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Wie deutsche Elitesoldaten Taliban jagten - Einblicke in eine geheime Welt.

Kabul/Calw - Der Krieg kam am 25. September 2001 nach Calw. Ohne jede Aufregung. Auf ein paar Seiten Papier, zugesandt per geheimer Depesche aus Berlin. Darauf hatte das Verteidigungsministerium dem Kommandeur des Kommandos Spezialkräfte (KSK) den Willen der Bundesregierung übermittelt: Deutsche Soldaten beteiligen sich nach den Terroranschlägen von New York und Washington am abzusehenden Krieg gegen den Terrorismus.

Für den sammelten die USA ihre Truppen und ihre Verbündeten. Für das Gefecht am Hindukusch, so die ministerielle Order, sollte das KSK jetzt „optionale Planungen für die Beteiligung deutscher Spezialkräfte an der Operation Enduring Freedom erstellen“ und eine „Kurzbewertung möglicher Einsatzoptionen“ vorlegen. Noch am gleichen Tag begann das Kommando damit, Pläne für den Einsatz in Afghanistan zu entwickeln. Pläne, die die Deutschen direkt in eine der blutigsten Schlachten bringen sollten, die in diesem Krieg bislang geschlagen wurden: Mitten hinein in die „Operation Anaconda“. Hinein in den Operationsraum „D“ auf den schneebedeckten Gipfeln rund um den 3934 Meter hohen Talab Khel, der das Shahi-Kot-Tal in der Nähe der ostafghanischen Stadt Gardez beherrscht.

Aus „geheim“ eingestuften Unterlagen, die unserer Zeitung vorliegen, geht hervor, dass 128 KSK-Soldaten Anfang 2002 Kandahar im Süden des Landes erreichen. An Einsätze ist für die Deutschen zunächst nicht zu denken. Denn auf dem Gefechtsfeld wollen die Amerikaner alles selbst regeln. Das KSK ist für den US-Kommandeur der alliierten Spezialkräfte im Kampf gegen die Streitmacht des afghanischen Taliban-Regimes und gegen Kämpfer des Osama-bin-Laden-Netzwerks Al-Kaida, das sich mit den Terrorangriffen auf die USA brüstet, allenfalls dritte Wahl. „Wir wollten zeigen, was wir drauf hatten, wofür wir jahrelang geübt haben – und die Amerikaner fuhren die Einsätze selbst“, erinnert sich ein früherer Oberfeldwebel des Kommandos.

Der nistet sich mit seinen Kameraden unter primitivsten Bedingungen auf dem minenverseuchten und zerstörten Flugplatz ein. Die Stimmung sinkt. Einer der früheren Offiziere erzählt: „Wir haben angefangen, in Kandahar das zu tun, was wir in Deutschland deutlich besser hätten tun können: üben, üben, üben!“ Um die Stimmung bei seinen Untergebenen zu heben, fasst der Kommandeur der Deutschen eine Party für alle auf dem Flughafen Kandahar untergebrachten Spezialkräfte der Allianz ins Auge. Die Erwartungshaltung des amerikanische Kommandeurs der internationale Truppe an die Deutschen sei hoch, meldet der Fallschirmjäger-Oberst, „insbesondere was die Bereitstellung der deutschen Spezialität, nämlich Bier, angeht“. Er ordert mit einem Versorgungsflug für den 24. Januar außerdem Dosenwurst und Schwarzwälder ­Schinken.

Die Lage ändert sich rapide am 17. Februar. Auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Bagram bei Kabul hören die multinationalen Spezialkräfte erstmals, was auf sie zukommt: An diesem Tag erhalten die Kommandeure den Befehl zur Operation Anaconda. In der wollen die US-Truppen nahe der Grenze zu Pakistan südlich von Gardez Taliban- und Al-Kaida-Kämpfer aus ihren Stellungen in den Bergen sowie im Shahi-Kot-Tal vertreiben. Amerikanische und kanadische Infanterie soll die Aufständischen „in einer großen Schlacht vernichten“, wie ein geheimer Befehl für die Mission vorschreibt. Internationale Spezialkräfte sollen dabei die Bewegungen der selbst ernannten Gotteskrieger beobachten, melden und sie gegebenenfalls mit Luftangriffen bekämpfen.

Die Erwartungen an die Deutschen sind klar: Sie sollen sich „im schwierigen winterlichen Gelände“ verstecken, Stellungen der Taliban ausspähen und melden. Doch Informationen über die Details der Operation fließen spärlich. Der deutsche Kommandeur beschwert sich, seine Soldaten seien auf „informellem Wege ... teilweise besser“ informiert, als er durch die Befehle seiner amerikanischen Vorgesetzten.

Späher werden von Kindern entdeckt

Gleichwohl: „Mit den Vorbereitungen für Anaconda ging ein Ruck durch die Truppe“, sagt ein damals beteiligter KSK-Offizier. Die Spähtrupps werden zusammengestellt: Erfahrene Aufklärer der Fernspählehrkompanie 200 aus Pfullendorf, junge Kommandosoldaten der 3. Kommandos KSK aus Calw, die ihren ersten Einsätzen entgegensehen. Für jeden Soldaten, der dafür vorgesehen ist, wird ein Ersatzmann bestimmt, der ebenso an den geheimen Vorbereitungen der Späher teilnimmt. Erst wird der 26. Februar zum Anaconda-Start bestimmt. Dann wird der Beginn auf den 1. März verschoben.

Zu diesem Zeitpunkt verstärken die Aufständischen bereits vehement ihre Kräfte im Shahi-Kot-Tal. Seit dem 25. Februar registrieren die Nachrichtenoffiziere „unfamgreichen Lkw-Verkehr ... sowie Vorkehrungen zur Verteidigung einer Linie, die entlang der Ortschaften Zurmat, Sherkhankhel-Zerak-Orgun-Sar Hawzeh verläuft“. Außen sichern angeblich Hunderte Taliban das Gelände. Ein innerer Ring werde von 580 bis 700 tschetschenischen und arabischen Al-Kaida-Kämpfern gebildet. Hinzu kämen Kampf- und Schützenpanzer, Flugabwehrgeschütze. Der US-Plan, mit einem massiven Angriff die Aufständischen dazu zu bewegen, sich nach Pakistan abzusetzen und ihre Fluchtwege aufzudecken – dieser Plan, mutmaßen die deutschen Kommandos in einer geheimen Analyse für das Einsatzführungskommando in Potsdam vom 1. März, „kann, in Anbetracht der erkannten Verteidigungsvorbereitungen, ggf. nicht vollständig umgesetzt werden“.

Am gleichen Tag werden die drei deutschen Aufklärungstrupps 9 A, 9 B und 9 D nachts mit amerikanischen Hubschraubern in ihren Einsatzraum geflogen. Für die Soldaten des Trupps 9 A wird es ein kurzer Ausflug: Nachdem sie den Helikopter verlassen haben, stellen sie fest, dass sie ihren Auftrag nicht fortsetzen können: Das Gelände ist steiler, der Schnee höher, als es die amerikanische Erkundung vermuten ließ. „Dafür war der Trupp nicht ausgerüstet“, sagt einer der Kämpfer. Um 4.35 Uhr deutscher Zeit werden die Späher zudem von sechs Kindern und wenig später auch von vier Holzfällern aufgespürt, die Spuren im Schnee entdeckt haben. Trupp 9A wird am folgenden Tag um 18.15 Uhr ausgeflogen.

Die beiden anderen Trupps erreichen hingegen ihre Beobachtungsverstecke. „Der Schnee lag zwischen 20 und 60 Zentimeter hoch – auf gut 3000 Metern Höhe ist das im Gebirge kein Vergnügen“, erzählt einer der Beteiligten. Noch in der Nacht verstecken sie sich, tarnen ihre Stellungen so, dass sie auch aus nächster Entfernung kaum zu sehen sind. Trupp 9 D meldet bereits in der ersten Nacht „Fluchtbewegungen“.

Insgesamt werden in der Nacht 16 Trupps mit Spezialkräften in Ostafghanistan angelandet. Die Kommandos kommen aus Deutschland, Dänemark, Norwegen, Neuseeland und Kanada. Drei Gruppen brechen ihren Einsatz ab. Die anderen beobachten, wie am kommenden Morgen schwere Kämpfe ausbrechen – und sich die Schlacht zum Desaster für die US-Armee entwickelt.

Ungeheurer Druck von US-Seite

Die reagiert unverzüglich: Sie will deutsche und kanadische Elitesoldaten auf das Gefechtsfeld bringen, um ihre eigenen Verluste auszugleichen. Der deutsche Kommandeur in Kandahar klagt im Telefonat mit seinen Vorgesetzten im fernen Potsdam: „Es wird derzeit von US-Seite ein ungeheurerer Druck aufgebaut mit dem Ziel, GE und CA Spezialkräfte in den Einsatz zu bringen.“

Am 6. März herrscht bittere Gewissheit: Taliban und Al-Kaida-Kämpfer haben zwei US-Hubschrauber abgeschossen, die Amerikaner beklagen neun Tote. Im Angriffsziel der US-Infanteristen, dem „Objekt Remington“, hat sich „ein Abnutzungskampf“ zwischen Amerikanern und Aufständischen entwickelt. Der, orakelt der deutsche Oberst, der das KSK in Afghanistan von Kandahar aus führt, werde sehr viele Menschenleben kosten. „Der massive Einsatz der US Luftwaffe zeigt nur wenig Wirkung. ... Es ist eine grundsätzliche Lageänderung (Notlage) eingetreten.“ Entsprechend willigt der Befehlshaber des Einsatzführungskommandos, Generalleutnant Friedrich Riechmann ein, dass der deutsche Kommandeur in Kandahar „die grundsätzliche Bereitschaft zur Übernahme eines Auftrags zum Einsatz“ als schnelle Eingreifreserve erklärt. Dazu kommt es allerdings nicht. Die USA setzen auf kanadische Infanteristen statt auf Spezialkräfte. Und sie müssen ihre Kräfte umgruppieren. Deshalb sollen auch die Späher abgezogen und mit Hubschraubern vom Gefechtsfeld geholt werden.

Das wird bei Trupp 9 B ebenfalls am 5. März notwendig. Eine Ziegenherde nähert sich dem Versteck der deutschen Aufklärer. „Wir haben Steine geworfen, um sie zu vertreiben“, erzählt einer der Soldaten. Zwecklos: Wenig später taucht auch der Hirte auf und entdeckt die Antenne des Funkgerätes. „Der hat sich dann zu uns runtergebückt, ,Salem Aleikum’ gesagt und ist weitergegangen“. Die Soldaten werden um 19.35 Uhr ausgeflogen. Nicht ohne Folgen: Die Amerikaner sind stinksauer auf alles, was mit Anaconda zu tun hat, die sich, wie der deutsche Kommandeur nach Potsdam schreibt, zur „Blindschleiche“ entwickelt.

Ihren Frust lassen die Amerikaner auch an den deutschen KSK-Spähern aus: Ein früherer Hauptfeldwebel, der dabei war, berichtet: Die Deutschen seien angeschrien worden, sie hätten den Ziegenhirten einfach mit einer schallgedämpften Waffe „eliminieren sollen“. Eine Forderung, die Entsetzen bei den Deutschen auslöst: „So etwas passt nicht zu einem Kommandosoldaten“, sagt der Ex-KSK-Kämpfer. Der Vorfall schlägt Wellen bis zum zentralen Oberkommando der US-Streitkräfte in Tampa/Florida. Dort beschweren sich die Amerikaner, berichtet der deutsche Verbindungsoffizier geheim nach Berlin, „über das mandatskonforme Verhalten des KSK“.

Einen Tag später, exakt vor zehn Jahren wird auch der letzte deutsche Kommandotrupp vom Schlachtfeld Shahi-Kot geholt. Zuvor haben die Späher den Eingang zu einem Tunnelsystem der Al-Kaida entdeckt, das britische Pioniere im darauffolgenden Mai sprengen werden. Bis auf 30 Meter haben sich Afghanen auch dem Versteck der 9-D-Aufklärer genähert, ohne die Deutschen zu entdecken. Planmäßig werden die KSK-Männer am 6. März 2002 um 20.35 Uhr deutscher Zeit ausgeflogen . Die Operation Anaconda ist für die Bundeswehr beendet. Der Kommandierende schreibt in seine Einsatzmeldung lapidar: „Auftrag ohne Vorkommnisse ausgeführt“.

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