Die Fellbacher Hausärztin Evelyne Fürst sitzt in ihrer Privatpraxis im Zentrum der Stadt. Das Bild im Hintergrund ist selbstgemalt – von einem ihrer Patienten. Foto: /Gottfried Stoppel

Die Hausärztin Evelyne Fürst betreibt seit 23 Jahren eine Privatpraxis in der Fellbacher Innenstadt. Weil sie in den Ruhestand geht, möchte sie ihre Praxis an einen Nachfolger übergeben. Zwar gibt es Interessenten, aber bisher kam es nicht zur Übergabe. Ein Erfahrungsbericht.

Vor fünf Jahren, als Evelyne Fürst ihre erste Suchanzeige für eine Nachfolge aufgab, hätte sie nicht gedacht, dass sie jetzt noch immer berufstätig ist. „Mit 60 oder 61 höre ich auf“, dachte sich die Fellbacher Hausärztin damals. Nun ist sie 64, aber in den Ruhestand kann und mag Fürst nicht gehen – zumindest nicht so. Sie möchte ihre rund 850 Patienten nicht einfach loslassen, ohne dass ein anderer Arzt sie unter seine medizinische Obhut nimmt.

 

Evelyne Fürst hat eine hausärztliche Privatpraxis in Fellbach. Sie liegt im Zentrum, direkt gegenüber des Rathauses, zweiter Stock. Knapp 100 Quadratmeter sind die Räumlichkeiten groß, es gibt vier Behandlungszimmer, ein Wartezimmer gibt es nicht. „Das brauchen wir nicht, bei mir muss man nicht warten“, kommentiert die Ärztin und lacht. An den Wänden hängen selbstgemalte Bilder, die sie teils von ihren Patienten geschenkt bekommen hat. Drei Sprechstundenhilfen sind bei ihr angestellt. „Die Praxis könnte in diesen Räumen weitergeführt werden“, sagt Evelyne Fürst.

Das Finden eines Nachfolgers gestaltet sich schwierig

Schon die ersten Bemühungen, einen Nachfolger zu finden, gestalteten sich jedoch schwierig. „Auf meine Anzeigen habe ich keine einzige Antwort bekommen“, berichtet die Allgemeinmedizinerin. Eine Zeit lang sei die Suche „ein wenig eingeschlafen“, aber 2022 ergriff Fürst noch einmal die Initiative, wie sie berichtet. Sie schrieb alle Chefärzte in der Umgebung und auch in Stuttgarter Kliniken an – insgesamt 58 – in der Hoffnung, dass sich ein Facharzt eine Niederlassung vorstellen kann. „Aber außer einem bedauernden Anruf von einem Chefarzt aus Stuttgart kam nichts“, sagt sie.

Im Sommer des vergangenen Jahres schrieb Fürst einen Brief an alle ihre Patienten, in dem sie ihre Situation schilderte. „Er ist toll aufgenommen worden“, so die Ärztin. „Die Patienten haben sich selbst auf die Suche gemacht, es überall herumerzählt.“ Daraufhin hätten sich tatsächlich einige Bewerberinnen und Bewerber gemeldet.

Die meisten der Interessenten seien etwa 40 Jahre alt gewesen. „Das ist oft der späteste Punkt im Leben, an dem ich sage: Ich lasse mich nieder“, so Fürst. Auch hätten alle Bewerber eine abgeschlossene Facharztausbildung in der Inneren Medizin gehabt. Mehrere seien zudem Facharzt für Allgemeinmedizin oder befänden sich in der entsprechenden Ausbildung. „Manche haben einen Tag in der Praxis hospitiert und zum Teil schon mit Steuerberatern gesprochen“, sagt Fürst. Aber immer hätten sie sich gegen die Übernahme entschieden. Zuletzt habe sogar schon der Termin für die Unterschrift gestanden. Am Tag davor kam die Absage.

Zu viel medizinische Verantwortung?

Über die Gründe kann Fürst nur Mutmaßungen anstellen. Aus den Rückmeldungen schließt sie, dass es vor allem die medizinische Verantwortung ist, die die Ärzte abschreckt – nicht einmal, was vielleicht zu vermuten wäre, eine wirtschaftliche Unsicherheit. „Dann bin ich ja alleine“, habe eine Ärztin ihre Entscheidung begründet. Man sei die Letzte, die Patienten sage: „So wird es gemacht.“ Und das schrecke ab.

Auch wenn Evelyne Fürst sich verständnisvoll zeigt, scheint es ihr ein wenig schwerzufallen, die Gründe nachzuvollziehen. Für sie ist die Tätigkeit ihr Traumberuf. „Und er ist es heute noch“, sagt sie. „Dass wir keine Allwissenheit haben, ist ja klar“, räumt die Ärztin ein. „Aber wenn man mit einem Fall an die Grenzen des Allgemeinmedizinischen kommt, dann gibt es ja Fachärzte, an die man überweisen kann.“ Zu den Kollegen bestünden gute Verbindungen, die ein Nachfolger ebenfalls übernehmen könne.

Auch habe sie angeboten, dem neuen Arzt oder der Ärztin unterstützend zur Seite zu stehen – etwa als Urlaubsvertretung oder falls ein Notfall eintritt. Aber auch ganze Vormittage seien kein Problem. „Das Angebot ist, dass ich noch eine Zeit lang dabeibleibe, wenn es gewünscht ist“, sagt die Medizinerin. Und wenn nicht, „dann würde ich auch morgen aufhören“.

Ein bekanntes Problem

Dass Evelyne Fürst mit ihrer Situation nicht alleine ist, ist bekannt – landesweit fehlen rund 1000 Hausärzte. Auch sie war sich dessen bewusst. Trotzdem hätte sie nicht damit gerechnet, dass es so schwierig werden würde – auch, weil sie als reine Privatärztin in gewisser Weise ein Sonderfall ist. Wenn man eine Kassenpraxis weitergeben möchte, müsse man einen Berg an Bürokratie mit abgeben, sagt Fürst. Das sei bei ihr nicht der Fall: „Ich habe in meiner Praxis zwei Formulare: Mein Privatrezept und den Anforderungszettel fürs Labor.“

Dann aber habe eine Interessentin abgesagt, weil sie Angst habe, von den Privatpatienten nicht ernst genommen zu werden – und ließ Fürst verwundert zurück. „Das Irre ist, dass ich bei ihr sofort gesagt hätte, dass sie geeignet gewesen wäre“, sagt Fürst und fügt an: „Wie bei allen Bewerbern.“ Die Angst möchte sie den Interessenten nehmen. „Die Patienten, das sind alles großartige, treue – einfach ganz normale Leute.“