AfD-Vize Alexander Gauland Foto: dpa

Wie viel Rassismus steckt in der AfD? Gaulands Spekulationen über die Nachbarn von Boateng haben diese schon vorher heiß diskutierte Frage jetzt zum Titelthema gemacht. Für das parteiinterne Machtgefüge könnte die „Nachbarschaftsaffäre“ Konsequenzen haben.

Berlin - Mit seinen Mutmaßungen über die fiktiven Nachbarn von Jérôme Boateng hat sich Parteivize Alexander Gauland selbst beschädigt. Denn auch wenn er in dem umstrittenen Interview streng genommen kein Urteil über den Bayern-Verteidiger gefällt, sondern nur angebliche Vorurteile „besorgter Bürger“ zum Ausdruck gebracht hat - die „Nachbarschaftsaffäre“ ist in Sachen Öffentlichkeitsarbeit in jedem Fall ein Super-Gau. Denn die National-Elf ist Kult. Und der höfliche Nationalspieler aus Berlin taugt beim besten Willen nicht als Beispiel für Integrationsprobleme. Ein akutes Problem hat dagegen im Moment die AfD.

Es sind nicht die Wähler. Denn von denen haben bei den letzten Landtagswahlen viele ihr Kreuz bei der AfD gemacht. Es sind auch nicht die Medien, in AfD-Kreisen auch gerne „Lügenpresse“ genannt. Nein, das größte Problem der AfD ist zur Zeit die Frage, wer die Partei nächstes Jahr in den Bundestagswahlkampf führen soll.

Denn die Parteivorsitzende Frauke Petry hat im Vorstand nicht mehr so viel Rückhalt wie früher. Außerdem wird in Sachsen wegen des Verdachts auf Meineid und uneidliche Falschaussage gegen sie ermittelt. Der Co-Vorsitzende Jörg Meuthen hat gerade erst den Vorsitz der Landtagsfraktion in Stuttgart übernommen und will es eigentlich nicht machen. Gauland ist zwar in Brandenburg ebenfalls Fraktionschef und auch schon 75 Jahre alt. Einmal im Bundestag zu sitzen, ist aber vielleicht noch das letzte Karriereziel, das den ehemaligen CDU-Staatssekretär noch reizen könnte.

Auch zu Höcke pflegt Gauland gute Beziehungen

In Vorstandskreisen wurde er zuletzt trotz seines Alters als Ausweichkandidat gehandelt, falls die beiden Vorsitzenden tatsächlich aus dem einen oder anderen Grund nicht zur Verfügung stehen sollten. Von der Basis wäre bei einer Nominierung Gaulands auf jeden Fall wenig Protest zu erwarten. Denn unter den aktiven Mitgliedern der Partei sind viele ältere Männer. Auch zum Rechtsaußen-Flügel um den Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke pflegt der Brandenburger gute Beziehungen. Auf dem Bundesparteitag in Stuttgart vor einem Monat erntete er donnernden Applaus, obwohl er gar nicht viel gesagt hat.

Ja, das Alter. Gauland, der auch bei warmem Wetter meist im Tweed-Sakko unterwegs ist, hat kürzlich seinen 75. Geburtstag gefeiert. Frauke Petry, die er 2015 in ihrem Machtkampf gegen den damaligen AfD-Vorsitzenden Bernd Lucke tatkräftig unterstützt hatte, war nicht unter den Gästen. Petry hat - nachdem am Sonntag ein Gewitter der öffentlichen Entrüstung über Gauland niedergegangen war - erklärt: „Herr Gauland kann sich nicht erinnern, ob er diese Äußerung getätigt hat. Ich entschuldige mich unabhängig davon bei Herrn Boateng für den Eindruck, der entstanden ist.“

Das könnte man als kollegialen Versuch verstehen, der Kritik die Spitze zu nehmen. Allerdings kam es nicht nur bei Gauland anders an - und zwar so, als wolle Petry insinuieren, ihr Stellvertreter sei altersbedingt womöglich schon ein wenig zerstreut. „Zu den Äußerungen von Frau Petry werde ich nicht mehr Stellung nehmen“, sagt Gauland spitz. Ein Adjektiv kann er sich aber doch nicht verkneifen: „Illoyal.“

Was am Montag angesichts der ganzen Aufregung dann fast untergegangen wäre, ist die Veröffentlichung des AfD-Parteiprogramms. Das Grundsatzprogramm war zwar schon in Stuttgart beschlossen worden. In seiner sprachlich überarbeiteten, endgültigen Fassung liegt es aber erst jetzt vor. Darin finden sich Sätze wie „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ und „Die multikulturelle Gesellschaft ist gescheitert“. Sätze, die Gauland für unproblematisch hält. Sein früherer Weggefährte, der heute Alfa-Vorsitzende Lucke, sieht in Gauland sogar jemanden, „der Ressentiments gegen Einwanderer südlicher Herkunft hat“.

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