Studien zeigen, dass Bluthochdruck bei Menschen mit Diabetes etwa eineinhalbmal bis doppelt so häufig vorkommt wie bei Nichtdiabetikern. Foto: dpa

Hoher Blutdruck und erhöhter Blutzucker treten oft gemeinsam auf – und beide Krankheiten hängen stärker miteinander zusammen als bisher vermutet. Eine gute medizinische Betreuung ist daher wichtig. Doch im Land herrscht ein Fachärztemangel. Was die Politik dagegen unternehmen will.

Berlin/Stuttgart - Der Körper eines Diabetikers muss viele Kämpfe ausfechten: Da wären zum einen Erkältungsviren und andere Krankheitserreger, für die Zuckerkranke besonders empfänglich sind. Hohe Blutzuckerwerte schwächen das Immunsystem. Und nicht nur das: Auch das Herz ist durch den Diabetes angreifbarer geworden. Das Infarktrisiko, so warnt die Deutsche Herzstiftung, ist bei Diabetikern beinahe doppelt so hoch. Und jetzt zum Welt-Diabetes-Tag, der diese Woche begangen wurde, ergänzt die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG): Bluthochdruck und Typ-2-Diabetes hängen enger zusammen als bislang angenommen. Die beiden Volkskrankheiten fördern sich gegenseitig und haben vieles gemeinsam.

Tatsächlich zeigen Studien, dass Bluthochdruck bei Menschen mit Diabetes etwa eineinhalbmal bis doppelt so häufig vorkommt wie bei Nichtdiabetikern. Rund 70 bis 80 Prozent der Typ-2-Diabetiker haben gleichzeitig eine arterielle Hypertonie. Warum das so ist, versuchen Wissenschaftler schon seit einiger Zeit herauszufinden.

Beide Volksleiden haben eine gemeinsame Wurzel

„Zumindest weiß man, dass die gefürchteten Folgeerkrankungen eines Diabetes schneller eintreten, wenn der Betroffene zusätzlich zu seiner Stoffwechselerkrankung auch einen schlecht eingestellten Bluthochdruck hat“, sagt Bernhard Krämer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga und Ärztlicher Direktor der Universitätsmedizin Mannheim. Sprich: Nierenschädigungen schreiten schneller voran, die Patienten werden früher dialysepflichtig. „Auch das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht sich noch weiter.“

Zudem haben beide Erkrankungen oft eine gemeinsame Wurzel: das Übergewicht. So können Fettzellen im Bauchraum oder an der Leber bestimmte Botenstoffe aussenden, die sowohl negative Prozesse in den Gefäßen in Gang setzen als auch die Insulinempfindlichkeit verringern. Da Ursachen, Risikofaktoren und Mechanismen bei Diabetes und Bluthochdruck so eng zusammenhängen, sollte auch die Behandlung besser aufeinander abgestimmt werden. Deshalb wollen die Diabetologen künftig enger mit Experten für Gefäßerkrankungen zusammenarbeiten – um gemeinsam effektiver die beiden Volkskrankheiten zu bekämpfen, wie die stellvertretende DDG-Vorsitzende Monika Kellerer betont.

In Baden-Württemberg leben derzeit 735 000 Diabetiker

Solche Kooperationen werden wichtiger – denn sowohl beim Bluthochdruck als auch beim Diabetes mellitus steigt die Zahl der Betroffenen seit Jahren rasant an. Nach Auskunft des Landesgesundheitsamts leidet fast jeder neunte Baden-Württemberger unter Diabetes, etwa jeder Vierte an Bluthochdruck. Damit liegt der Südwesten mit seinen insgesamt 735 000 Diabetikern etwas unter dem Bundesdurchschnitt von knapp zehn Prozent Diabeteskranken. Doch die Zahl der Risikopatienten steigt: So ist fast jeder Zweite im Land zu dick.

Nicht selten wird sowohl die eine als auch die andere Krankheit zu spät entdeckt, „weil die Symptome sowohl bei Diabetes als auch beim Bluthochdruck im Frühstadium vom Laien kaum zu bemerken sind“, sagt Bernhard Krämer. Beim Diabetes mellitus kommt erschwerend hinzu, dass es immer weniger Ärzte gibt, die sich auf die Stoffwechselerkrankung spezialisiert haben. „Selbst wenn die Erkrankung erkannt wird, hat der Patient das Problem, anschließend eine gute diabetologische Betreuung zu finden“, sagt Monika Kellerer.

Baden-Württemberg habe pro Kopf gerechnet die wenigsten Schwerpunktpraxen

Das bestätigt auch das Landesgesundheitsministerium. Dessen Chef, Sozialminister Manfred Lucha (Grüne), verkündete anlässlich des Welt-Diabetestags: Baden-Württemberg habe pro Kopf gerechnet die wenigsten Schwerpunktpraxen für Diabetes in ganz Deutschland. Eine solche Praxis betreut laut dem DDG-Gesundheitsbericht 2017 im Schnitt etwa 600 Diabetiker. Doch in Baden-Württemberg kommt auf 200 000 Einwohner nur eine Schwerpunktpraxis, bundesweit liegt deren Dichte rund dreimal so hoch. Derzeit versucht man, die große Lücke mit sogenannten Disease-Management-Programmen zu schließen. Doch das gelingt laut Kellerer nur unzureichend. Bei den Programmen, von denen es im Land rund 600 gibt, handelt es sich um ein Versorgungsangebot für chronisch Kranke, das von geschulten Hausärzten koordiniert wird.

In Krankenhäusern sei das Problem gravierender, klagt die Arbeitsgemeinschaft Diabetologie Baden-Württemberg. „Oft treffen Betroffene auf Ärzte und Pflegepersonal mit wenig Wissen über Diabetes“, sagt der Vorsitzende Reinhard Holl von der Uni Ulm. Dabei ist laut einer Studie des Uniklinikums Tübingen jeder vierte Krankenhauspatient ein Diabetiker. Und die neigen bei medizinischen Eingriffen zu deutlich mehr Komplikationen als Patienten ohne Diabetes.

Ein Maßnahmenkatalog wurde unter Mithilfe von Diabetes-Experten schon erarbeitet

Derweil versucht das Landessozialamt gegenzusteuern: Ein Maßnahmenkatalog wurde unter Mithilfe von Diabetes-Experten schon erarbeitet, der nun Schritt für Schritt umgesetzt werde. Dafür stehen für die Jahre 2017 und 2018 etwa 100 000 Euro zur Verfügung. Er sieht unter anderem vor, diabetologische Fachabteilungen in Kliniken auf- und auszubauen sowie bei den Schwerpunktpraxen eine flächendeckende Versorgung sicherzustellen. Eine wichtigere Rolle solle auch die Telemedizin spielen, sagt Lucha. Die digitale Betreuung aus der Ferne könne einen Teil der Versorgungspro­bleme auffangen, urteilt Kellerer. Per Telekonferenz kann der Hausarzt bei Bedarf Experten anderer Fachrichtungen hinzuziehen und Befunde austauschen.

Doch wünschen sich die Diabetes-Experten noch einen weiteren Punkt im Maßnahmenkatalog, der bei Lucha aber kein Gehör findet: eine höhere Steuer auf zuckerhaltige Getränke oder kalorienreiche Fertigprodukte. Dafür solle für Obst und Gemüse die Mehrwertsteuer wegfallen. Doch dem Minister ist nach eigenen Angaben noch im Gedächtnis, wie sich die Grünen im Bundestagswahlkampf 2013 blamierten, als sie einen verpflichtenden Veggie Day in Kantinen gefordert hatten. Eine Vorschrift, vergleichbar mit so einer „Ökodiktatur“, „schmeckt den Deutschen nicht“, sagt er.

Diabetiker fragen, Experten antworten

„Diabetes hat man nicht allein“

Stuttgart - In Deutschland behandeln Ärzte rund sechs Millionen Patienten mit Diabetes mellitus. Wie geht man mit der Krankheit um? Dazu gaben Experten der Arbeitsgemeinschaft Diabetologie Baden-Württemberg (ADBW), Reinhard Holl von der Kinder-Endokrinologie und Diabetologie an der Uni Ulm, Albrecht Dapp, Arzt und Diabetologe aus Spaichingen, sowie Elke Brückel vom Vereinsvorstand Diabetiker Baden-Württemberg (DBW) bei unserer Telefonaktion „Diabetes – und jetzt?“ Tipps.

Ich habe die Diagnose Diabetes Typ 2 erhalten und bin verwirrt: Wie soll mein Leben nun weitergehen?
Dass die Diagnose das Leben auf den Kopf stellen kann, ist völlig normal. Aber mit Diabetes bricht die Welt nicht zusammen. Es lässt sich gut mit der Stoffwechselerkrankung leben, sofern man sie medizinisch behandeln lässt und sein Leben etwas umstellt. Daher sollten Betroffene erst einmal eine Diabetes-Schulung besuchen. Dort lernen sie, die Krankheit zu verstehen und was im Alltag nun wichtig wird. Informationen, wo es solche Schulungen gibt, kann der Hausarzt geben oder die Selbsthilfe Diabetiker Baden-Württemberg, www.diabetiker-bw.de.
Ich bin Diabetiker, meine Krankheit ist gut medikamentös eingestellt. Doch würde ich gerne mehr für mich tun. Was raten Sie?
Sowohl für Diabetiker als auch für jeden Gesunden gilt: Ausreichend Bewegung und eine ausgewogene Ernährung sind wichtig für den Körper. Das bedeutet, sich mindestens dreimal die Woche insgesamt 150 Minuten zu bewegen – etwa mit Ausdauersportarten wie zügigem Spazierengehen, Schwimmen, Joggen, Radfahren oder Nordic Walking. Auch Krafttraining sollte nicht zu kurz kommen. Bei der Essensauswahl hält man sich an die Empfehlungen der sogenannten Mittelmeerküche: viel Gemüse, Salat, Hülsenfrüchte und Obst sowie Vollkorn- und Milchprodukte. Beim Öl sollte nach Oliven- und Rapsöl gegriffen werden. Statt rotem Fleisch sollte man lieber mageres Fleisch wie Geflügel und mehrmals die Woche fetten Fisch wählen.
Wir haben den Verdacht, das unser sechsjähriger Sohn an Typ-1-Diabetes erkrankt ist. Was sind die Symptome?
Die Symptome sind häufig unspezifisch und nicht immer erkennbar. Typisch für einen Diabetes mellitus Typ 1 ist es, wenn das Kind häufig über Durst klagt – und ein, zwei Sprudelflaschen pro Tag trinkt. Vor allem nachts muss es häufig auf die Toilette, manche Kinder nässen auch wieder ein. Tagsüber macht sich eine Abgeschlagenheit bemerkbar. Kommt ein Gewichtsverlust hinzu, sollten Eltern den Arzt aufsuchen. Zwar kann der Typ-1-Diabetes in jedem Lebensalter auftreten, doch im Kindes- und Jugendalter gilt er als die häufigste Stoffwechselerkrankung.
Meine Frau ist Diabetikerin, fühlt sich oft schlapp, nachts schläft sie unruhig, und es kommt zu Atemaussetzern. Können ihre Diabetes-Medikamente daran schuld sein?
Nein, ganz sicher nicht. Beide Formen von Diabetes mellitus lassen sich sehr gut mit Medikamenten behandeln, die auch sehr gut verträglich sind. Bei einer sogenannten Schlafapnoe sind meist verengte Atemwege die Ursache, zum Beispiel durch eine entsprechende Veranlagung oder Übergewicht. Der Verdacht auf eine Schlafapnoe sollte auf jeden Fall vom Arzt abgeklärt werden. Denn die Schlafstörung kann ernste Folgen wie Bluthochdruck haben.
Bei meinem Mann wurde Diabetes Typ 2 festgestellt. Ich bin unsicher, wie ich mit seiner Erkrankung umgehen soll. Was raten Sie?
Wichtig ist, ihn mit seiner Krankheit nicht allein zu lassen. Betroffene, die sich bei ihren Familien oder in einer Selbsthilfegruppe gut aufgehoben fühlen, bewältigen ihre Erkrankung leichter. Partner oder Angehörige sollten den Diabetiker vor allem zu den Schulungen begleiten. Dort lernen sie, was im Alltag geändert werden muss und auf welche Faktoren man etwa bei der Ernährung achten sollte. Angehörige sollten auch wissen, dass Stimmungsschwankungen bei Diabetikern nicht unüblich sind, sondern ein Zeichen für Unterzuckerung sein können. Den Umgang mit Diabetes als gemeinsame Aufgabe zu betrachten ist das Wichtigste.

Neue Richtlinien für Bluthochdruck in den USA

Neue Grenzwerte für Bluthochdruck in den USA

In den USA sind die medizinischen Richtlinien für Bluthochdruck geändert worden. Damit haben Menschen schon ab einem Wert von 130 (systolischer Druck) zu 80 (diastolischer Druck) einen behandlungsbedürftigen Bluthochdruck. Zuvor hatte der Grenzwert bei 140/90 gelegen. Entwickelt wurden die Richtlinien von einer Expertengruppe des American College of Cardiology und der American Heart Association.

Die Ärzte in Deutschland orientieren sich in ihrer Behandlungspraxis an den Leitlinien der Deutschen Hochdruckliga – diese haben allerdings nur empfehlenden Charakter. Würde der systolische Zielwert von bislang 140 auf 130 gesenkt werden, könnte die Zahl der Betroffenen auch hierzulande steigen. Nach Angaben der Deutschen Hochdruckliga hätte dann nicht mehr jeder dritte, sondern jeder zweite Deutsche Bluthochdruck.

Man werde die neuen US-Richtlinien sehr genau prüfen, erklärte Bernhard Krämer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga. Allerdings könnten Menschen mit einem sogenannten hochnormalen Blutdruck (systolischer Wert liegt zwischen 130 und 140) bereits durch Änderungen im Lebensstil viel erreichen. (dpa)

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