Die äthiopische Hauptstadt wächst rasant, Neubauten verdrängen Menschen – und die Straßenhunde. Wer sie füttert, kann dafür im Polizeirevier landen.
Dass sie eine gewisse Berühmtheit erlangt hat, wurde Feven Melese bei einer ihrer Verhaftungen klar. „Du bist doch dieses TikTok-Girl mit den Hundevideos“, sagten Polizisten zu der Frau, als sie in einem Neubaugebiet von Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba Straßenhunde fütterte. Das ist laut Stadtverordnung verboten. In der Zelle landete die 30-Jährige jedoch vor allem, weil sie in sozialen Medien Videos gepostet hatte, die zeigen, wie Mitarbeiter der Stadt Straßenhunde vergiften. Mehr als 100.000 Menschen folgen ihr dort – genug, um öffentlichen Druck aufzubauen.
Rund 45 Prozent der Bevölkerung Afrikas leben inzwischen in Städten, Tendenz stark steigend. Bis 2050 sollen es nach UN-Prognosen etwa 60 Prozent sein, fast 900 Millionen zusätzliche Stadtbewohner. Kaum eine Metropole jedoch wird derzeit so rasant umgebaut wie Addis Abeba mit seinen rund sechs Millionen Einwohnern. Die Bevölkerung hat sich in zwei Jahrzehnten mehr als verdoppelt. Ganze Viertel werden abgerissen und neu errichtet, Menschen im Eilverfahren, teils rechtswidrig, umgesiedelt. Hochhäuser müssen per Gesetz nachts hell erleuchtet sein. Es ist der Glitzer, der Investoren anziehen soll.
Theorie und Praxis sind sehr unterschiedlich
Die zahlreichen Straßenhunde der Stadt stören diese Pläne. Rund 30 000 gibt es offiziellen Angaben zufolge, andere Schätzungen gehen von einem Vielfachen aus. Viele wurden zurückgelassen, als Bewohner ihre oft informellen Siedlungen in Neubaugebieten verlassen mussten. Äthiopien hat internationale Vereinbarungen unterzeichnet, die für den Umgang mit Straßenhunden vor allem Impfungen und Sterilisation empfehlen. So die Theorie. In der Praxis werden die Tiere vielerorts systematisch vergiftet, oft nachts, wenn niemand hinschaut.
Mehr als 200 dieser Hunde hat Melese in den vergangenen Jahren gerettet, mit Freunden aufgepäppelt, geimpft und zur Adoption vermittelt. 35 Hunde leben derzeit in einem improvisierten Hundeheim, das sie in einem Dorf etwa eine Autostunde außerhalb von Addis aufgebaut hat. Auf dem Weg dorthin bittet sie darum, den genauen Ort nicht zu nennen. Aus Angst vor den Behörden hält sie ihn geheim.
Das Gelände ist denkbar rudimentär: ein gemietetes Stück Land, Bretterverschläge mit Blechdach, matschiger Boden, eine kleine Küche. Als sie das Tor öffnet, stürmen die Hunde auf sie zu, einige von Unfällen gezeichnet und erschöpft, aber doch alle ungleich gesünder als während ihres Lebens auf der Straße. „Meinen ersten Hund habe ich mit fünf nach Hause gebracht“, sagt sie. Die Mutter wollte ihn wegjagen, doch Melese weinte, schimpfte, setzte sich durch. Der Hund blieb. Bald waren es fünf.
Als Kind den Beschluss zum Tierschutz gefasst
Sie studierte Musik, arbeitete als Musiklehrerin, sang und spielte Flöte bei Konzerten und Produktionen. Doch der Tierschutz wurde der stärkere Antrieb. „Als ich ein Kind war, habe ich gesehen, wie Menschen Tiere misshandeln“, sagt sie. „Sie treten Hunde, werfen Steine, töten Welpen mit Gift. Da habe ich entschieden: Wenn ich groß bin, will ich ihre Stimme sein und für sie kämpfen.“
Vor sieben Jahren gründete sie eine Facebook-Seite namens Animals Need Attention. „Alle Tiere“, betont sie. „Nicht nur Hunde, nicht nur Katzen.“ Während der Corona-Zeit sei der Gegenwind brutal gewesen. „Die Leute sagten: ‚Bist du verrückt? Menschen hungern, und du redest von Tieren.‘ Sie haben mich und meine Familie beleidigt.“ Damals habe ihr das Selbstvertrauen gefehlt. „Ich habe alle Beiträge gelöscht.“ Heute macht sie unbeirrt weiter. Der Alltag ist zermürbend. Wöchentlich braucht sie rund 60 Kilo Reis und 40 Kilo Fleisch. Miete, Futter, Medikamente, Tierarzt – alles verschlingt Geld. „Eine Tollwutimpfung kostet 3000 Birr (rund 16 Euro), und man braucht drei Runden“, sagt sie. Sie bezahlt zwei Anwohner, einige Freiwillige helfen. Spenden kommen über soziale Medien. „Alles hilft“, sagt sie, „aber es reicht nicht. Die Not ist größer.“
Vertrauen aufzubauen benötigt Zeit
Aufgeben kommt dennoch nicht infrage. Am nächsten Nachmittag steht sie auf einer Baustelle, auf der in den kommenden Jahren Dutzende Hochhäuser entstehen sollen. Fünf Straßenhunde leben hier, seit Wochen versucht sie, Vertrauen aufzubauen. „Ich kann sie nicht einfach mitnehmen, einige reagieren aggressiv“, sagt sie und streichelt vorsichtig einen der Hunde. Mehrfach wurde sie gebissen, nach langem Zögern ließ sie sich selbst gegen Tollwut impfen. In einer Region Äthiopiens gab es zuletzt Fälle.
Ein Immobilienmakler spricht sie an, hält sie für eine Interessentin. Apartments im 30. Stock, sehr erschwinglich, dazu Schulen und Kliniken, hier sei seine Karte. Verkauft habe er bisher aber nur wenige Wohnungen, sagt er. Addis Abeba möchte das Dubai Afrikas werden – doch das dafür nötige internationale Kapital fließt deutlich weniger als von der Regierung erhofft.
Melese macht weiter. Sie hat das Wohl der Hunde zu ihrer Lebensaufgabe erklärt. Und heute ist ausgerechnet die Mutter, die einst ihre ersten Straßenhunde vertreiben wollte, ihre wichtigste Unterstützerin – aus Sorge. „Nach meinen Verhaftungen will sie an meiner Seite sein“, sagt Melese. „Sie denkt: Wenn sie mich unterstützt, kann sie mich kontrollieren.“
Dann lacht sie. Beide wissen, wie unmöglich das ist. Das Einzige, was sie je kontrollieren kann, ist ihre Liebe zu den Hunden.