Vor dem Naturfreundehaus versammelte sich die Antifa – das AfD-Treffen war zu diesem Zeitpunkt bereits abgesagt. Foto: Melissa Schaich

Eigentlich wollte sich der AfD-Landesverband zum Politischen Aschermittwoch im Naturfreundehaus am Fuchsberg in Sindelfingen treffen. Doch die Naturfreunde untersagen der Partei kurzfristig, das Gebäude zu nutzen.

Skurriles Szenario am Mittwoch gegen 18 Uhr am Naturfreundehaus: Rund 15 Demonstranten der Antifa positionieren sich mit ihren Bannern vor der Gaststätte am Fuchsberg, drinnen sitzen eine Handvoll AfD-Mitglieder und -Sympathisanten sowie ein Mann, der eigentlich nur sein abendliches Bier trinken will. Ein Streifenwagen der Polizei ist auch vor Ort. Zu tun gibt es für die Beamten nichts. Eigentlich sollte hier – im Sindelfinger Stadtteil Viehweide – der Politische Aschermittwoch des AfD-Landesverbands stattfinden. Doch dieses Treffen war nicht nur kaum angekündigt worden – es wurde auch extrem kurzfristig abgesagt.

 

Kurzfristiger Umzug nach Stuttgart

Erst am Tag der Veranstaltung realisieren die Naturfreunde offenbar, dass sich die AfD bei ihnen eingemietet hat. Der Verein reagiert umgehend und untersagt am Nachmittag das Treffen im Naturfreundehaus. Die AfD muss sich kurzfristig eine andere Bleibe suchen und zieht schließlich in die eigene Landesgeschäftsstelle nach Stuttgart um, wo am Abend gegen die politischen Gegner abgeledert wird.

Doch Verwirrung und Rätselraten um die AfD-Veranstaltung begannen schon im Vorfeld. Erst am Dienstagabend wurde über eine allgemeine Veranstaltungsübersicht bekannt, dass sich die AfD mit ihren Landesvorsitzenden Markus Frohnmaier und Emil Sänze am Mittwoch ab 18 Uhr in Sindelfingen treffen will. Aber wo genau?

Rätselraten um den Treffpunkt

Eine direkte Einladung oder Ankündigung der Partei liegt nicht vor, im Internet ist nichts zu finden. Selbst ein Anruf der Journalisten in der AfD-Landesgeschäftsstelle am Mittwoch gegen 10.30 Uhr schafft keine Abhilfe. Man wisse auch nichts Genaues, heißt es dort. Journalisten seien wohl zugelassen, aber das müsse direkt bei Markus Frohnmaier erfragt werden. Also erfolgt der Anruf im Bundestagsbüro von Markus Frohnmaier in Berlin. Man mache hier zwar keine Landesverbandsarbeit, sagt ein Mitarbeiter, verspricht aber, die Lage abzuklären.

Gegen 11.30 Uhr erfolgt der Rückruf: „Die AfD trifft sich im Naturfreundehaus am Fuchsberg, Ernst-Barlach-Straße 40“, sagt ein weiterer Mitarbeiter bereitwillig. Ob die Veranstaltung öffentlich sei? „Naja, wenn Sie als Presse kommen, dann ist sie wohl öffentlich.“ Man sei nun also angemeldet, Markus Frohnmaier wisse Bescheid. Also bereitet sich die Redaktion darauf vor, dem Politischen Aschermittwoch des AfD-Landesverbands beizuwohnen – der genaue Veranstaltungsort ist nun ja bekannt.

Doch am Nachmittag sickert durch, dass es keine Veranstaltung in Sindelfingen geben wird. Vielleicht an einem anderem Ort? Unklar. Der Grund der kurzfristigen Änderungen ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt, die Fragezeichen sind groß.

Die Absage haben auch einige AfD-Mitglieder nicht mitbekommen

Um 18 Uhr jedenfalls stehen sich Antifa und AfD-Sympathisanten kurzzeitig am Sindelfinger Naturfreundehaus gegenüber, die Absage der Veranstaltung überrascht sie alle. Selbst die wenigen anwesenden AfD-Mitglieder haben – trotz ursprünglicher Einladung über einen Mailverteiler – von der Verlegung nach Stuttgart nichts mitbekommen. Einige sind enttäuscht: Teilweise haben sie weite Wege auf sich genommen.

Tatsächlich haben in der Zwischenzeit die Naturfreunde ihr deutliches Veto eingelegt. Am Tag des geplanten AfD-Treffens erfährt der Geschäftsführer der Naturfreunde Württemberg, Alexander Habermeier, gegen 12 Uhr, dass die AfD die Räumlichkeiten des Vereins nutzen will. „Mir war klar, dass wir gleich handeln müssen, weil die Zeit drängte“, erzählt er. Über die Pächterin des Naturfreundehauses organisiert er die Kontaktdaten der AfD-Verantwortlichen und untersagt der Partei, sich dort zu treffen.

Die Naturfreunde sind deutlich

Dies sei möglich, weil der Pachtvertrag „Veranstaltungen demokratiegefährdender Vereine und Parteien“ explizit ausschließe, erläutern die Naturfreunde in einer Pressemitteilung am Donnerstag. Der Verein kündigt sogar an, dass die Pächterin eine Abmahnung erhalten und im Wiederholungsfalle mit einer Kündigung rechnen müsse.

Die Naturfreunde Württemberg seien Teil des überparteilichen und zivilgesellschaftlichen „Bündnis für Demokratie und Menschenrechte“, betont der Verein. „Wir Naturfreunde stehen für eine offene und bunte Gesellschaft und unterstützen deshalb dieses Bündnis gerne und mit voller Überzeugung“, sagt Habermeier, „die AfD hat deshalb in unseren Häusern nichts zu suchen.“

Pächterin will nicht gewusst haben, dass sich die AfD einmietet

Die Pächterin des Naturfreundehauses sagt, sie habe nicht gewusst, dass es sich um eine Anfrage der AfD gehandelt habe. Sie sitzt nun auf dem Essen, das sie für den Abend bestellt hatte. „Die Pächterin war mit unserem Vorgehen einverstanden“, sagt Alexander Habermeier auf Nachfrage unserer Zeitung. Es könne sehr gut sein, dass es bei der von Geheimnistuerei geprägten Veranstaltung nicht klar gewesen sei, wer sich da in dem Naturfreundehaus treffen sollte.

Dass die AfD ein politisches Zeichen setzen wollte, indem sie sich ausgerechnet in einem Naturfreundehaus zusammensetzt, bezweifelt Alexander Habermeier. „Ich will da keine größere Botschaft hineininterpretieren“, sagt er. Er glaube, dass es lediglich eine Frage der Verfügbarkeit war.

Auf der AfD-Landesgeschäftsstelle in Stuttgart war am Donnerstagvormittag telefonisch niemand für eine Stellungnahme zu erreichen. Eine Anfrage per Mail blieb bis 17 Uhr unbeantwortet.