Aus dem Kino will die AfD ein „patriotisches Zentrum“ machen. Ein „Bürgerbüro“ ist bereits eingerichtet, Veranstaltungen für bis zu 100 Personen sind dort geplant. Foto: Patrick Guyton

In der oberbayerischen Stadt plant die AfD ein Parteizentrum, das zahlreiche Neonazis anziehen könnte. Große Teile der Gesellschaft wehren sich dagegen.

„Im Starlight habe ich als Jugendlicher die James-Bond-Filme gesehen, das war in den 80er“, erinnert sich Markus Loth, Bürgermeister von Weilheim. Doch im August 2024 musste das Starlight dicht machen, der Eigentümer der Immobilie verlängerte den Mietvertrag nicht. Die Stadt hätte dort gern ein Kulturzentrum eingerichtet. Doch stattdessen hat der Besitzer die Räume der AfD vor Ort angeboten. Und die hat zugeschlagen, nachdem die Kreisvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Gerrit Huy im Februar 2025 über die Gespräche berichtet hatte. Ein „patriotisches Zentrum“ soll dort entstehen, so die Partei.

 

Spekulationen von Veranstaltungen der in Teilen rechtsextremen Partei mit bis zu 200 Besuchern machen die Runde, in Weilheim mit seinen rund 23 000 Einwohnern würde das größte AfD-Zentrum Bayerns entstehen. Die Befürchtung liegt auf der Hand, dass Auftritte von in der Szene bekannten Personen Rechtsradikale und Neonazis aus dem ganzen Freistaat und darüber hinaus in das 50 Kilometer südwestlich von München gelegene Weilheim ziehen werden. „Was die planen, ist brandgefährlich“, sagt Bürgermeister Loth von der unabhängigen Gruppe „Bürger für Weilheim“ (BfW).

„Wir wollen diese AfD-Stätte nicht“

Doch bis zum 19. September dieses Jahres klangen viele Stimmen in etwa so: Man sollte das Thema nicht so aufbauschen, man verschaffe der AfD damit nur noch mehr Aufmerksamkeit und die Stadt erleide einen Imageschaden. Jetzt, im Rückblick, sind in Weilheim viele der Ansicht, dass man sich zu wenig mit dem AfD-Fall befasst hat. Auch der Bürgermeister. Die Grünen-Stadträtin Brigitte Gronau etwa sagt: „Er hätte entschiedener sein sollen, wenn hier Braunhemden rumrennen.“

Christian Walch recherchiert mit anderen über rechte Umtriebe in der Gegend, die Gruppe nennt sich „Bündnis Zivilgesellschaft“. Der Sozialarbeiter meint: „Die Aussage der Stadt war immer: Da können wir nichts machen. Doch neben dieser Verwaltungslogik gibt es auch die gesellschaftliche Ebene.“ Seine Mitstreiterin Gesa Steding, eine Psychologin, sagt nun anerkennend: „Der Bürgermeister hat seine Haltung geändert.“ Und dieser selbst meint: „Wir wollen diese AfD-Stätte nicht. Wir sind eine offene und multikulturelle Stadt.“ Neben seiner BfW positionieren sich auch Grüne, SPD und die CSU klar gegen die AfD vor Ort.

Wie auch immer das war in der Stadt, in der jeder jeden irgendwie kennt und jeder jedem irgendwann einmal über den Weg läuft – am Morgen des 19. September fanden so ziemlich alle ein Flugblatt in ihrem Briefkasten. Ein vermeintliches „Amtsblatt der Stadt Weilheim in Oberbayern“ mit dem Stadtsiegel links oben, den drei roten mittelalterlichen Türmen. In der „Bekanntmachung“ wird die AfD-Kinoproblematik erklärt und geschrieben, dass sich „eine solche Nutzung dieser Immobilie nicht mit dem von der Stadt Weilheim vertretenen Leitbild“ vereinbaren lasse. 2017 hatte der Stadtrat beschlossen: „Weilheim ist eine weltoffene Stadt, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft in gegenseitiger Achtung gerne miteinander leben.“

Ein illegales Flugblatt bringt die Wende

Jetzt könne man mitteilen, hieß es auf dem Flugblatt, dass sich die Stadt mit dem Vermieter über eine „gemeinnützige Kulturstätte“ einigen konnte. Alle seien nun eingeladen, „kreative Vorschläge zu der räumlichen Ausgestaltung und zukünftigen Nutzungsmöglichkeiten“ einzureichen. Per Anruf, die Telefonnummer der Stadt wird genannt, oder E-Mail an die ebenfalls aufgedruckte Adresse der Verwaltung. Dann ging es los in Weilheim. Viele Bürgerinnen und Bürger hatten offenbar noch überhaupt nichts gewusst von den AfD-Plänen. Die Telefonleitungen glühten, viele Mails gingen ein. Die „Bekanntmachung“ klang gut – sie stimmte aber nicht. Sie ist eine Fälschung, und Fälschungen sind verboten, sind strafbar. Das Papier hat aber seinen Zweck erfüllt: Weilheim wachte endlich auf.

Wer hat dieses Flugblatt in seinem unnachahmlichen Behördendeutsch verfasst, wer hat es heimlich in der gesamten Stadt verteilt? Niemand meint, es zu wissen.

Zweiter Einschlag: Die „Süddeutsche Zeitung“ reiste nach Weilheim und veröffentlichte überregional einen sehr langen Artikel. Fazit: „Der Ort unternimmt wenig“ gegen die AfD. Weilheim sei „ein Lehrstück über politische Passivität“. Das wollen sich nun viele nicht nachsagen lassen. Manuel Neulinger etwa, er steht den Grünen im Stadtrat vor und meint: „Wir müssen fragen, welche Hebel es dagegen gibt.“ Er denkt dabei vor allem an das Baurecht. Das zuständige Landratsamt müsse prüfen, wie es mit dem Brandschutz steht, mit fehlenden Parkplätzen und dem möglichen Lärm, wenn AfD-Fans, Gegner und Polizei bei Veranstaltungen da sind. Direkt daneben ist schließlich ein großes Pflegeheim. Was ist, wenn sich ein großer Neonazi-Treffpunkt entwickelt? „Ist eine solche Nutzung an dieser Stelle möglich?“, fragt Neulinger.

Eine „gerissene Idee“

Mittlerweile hat das Landratsamt eine Antwort von der AfD bekommen. Die Räume, so ein Sprecher, sollen als Büro des Landtagsabgeordneten Benjamin Nolte dienen, sowie für Veranstaltungen mit bis zu 100 Besuchern. Dafür, so die Behörde, brauche es aber genügend Pkw-Stellplätze. Das könnte schwierig für die AfD werden.

Eine Frau und ein Mann sitzen in einem Café-Restaurant in München nahe des Hauptbahnhofs. Sie gehören zum Kreis der Flugblatt-Verfasser. Der Mann sagt: „Als ich vom AfD-Plan gehört hatte, haben sich bei mir alle Haare aufgestellt.“ Sein Gedanke: „Da müsste man irgendwas machen, alle Leute sollten das mitbekommen.“ Sie meint: „Ich habe Erfahrungen bei verschiedenen Formen des Protests.“ Seit dem Frühsommer hat sich die Gruppe damit beschäftigt, schließlich hat man das Fake-Flugblatt als „am geeignetsten“ angesehen. Die Menschen müssten wissen, was gerade geschieht, das Thema müsste zum Gespräch werden. Das Papier wurde gedruckt. Um die 20 Austräger konnten sie organisieren, die Stadt wurde in 20 Bezirke aufgeteilt. Er sagt: „Um 23 Uhr haben wir angefangen, um zwei Uhr waren wir fertig.“

Bürgermeister Markus Loth hat im Namen der Stadtverwaltung Anzeige gegen Unbekannt erstattet – „das musste ich tun“, sagt er. Man meint, dass ein Lächeln über sein Gesicht huscht, wenn er sagt: „Das war schon eine gerissene Idee.“

Der Besitzer der Kino-Immobilie, die Christoph Schätzl Immobilien GmbH im nahe gelegenen Dießen am Ammersee, wird von unserer Zeitung angeschrieben. Warum er an die AfD vermietet? Im Haus befindet sich nebenan schon ein kleineres „Bürgerbüro“ der Partei, ebenfalls von der Firma vermietet. Schätzl antwortet nicht.

„Die extremen Linken sind zu vernichten“

Die AfD-Politikerin Huy, die erstmals über den Deal gesprochen hatte, nahm am „Potsdamer Treffen“ am 25. November 2023 teil. Dort wurde im rechtsextremen Kreis über „Remigration“ gesprochen, also um den Plan, Ausländer und Menschen mit Migrationshintergrund abzuschieben.

Der Weilheimer AfD-Landtagsabgeordnete Benjamin Nolte lehnt eine Stellungnahme ab. Als Huglfing im Landkreis jüngst zum „schönsten Dorf Europas“ gekürt wurde, ließ er sich dort filmen und sagte, Huglfing stehe gegen „Überfremdung“ und: „Wer eine gesunde, deutsche Familie aufbauen möchte, der zieht aufs Land.“ Sein Motto: „Bereit für die Schlacht.“

Die Menschen in Weilheim kennen sich mittlerweile aus mit ihren AfDlern. Kreisrat Rüdiger Imgart etwa, ein Rechtsanwalt, hatte in sein Pkw-Wunschkennzeichen „88“ stanzen lassen – ein Code, der für „Heil Hitler“ steht. Sein Sohn Felix zeigt gern neofaschistische Gesten. Zwei Jahre lang kam die AfD am Volkstrauertag zur Veranstaltung, brachte einen eigenen Kranz mit und sprach von „Heldengedenken“ – ein NS-Begriff.

Das einstige Starlight-Kino ist mit Plastikplanen zugehängt. Im AfD-„Bürgerbüro“ brennt am frühen Abend Licht, die Scheiben sind mit idyllischen Bayern-Motiven vollgehängt. Eigentlich sollte der regelmäßige „Bürgerdialog“ stattfinden, doch drin sind nur der einzige AfD-Stadtrat Reno Schmidt und ein weiterer Mann. Schmidt, in dem Rat zuständig für „Straßen und Gehwege“, sagt sehr bestimmt, dass er mit dem Journalisten nicht spricht. Dabei kann der 49-Jährige in diesem „Bürgerbüro“ auch recht viel reden, wenn er unter Gleichgesinnten ist. So sprach er etwa im Mai bei einer Veranstaltung über Schulen, Lehrer und die AfD. Auf einer Tonaufnahme hört man ihn. Ein Lehrer habe den Schülern gesagt: „Die AfD, die dürft ich ihr nicht wählen, da sind zu viele Nazis drin. Ich kam nach Hause, meine Frau hat gesagt: Bitte erzählt’s dem Papa nicht, der sprengt die Schule.“ Gelächter. Im September sprach Schmidt über die „extremen Linken“: „Die schrecken vor nichts mehr zurück ... Deswegen sind sie zu vernichten.“ Würden diese auf Dächer steigen und die Polizei mit Steinen und Platten bewerfen, rät er, einen Scharfschützen zu postieren. Dieser solle die Randalierer mehrfach in verschiedenen Sprachen anrufen. „Der Erste, der wieder eine Platte wirft, der wird erschossen“. Und: „Wenn sie weiter vorgehen, dann nehme ich die nächsten drei aus dem Weg.“ Schmidt ist Berufssoldat.

Die „stille Mehrheit“ will nicht mehr still sein

Auch die Kirchen befassen sich mit dem AfD-Projekt. Die katholische Pfarrgemeinderätin meint: „Die AfD widerspricht dem christlichen Menschenbild.“ Beim Gemeindefrühstück würden viele Omas sagen: „Das haben wir schon gehabt. Die Nazis haben Tod, Vernichtung und Zerstörung gebracht.“

Immer Montags versammelt sich die Mahnwache auf dem Marienplatz an der Säule. 50 Leute sind diesmal gekommen, mit Kerzen stehen sie im Kreis, die AfD ist Dauerthema. Ein Vertreter des Kreisjugendrings appelliert für „mehr Demokratiebildung bei jungen Menschen“. Danach trifft sich „Wir in Weilheim“, 60 Leute kommen, um Ideen gegen die AfD zu sammeln. Der Leiter Felix Henkel, ein Sozialdemokrat, sagt: „Das reicht von rechtlichen Hürden über Demokratie-Buttons bis zur Einbindung der Unternehmen.“ Der Gruppe ist es wichtig, über die Parteigrenzen alle zu erreichen. „Die stille Mehrheit“, wie Henkel es sagt – die nicht mehr still sein soll.