Ärztin Laura Kverneland warnt: Gesundheitstipps auf Social Media seien oft „Bullshit“. Foto: IMAGO/Christian Ohde / privat

Influencer bewerben vor allem zum Jahresbeginn Produkte zur Selbstoptimierung – von Probiotika über Wurmkuren und Kaffeeeinläufen. Eine Ärztin und Influencerin kritisiert dies scharf.

Die Ärztin Laura Kverneland berichtet unter dem Namen copenhagendiaries auf Instagram ihren Followern von ihrem Leben in Dänemark, wo die Stuttgarterin inzwischen mit ihrer Familie lebt. Ursprünglich nutzte die 38-Jährige ihren Account als kreativen Ausgleich zu ihrer Arbeit – doch inzwischen meldet sie sich auch immer wieder zu Wort, um auf unseriöse Gesundheitstipps in den Sozialen Netzwerken hinzuweisen.

 

Frau Kverneland, zum Jahresbeginn fassen viele gute Vorsätze für ihre Gesundheit. Verstehen Sie das?

Ich verstehe das, denn wir Menschen lieben Symbolik und Neubeginn. Wenn wir zum Jahresbeginn etwas verändern wollen und es auch unseren Freunden und der Familie mitteilen, wird es verpflichtend. Doch große Veränderungen, die wir zum 1.1. anstoßen, sind oft zum Scheitern verurteilt. Wir Menschen sind Gewohnheitstiere und es ist nicht leicht, diese abzulegen. Wenn jemand beispielsweise jeden Abend den Stress des Tages mit einer Tafel Schokolade besänftigt, wird es sehr schwer, die Schokolade drastisch von einem Tag auf den anderen wegzulassen. Aber wenn man die Vorsätze nicht einhalten kann, besteht die Gefahr, dass es ins Gegenteil umschlägt und man dann aus Frust fünf Tafeln Schokolade isst. Oft sind diese schlagartigen, großen Veränderungen also zum Scheitern verurteilt.

Ärztin Laura Kverneland schreibt unter dem Account copenhagendiaries auf Instagram. Foto: privat

In den Sozialen Netzwerken wimmelt es jedoch vor allem zum Jahresbeginn nur so von Tipps, wie man sein Leben umkrempeln kann und welche Produkte dabei helfen sollen.

Social Media liebt die Dramaturgie der großen Veränderungen, weil es motiviert, sich das anzuschauen. Social Media ist es egal, dass Menschen dadurch große Niederlagen erleiden können. Doch darin besteht eine Gefahr, wenn man sich bei einer Influencerin inspirieren lässt und dabei die eigenen Faktoren außen vor lässt. Es ist ja ohnehin schon schwer, wenn man sich ständig vergleicht mit den vermeintlichen Erfolgen von Influencerinnen, die man selbst nicht schafft.

Sie haben in einem Post scharf kritisiert, dass Influencer und Influencerinnen Produkte bewerben, die gesundheitliche Wirkungen haben sollen. Die meisten dieser Produkte bezeichnen Sie als „Bullshit“.

Ich bewege mich als Influencerin selbst viel in den Sozialen Netzwerken und werde bombardiert von all den Produkten, Diäten, Ernährungs-, Sport- und Lebensstil-Tipps. Und als Fachperson fällt es mir zunehmend schwer, da zuzusehen und nicht zu versuchen, einen gesunden Gegenpol zu bilden. Denn ich sehe, was es mit meinen Followern macht. Sie schreiben mir Nachrichten, weil sie gar nicht mehr wissen, was sie machen sollen und wem sie vertrauen können.

Welche Gesundheitstipps sind Ihnen auf Social Media schon unter gekommen?

Es gibt wirklich nichts, was es nicht gibt. Kollagen, Probiotika oder andere Nahrungsergänzungsmittel, aber auch Vitamin-Infusionen, Wurmkuren, Kaffee-Einläufe, Saftkuren – der Großteil davon ist einfach nur Bullshit. Es gibt keine Evidenz für die meisten der dort verkaufen Produkte, oder nur ganz kleine Evidenzen von schlecht ausgeführten Studien. Natürlich gibt es auch Nahrungsergänzungsmittel, die Sinn ergeben, zum Beispiel Folsäure in der Schwangerschaft und Vitamin D bei Kindern bis zum zweiten Lebensjahr oder bei älteren Menschen, die vielleicht durch ein immobiles Leben im Pflegeheim wenig an die Sonne kommen. In jedem Fall ist es immer wichtig, vor dem Beginn einer Einnahme mit einem Arzt oder einer Ärztin zu sprechen.

Welches Problem sehen Sie bei der Werbung für Gesundheitsprodukte durch Influencer und Influencerinnen?

Es geht um die gesunde Vernunft. Man sollte wieder zu sich selbst zurückfinden. Und wenn man von den Empfehlungen auf Social Media wieder bombardiert wird, muss man sich klar machen, dass Instagram eine Verkaufsplattform ist. Es geht darum, Produkte zu verkaufen und nicht darum, einer individuellen Person dabei zu helfen, das gesündeste Leben zu führen. Es geht auch nicht darum herauszufinden, was tatsächlich wirksam ist. Eine Person, die vertrauenswürdig auftritt und uns in die Augen schaut, kann uns viel mehr verkaufen, als wenn wir nur eine Werbung im Fernsehen oder eine Anzeige sehen. Aus TikTok und Instagram ist mittlerweile – was Gesundheitstipps angeht – der Wilde Westen geworden. Laien können kaum herausfinden, wer wirklich ein Experte oder eine Expertin ist, denn das sind ungeschützte Begriffe. Inzwischen geht es nicht mehr darum, wer wirklich Ahnung hat, sondern nur noch darum, wer sich am besten verkauft.

Was würden Sie für eine gesunde Lebensweise empfehlen?

Es ist nicht sexy, weil die Kernelemente eines gesunden Lebens die Dinge sind, die wir nur mit einem langfristig guten Lebensstil und etwas Anstrengung – und nicht mit schnellen Lösungen erreichen können. Ich sage oft zu meinen Patienten und Patientinnen: Es tut mir leid, aber die besten Tipps sind langweilig. Sport treiben, ausreichend Schlaf, Stress reduzieren, variiert essen und auf Alkohol und Zigaretten verzichten. Dabei aber nicht dogmatisch sein, denn wir müssen ja auch leben, und vollständiger Verzicht zum Beispiel auf Zucker kann Gelüste verstärken. Es gilt, für sich die Balance zu finden.

Manchen erscheint es wohl einfacher, zu einem Pülverchen zu greifen, um sich vermeintlich etwas Gutes zu tun.

Ich muss aber ganz klar sagen: Wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein, dann ist es das ganz oft auch. Die schnelle Lösung funktioniert meistens nicht. Und die Produkte sind teuer.

Viele dieser Gesundheitstipps von Influencern und Influencerinnen sind also unnötig, aber können sie auch gefährlich sein?

Ja, beispielsweise können die nicht fettlöslichen Vitamine E, D, K und A gefährlich sein, wenn man sie überdosiert. Das kann zu Leberschäden oder Nierenversagen führen. Viele Influencer arbeiten auch mit einem großen Probiotika-Hersteller zusammen. Doch Probiotika sind nicht unbedingt ungefährlich, sie können zu einer Dünndarmfehlbesiedelung von Bakterien, die eigentlich in den Dickdarm gehören, führen, was wiederum Gas- und Verdauungsbeschwerden bewirken kann. Deshalb ist es wichtig, vorher mit einer Fachperson zu sprechen und es nicht einfach so einzunehmen.

Info

Zur Person
Laura Kverneland ist Oberärztin für Innere Medizin mit Schwerpunkt Geriatrie im Bispebjerg und Frederiksberg Hospital in Kopenhagen. Sie ist in Stuttgart aufgewachsen und aus Liebe zu einem Dänen nach Dänemark ausgewandert – inzwischen sind sie verheiratet und haben zwei Kinder. Auf Instagram erzählt sie von ihrem Leben in Dänemark unter dem Namen copenhagendiaries.