Nach Schließung der Bereitschaftspraxis Herrenberg gehen die Ansichten über die Auslastung der Notaufnahmen auseinander. Der Klinikverbund sieht seine Befürchtungen bestätigt.
Seit dem 30. November vergangen Jahres gibt es am Klinikum Herrenberg keine Bereitschaftspraxis mehr. Für Patienten aus dem Raum Herrenberg bedeutet das seither, bei Fieber oder akuten, aber nicht lebensbedrohlichen Schmerzen zu den Randzeiten, am Wochenende und an Feiertagen anderweitig nach Hilfe zu suchen.
Die Kritik von Landrat Roland Bernhard an der für die Bereitschaftspraxis zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) seinerzeit war scharf. Und die Befürchtungen des Klinikverbunds Südwest (KVSW) war ebenfalls deutlich vernehmbar: Kommt es in den Notaufnahmen zu einem größeren Zulauf an Patienten?
Klinikverbund zählt spürbar mehr Patienten in Notaufnahmen
Sechs Wochen später beantwortet ein Pressesprecher des Klinikverbunds die Frage so: „Die Schließung der Notfallpraxen in Nagold und Herrenberg führt zu einem deutlich gestiegenen Patientenaufkommen.“ Besonders zu spüren sei das Ende der Bereitschaftspraxis Nagold in der Notaufnahme des dortigen Klinikums gewesen: „In der Notaufnahme in Nagold wurden in 2025 rund 1500 zusätzliche Patienten behandelt, was einem Anstieg von etwa sechs Prozent entspricht. Besonders im zweiten Halbjahr und damit nach Schließung der Bereitschaftspraxis war ein deutlicher Anstieg sichtbar.“ In der Notaufnahme Sindelfingen könnten die Unterschiede geringer ausgefallen sein – womöglich weil in der Daimlerstadt noch eine Bereitschaftspraxis besteht.
Während der Klinikverbund in seiner Analyse von einer deutlichen Inanspruchnahme der Notaufnahmen spricht, erklärt die Kassenärztliche Vereinigung auf Anfrage: „Nach den ersten Rückmeldungen aus Herrenberg hat sich das Aufkommen in den Notaufnahmen der Kliniken nicht verändert.“ Eine möglicherweise stärkere Frequentierung im Dezember führt die KVBW vor allem auf die Feiertage zurück.
Auch die Vorsitzende der Kreisärzteschaft Böblingen, Annette Theewen, vermutet den alljährlichen Feiertagseffekt: „Die Auslastung ist über Weihnachten und den Feiertagen immer hoch.“ Die KVBW betont zudem: „Wir haben keine Berichte über zusätzliche Einsätze des Rettungsdienstes.“ Die Herrenberger Rettungswache wurde nach Ende des Bereitschaftsangebots mit einem zweiten Rettungswagen ausgestattet.
Optionen der ambulanten Versorgung seien gegeben
Patienten hätten nach Einschätzung der Kreisärztevorsitzenden ausreichend Möglichkeiten der Versorgung: „Nach meiner Einschätzung gibt es im Herrenberger Raum die Alternativen, nach Sindelfingen oder Tübingen zu gehen. Es gibt auch weiterhin einen Hausbesuchsfahrdienst.“
Die KVBW will die Patientenzahlen in den Notaufnahmen im ersten Quartal weiter in einem wöchentlichen Austausch mit dem Klinikverbund beobachten. Gegebenenfalls würde man die Ressourcen in Bereitschaftspraxen wie Sindelfingen aufstocken.