Im Südwesten fehlt es immer mehr an niedergelassenen Ärzten. Die Landesvertretung der Techniker Krankenkasse will dagegen anhalten und lädt Medizinstudierende zu einer Besichtigungstour bei Landärzten ein. Wie kommt das an?
Der Ernstfall ist eingetreten: Das Wartezimmer ist voll – und in der hausärztlichen Gemeinschaftspraxis von Michael Ihli, Manuel Magistro und Bernhard Hammer hat sich einer der Ärzte mit Corona krankgemeldet. „Oh je“, sagt ein älterer Herr mit hustenheiserer Stimme am Empfang. „Heute heißt es warten.“
Obendrein hat sich zu den kranken Patienten auch noch Besuch angemeldet: Acht Medizinstudierende aus ganz Deutschland sitzen auf Einladung der Techniker Krankenkasse (TK) Baden-Württemberg in einem kleinen Wartezimmer. Sie wollen wissen, wie ein niedergelassener Hausarzt am Rand der Region Stuttgart arbeitet – und ob es sich lohnen kann, den gleichen Weg einzuschlagen. Dafür nimmt sich Michael Ihli Zeit – trotz der vielen Patienten: „Wir brauchen den Nachwuchs.“
Die Zeit drängt, denn die Babyboomer gehen in Rente
Die Not unter den niedergelassenen Hausärzten ist groß: Im Land fehlen rund 1000 Hausärztinnen und Hausärzte, etwa ein Fünftel der Niedergelassenen ist älter als 65 Jahre. „Die Babyboomer gehen in absehbarer Zeit in Rente, wir werden keineswegs alle Praxen nachbesetzen können“, sagt Kai Sonntag, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW). Demnach ist der Versorgungsgrad vor allem in den Regionen Bretten, Horb, Balingen, Ellwangen, Schwäbischer Wald, Rottweil und Eberbach am niedrigsten.
Die Doc-Tour der TK soll das Interesse am Landarzt-Dasein entfachen: Seit 2014 geht es pro Jahr für knapp ein Dutzend interessierte Medizinstudierende auf Tour quer durch das Land – um einen „realen Eindruck über das Hausarztdasein zu vermitteln“, erklärt der Sprecher Hubert Forster. Dieses Mal ist die Gruppe in drei Hausarztpraxen zwischen Stuttgart und Göppingen unterwegs.
„Ich wollte auch nie Hausarzt werden“, sagt der Hausarzt
Es stimme schon, sagt die Medizinstudentin Victoria, der Hausarzt auf dem Land habe kein gutes Image. „Man hat sofort das Bild von einer überlaufenen Praxis im Kopf, aus der man abends nur schwer wegkommt, weil es neben den Anliegen der Patienten auch noch die Bürokratie zu bewältigen gilt.“ Sie komme ursprünglich aus Brandenburg, also aus dem Bundesland mit großen medizinischen Versorgungslücken. „Jetzt will ich sehen, wie sich die Situation in Baden-Württemberg darstellt.“
Daher sitzt die 25-Jährige nun mit den anderen Studierenden der „TK-Doc-Tour“ in der Gemeinschaftspraxis in Uhingen, knapp 15 000 Einwohner, rund 35 Kilometer von der Landeshauptstadt entfernt – und hört von Ihli als Erstes den Satz: „Ich wollte auch nie Hausarzt werden.“
Positiv sei unter anderem die Vielfältigkeit der Aufgabe
Lange war der 45-Jährige Klinikarzt in Geislingen gewesen. Doch der Schichtdienst, die durchgearbeiteten Feiertage und Wochenenden haben irgendwann nicht mehr zu seiner Vorstellung vom Leben gepasst. Da kam ihm die Frage, ob er sich an einer Hausarztpraxis beteiligen möchte, gerade recht. Das war vor sieben Jahren.
In seinem Bericht über den Arztalltag ist viel von der Nähe zu den Patienten die Rede, von geregelten Arbeitszeiten und einer vielfältigen medizinischen Versorgung: So müssten im Vergleich zu Ärzten in der Stadt Landärzte öfter kleine chirurgische Eingriffe durchführen, Wunden versorgen, Kinder behandeln und Hausbesuche machen – auch in entlegenen Orten auf der Schwäbischen Alb.
Eine eigene Praxis in Teilzeit führen? Davon rät der Arzt ab
Die Studierenden wollen es genauer wissen: Wie groß der bürokratische Aufwand sei? Und ob es möglich sei, als niedergelassener Mediziner auch in Teilzeit zu arbeiten? Ihli erzählt von Fördermöglichkeiten etwa seitens der Landesregierung und der KVBW, die darauf abzielen, Praxisgründern finanziell unter die Arme greifen. Auch er habe sich gescheut, als Mitinhaber einer Praxis unternehmerisch tätig zu sein. „Aber man wächst rein, und es gibt viele Schulungen zu diesen Themen.“ In Teilzeit eine Praxis zu führen, davon rät Ihli ab: „Diese Möglichkeit sehe ich nur als angestellter Arzt in einer Gemeinschaftspraxis oder in einem medizinischen Versorgungszentrum, die von Kommunen gegründet werden.“
Die Studierenden sind zufrieden. „Man erfährt viel auf dieser Tour, was im Studium nie zur Sprache kommt“, sagt der Student Marcel von der Universität in Ulm. „Die Vorlesungen der Unis sind auf Themen wie die Gründung einer Praxis nicht ausgerichtet.“
Die Praxis-Tour der TK ist dabei nicht das einzige Projekt, das den medizinischen Nachwuchs für den Hausarztberuf begeistern will: Auch die KVBW, der Hausärzteverband und die Landesregierung werben mit Programmen. Wer beim Schnuppern bei den Niedergelassenen innovative Praxiskonzepte kennenlernt, so das Kalkül, lässt sich später leichter als Landarzt gewinnen.
Es ist unklar, welchen Effekt solche Touren tatsächlich haben
Wie gut Medizinstudierende allerdings tatsächlich darauf anspringen, dazu gibt es noch keine Ergebnisse. „Da ist Geduld gefragt. Bislang kennen wir keine Teilnehmer, die sich als Hausärztin oder Hausarzt niedergelassen haben“, sagt Forster. Auch die KV Baden-Württemberg hält Erfolgsmessungen für eher schwierig: „Wir können aber sagen, dass das Interesse an der Allgemeinmedizin in den vergangenen zehn Jahren deutlich angestiegen ist“, sagt Sonntag.
Als Hausarzt später in seiner Heimat, der Region Tübingen, zu arbeiten, kann sich Marcel durchaus vorstellen – insbesondere die Vielfalt der medizinischen Themen in dem Beruf gefalle ihm. Allerdings müssten seine potenziellen Patienten noch ein paar Jahre auf ihn warten: Frühestens in drei Jahren wird der 22-Jährige sein Studium beendet haben.
Wie Studierende umworben werden
Landarztquote
Hier vergibt die Landesregierung 75 Medizinstudienplätze an Interessierte, die sich im Gegenzug dazu verpflichten nach der Facharztweiterbildung für mindestens zehn Jahre in unterversorgten Regionen in einer Praxis zu arbeiten. In diesem Jahr gingen hierfür 390 Bewerbungen ein.
Praktika
Die KVBW und der Hausärzteverband möchte Studierende viel in Kontakt mit Hausärzten bringen – durch Praktika oder Weiterbildungen über Kliniken.