Afghanistan Anaconda wird zur Blindschleiche

Von Christoph Reisinger 

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Wie deutsche Elitesoldaten Taliban jagten - Einblicke in eine geheime Welt.

Kabul/Calw - Der Krieg kam am 25. September 2001 nach Calw. Ohne jede Aufregung. Auf ein paar Seiten Papier, zugesandt per geheimer Depesche aus Berlin. Darauf hatte das Verteidigungsministerium dem Kommandeur des Kommandos Spezialkräfte (KSK) den Willen der Bundesregierung übermittelt: Deutsche Soldaten beteiligen sich nach den Terroranschlägen von New York und Washington am abzusehenden Krieg gegen den Terrorismus.

Für den sammelten die USA ihre Truppen und ihre Verbündeten. Für das Gefecht am Hindukusch, so die ministerielle Order, sollte das KSK jetzt „optionale Planungen für die Beteiligung deutscher Spezialkräfte an der Operation Enduring Freedom erstellen“ und eine „Kurzbewertung möglicher Einsatzoptionen“ vorlegen. Noch am gleichen Tag begann das Kommando damit, Pläne für den Einsatz in Afghanistan zu entwickeln. Pläne, die die Deutschen direkt in eine der blutigsten Schlachten bringen sollten, die in diesem Krieg bislang geschlagen wurden: Mitten hinein in die „Operation Anaconda“. Hinein in den Operationsraum „D“ auf den schneebedeckten Gipfeln rund um den 3934 Meter hohen Talab Khel, der das Shahi-Kot-Tal in der Nähe der ostafghanischen Stadt Gardez beherrscht.

Aus „geheim“ eingestuften Unterlagen, die unserer Zeitung vorliegen, geht hervor, dass 128 KSK-Soldaten Anfang 2002 Kandahar im Süden des Landes erreichen. An Einsätze ist für die Deutschen zunächst nicht zu denken. Denn auf dem Gefechtsfeld wollen die Amerikaner alles selbst regeln. Das KSK ist für den US-Kommandeur der alliierten Spezialkräfte im Kampf gegen die Streitmacht des afghanischen Taliban-Regimes und gegen Kämpfer des Osama-bin-Laden-Netzwerks Al-Kaida, das sich mit den Terrorangriffen auf die USA brüstet, allenfalls dritte Wahl. „Wir wollten zeigen, was wir drauf hatten, wofür wir jahrelang geübt haben – und die Amerikaner fuhren die Einsätze selbst“, erinnert sich ein früherer Oberfeldwebel des Kommandos.

Der nistet sich mit seinen Kameraden unter primitivsten Bedingungen auf dem minenverseuchten und zerstörten Flugplatz ein. Die Stimmung sinkt. Einer der früheren Offiziere erzählt: „Wir haben angefangen, in Kandahar das zu tun, was wir in Deutschland deutlich besser hätten tun können: üben, üben, üben!“ Um die Stimmung bei seinen Untergebenen zu heben, fasst der Kommandeur der Deutschen eine Party für alle auf dem Flughafen Kandahar untergebrachten Spezialkräfte der Allianz ins Auge. Die Erwartungshaltung des amerikanische Kommandeurs der internationale Truppe an die Deutschen sei hoch, meldet der Fallschirmjäger-Oberst, „insbesondere was die Bereitstellung der deutschen Spezialität, nämlich Bier, angeht“. Er ordert mit einem Versorgungsflug für den 24. Januar außerdem Dosenwurst und Schwarzwälder ­Schinken.

Die Lage ändert sich rapide am 17. Februar. Auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Bagram bei Kabul hören die multinationalen Spezialkräfte erstmals, was auf sie zukommt: An diesem Tag erhalten die Kommandeure den Befehl zur Operation Anaconda. In der wollen die US-Truppen nahe der Grenze zu Pakistan südlich von Gardez Taliban- und Al-Kaida-Kämpfer aus ihren Stellungen in den Bergen sowie im Shahi-Kot-Tal vertreiben. Amerikanische und kanadische Infanterie soll die Aufständischen „in einer großen Schlacht vernichten“, wie ein geheimer Befehl für die Mission vorschreibt. Internationale Spezialkräfte sollen dabei die Bewegungen der selbst ernannten Gotteskrieger beobachten, melden und sie gegebenenfalls mit Luftangriffen bekämpfen.

Die Erwartungen an die Deutschen sind klar: Sie sollen sich „im schwierigen winterlichen Gelände“ verstecken, Stellungen der Taliban ausspähen und melden. Doch Informationen über die Details der Operation fließen spärlich. Der deutsche Kommandeur beschwert sich, seine Soldaten seien auf „informellem Wege ... teilweise besser“ informiert, als er durch die Befehle seiner amerikanischen Vorgesetzten.

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