vor allem aber vom verlorenen und wiedergefundenen Paradies.

Viele Jahre lebte der Maler in Kenia und Uganda, bevor er 1972 „vor der Mörder-Clique Idi Amins fliehen muss“. Mit seiner Frau Heather findet er im Dschungel von Mahé „ein neues Paradies“. Vor Adams Augen erstreckt sich eine grüne Hölle, die zu betrachten und darzustellen der Künstler nicht müde wird. „Nach dem Regen glänzt der Bambus wie das Schmuckarmband einer schönen Frau“, schwärmt er. 1000 Dschungeldetails setzt er zu immer neuen Gemälden zusammen, deren Originale inzwischen fast unbezahlbar sind. Wer heute von Afrika ins Paradies der Seychellen will, der sollte flach atmen. Auf dem Flug von Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, nach Victoria auf Mahé werden Servietten verteilt. Vor die Nase gehalten sollen sie vor dem Insektenspray schützen, mit dem die Stewardessen die Passagierkabine einnebeln. Keine Gelbfieber-Mücke darf ins Land. Die Seychellen sollen, auch was Tropenkrankheiten betrifft, ein Paradies bleiben. Hier gibt es keine Malaria, kein Gelbfieber, außerdem ist bis auf zwei relativ harmlose Skorpionarten kein giftiges Landtier bekannt. Als die ersten Seefahrer den Archipel im Indischen Ozean entdeckten, fühlten sie sich fast im Garten Eden. Hier, so glaubten die Männer, wachsen die Frauen auf Palmen. Ein nachvollziehbarer Irrtum.

 „Wir planen einen Zuwachs von 175.000 auf 200.000 Gäste pro Jahr“

Die Coco de Mer, die Seychellen-Nuss, erinnert in ihrer Form an die wohlgeformte Hüfte einer Frau. Eines der letzte Rückzugsgebiete der Nuss ist das Vallée de Mai, ein Naturschutzgebiet auf der zweitgrößten Insel Praslin. Auf der Nordseite von Praslin liegt Anse Lazio, der nicht zufällig regelmäßig in der Liste der zehn schönsten Strände der Welt auftaucht. Weißer Sand, das türkisblaue Wasser misst 27 Grad, an den Felsen tummeln sich bunte Fische. Hier vergisst der Schnorchler die Zeit. Bei der Rückkehr aus dem Wasser steht ein Uniformierter neben den Rucksäcken im Schatten. „Mein Name ist Paul, ich bin Polizeischüler“, stellt sich der junge Schwarze höflich vor. Dann rät er, das Gepäck künftig nicht mehr direkt am Unterholz abzustellen. Gewaltverbrechen gäbe es auf den Inseln kaum, versichert Paul. Aber hin und wieder würden Langfinger zugreifen. „Deshalb passen zwei Kollegen und ich auf.“ Kein Schatten soll aufs Paradies fallen. Schließlich wollen die Seychellen stärker vom Tourismus profitieren. „Wir planen einen Zuwachs von 175 000 auf 200 000 Gäste pro Jahr“, sagt Alain St. Ange.

Der Tourismusminister, der mit seinen Sommersprossen wie ein irischer Bauer wirkt, schielt dabei nicht nur nach Europa und den USA, sondern nach dem wachsenden Mittelstand in China und Indien. „Wir wollen keinen Massentourismus, wir wollen aber auch nicht nur teuren Luxustourismus.“ Die Einnahmen sollen in viele Taschen fließen, auch in die Kassen privater Gästehäuser und kleiner Restaurants. Auf La Digue, der viertgrößten Insel des Archipels, funktioniert dieses System schon. Viele private Vermieter bieten günstige Unterkünfte an. Individualtouristen werden am Hafen der autofreien Insel mit Ochsenkarren abgeholt. Wer mit dem Fahrrad durch Urwald, Gärten, Kokos- und Vanilleplantagen radelt, kann den Paradise-Flycatcher mit seinem langen Federschweif entdecken. Weder Glück noch Ausdauer braucht der Radler, um zu einem der Traumstrände zu gelangen. Einer der bekanntesten ist der in einem Nationalpark gelegen Anse Source D’Argent, der es mit seinen glatt geschliffenen Granitfelsen und Kokospalmen bis in die Bacardi-Werbung geschafft hat. In der Strandkneipe kann Kellnerin Christine auf die Frage, wie viele Menschen von Kokosnüssen erschlagen werden, nur lachen. „Nicht einer“, versichert Christine. „Denn erstens fallen die Nüsse nur nachts.“ Und zweitens? „Wenn sie tagsüber fallen, dann fallen sie vorsichtig. Denn Kokosnüsse haben drei Augen.“

Auf der Rückfahrt mit der Fähre nach Mahé gleitet kurz vor dem Hafen von Victoria ein weiteres Paradies vorbei. Auf einer künstlichen Insel sind Luxusvillen und Yachthäfen entstanden. Eden Island heißt das Projekt. Wer sich für richtig teures Geld in dieses künstliche Paradies in Flughafennähe einkauft, erwirbt damit ein Dauerwohnrecht. Am langen Strand von Beau Vallon, im Norden von Mahé, wo der Seychellen-Tourismus vor über 30 Jahren begann, erzählt der Österreicher Albert (42) auf der Hotelterrasse von seiner Paradies-Tour rund um die Welt. In der Hotelbranche ist er seit 22 Jahren unterwegs. Von Hawaii nach Tahiti, wo er seine Frau kennenlernte, von Ägypten auf die Komoren und die Malediven. Jetzt soll er hier im Hotel, das die neuen russischen Besitzer gerade renoviert haben, neben dem Service auch das kulinarische Angebot auf Spitzenniveau bringen. Das ist trotz aller Raffinesse der kreolischen Küche nicht leicht. Im Paradiesgarten, in dem alle tropischen Früchte wachsen, existiert kein funktionierender Agrarmarkt. Die Kleinbauern produzieren nur für sich. Entsprechend karg ist das Angebot in der Markthalle von Victoria. „Wir müssen fast alles aus Südafrika oder Madagaskar importieren“, sagt der Hotelmanager. Sein Blick geht nach Norden. Dort ist North Island zu erkennen, eine Privatinsel, die nur per Hubschrauber zu erreichen ist. Prinz William und Kate haben dort 2011 die Flitterwochen verbracht. Im Paradies auf Zeit.

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