Viele Praxen in Baden-Württemberg sind unbesetzt, der Ostalbkreis unterstützt junge Ärzte deshalb jetzt schon während des Studiums – zur Freude von Stipendiaten wie Milena Schurr. An dem Fakt, dass sie zum Studieren nach Rumänien ziehen musste, ändert das allerdings nichts.
Noch hospitiert Milena Schurr im Ostalb-Klinikum in Aalen, doch schon bald wird sie zurück ins rumänische Cluj fahren – wenn das sechste Semester ihres Medizinstudiums beginnt. Wie passt das zusammen? Wie verschlägt es eine junge Frau, die im Nordwesten Rumäniens studiert, gerade in den Ostalbkreis? Die Frage ist falsch gestellt – und die Antwort sagt viel aus über das, was in der Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten derzeit schiefläuft.
Deshalb der Reihe nach. In Deutschland fehlen immer mehr Hausärzte, vor allem auf dem Land bleiben viele Praxen vakant. 600 unbesetzte Stellen soll es im Südwesten geben. Im Schwäbischen Wald etwa liege der sogenannte Versorgungsgrad, der sich anhand des ermittelten Bedarfs bemisst, bei 60 Prozent, sagt Diana Kiemel vom Landratsamt in Aalen: „In anderen Teilen des Kreises sieht es besser aus, aber auch dort gehen viele Ärzte demnächst in den Ruhestand.“ Der Mangel sei auch dort absehbar. Tatsächlich prognostiziert das IGES-Institut in Berlin, dass im Südwesten die Hausarztdichte bis 2035 um weitere 15 Prozent abnehmen wird.
Förderprogramme für Mediziner nach dem Studium gibt es schon
Wer Hausarzt werden will, dem wird heute deshalb oft der rote Teppich ausgerollt. Das Land hat ein Förderprogramm aufgelegt, durch das angehende Mediziner bis zu 30 000 Euro erhalten, wenn sie sich auf dem Land niederlassen. 200 Ärztinnen und Ärzte hätten das Angebot schon in Anspruch genommen, heißt es im Sozialministerium. Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg schießt über ihr Programm „Ziel und Zukunft“ sogar bis zu 120 000 Euro zu, damit die Doktoren die Eröffnung einer Praxis schultern können.
„Aber wir brauchen eine Unterstützung, die viel früher ansetzt“, betont Diana Kiemel. Deshalb hat der Ostalbkreis jetzt ein Stipendium ausgelobt, bei dem Studierende der Humanmedizin ab dem fünften Semester monatlich 450 Euro erhalten. Daneben stehen den Stipendiaten ärztliche Mentoren zur Seite, die Rat geben und Türen öffnen. Im Gegenzug verpflichten sich die jungen Menschen, ihre fünfjährige Weiterbildung zum Facharzt in Allgemeinmedizin oder in Innerer Medizin im Ostalbkreis zu machen und sich danach für mindestens drei Jahre als Hausärztin oder Hausarzt dort niederzulassen. Ein ganz ähnliches Programm hat der Landkreis auch für Klinikärzte im Angebot.
Ein Studienplatz für Medizin ist sehr schwer zu ergattern
Die 24-jährige Milena Schurr gehört nun zu den ersten von vier Stipendiaten; bis zum 20. September kann man sich noch für die zweite Runde bewerben. Sie stammt aus dem Ostalbkreis, aus Heubach – und hat keinerlei familiäre oder sonstige Bezüge zu Rumänien. Schon als Schülerin war es ihr Traum, Ärztin zu werden, weshalb sie nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr beim Rettungsdienst in Schwäbisch Gmünd absolviert und anschließend zwei Jahre als Rettungssanitäterin gearbeitet hatte.
Die Krux: Mit ihrem Abiturschnitt von 2,1 hatte sie keinerlei Chancen, in Deutschland einen Studienplatz für Medizin zu bekommen, trotz brennenden Berufswunsches und trotz ihrer Vorkenntnisse. „Die drei Jahre nach dem Abitur waren keine so schöne Zeit für mich“, erzählt Schurr. Sie habe ihren Traum immer stärker verblassen sehen. Lange überlegte sie, zumindest Krankenpflegerin zu werden: „Aber es hätte mich vermutlich immer gequält, später im Krankenhaus die Ärzte vor mir zu sehen.“
Milena Schurr muss Englisch und Rumänisch pauken
Überall im Land fehlen also Hausärzte, und dennoch werden die restriktiven Studienbeschränkungen – ein Abiturschnitt von 1,2 oder besser ist immer noch Pflicht – offenbar zu wenig gelockert. Baden-Württemberg vergibt seit 2020 über eine „Landarztquote“ immerhin zusätzliche 75 Plätze an den Universitäten des Landes. Im ersten Jahr gab es dafür 450 Bewerbungen. Für Milena Schurr hat es nicht gereicht.
Für sie war der Ausweg, ins Ausland zu gehen, deshalb studiert sie heute in Cluj. Die Unterrichtssprache ist Englisch, daneben muss sie aber auch Rumänisch lernen, weil sie häufig im Krankenhaus eingesetzt wird. Sie muss also gleich in mehrfacher Hinsicht Herausforderungen meistern, um ihr Ziel, Ärztin zu werden, doch noch zu erreichen.
Kommunen und Kreise konkurrieren um die Kandidaten
Das Stipendium des Ostalbkreises hilft ihr dabei enorm. Schließlich hat sie mit einer Wohnung in Cluj und durch die Reisekosten erhöhte Aufwendungen. Umgekehrt empfindet sie die Verpflichtung, später im Ostalbkreis zu praktizieren, nicht als Einschränkung. Sie will sowieso zurück in ihre Heimat: „Und ich sehe mich nicht als Ärztin in einer Großstadt.“ Es müsse ja nicht gerade Heubach sein, wo sie so viele Menschen kenne.
Auch andere Kommunen und Landkreise haben mittlerweile solche Stipendien ins Leben gerufen, etwa der Landkreis Schwäbisch Hall. Dort muss man sich nach der Facharztausbildung sogar für vier Jahre als Hausarzt niederlassen. Andere Kommunen locken mit praktischer Hilfe – gerne sucht der Bürgermeister auch mal persönlich nach geeigneten Praxisräumen. Dadurch entsteht eine Art Wettbieten in der Förderung; den Bewerbern kann es recht sein.
Für Milena Schurr jedenfalls dürfte ihr Traum doch noch in Erfüllung gehen. Und am Ende zeigt sich, dass die richtige Frage nicht lautet, wie eine Studentin aus Cluj in den Ostalbkreis kommt, sondern: Warum nur muss eine junge und lernwillige Frau aus dem Ostalbkreis bis ins rumänische Cluj fahren, wenn sie in Deutschland Ärztin werden will – und dort gebraucht wird?