Der Hausarzt ist wichtig für die Versorgung. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Laut einer Umfrage der AOK Baden-Württemberg gilt der Hausarzt vor Ort als wichtig für die Gesundheitsversorgung. Doch fehlt es genau daran: Viele Praxen stehen leer.

Wer einen Facharzttermin braucht, kennt es: Meist muss man monatelang auf eine Untersuchung warten. Doch inzwischen verschärft sich auch die Lage bei den Hausärzten. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) ist die Zahl der nicht besetzten Praxen weiter gestiegen. Landesweit fehlen derzeit gut 960 Hausärzte, vor allem im ländlichen Raum. Die KVBW stuft die Versorgung daher als „extrem gefährdet“ ein.

 

Dabei hat eine aktuelle Umfrage der AOK Baden-Württemberg ergeben, dass gerade die wohnortnahe Verfügbarkeit von Hausärzten von der großen Mehrheit der Bürger (67,2 Prozent) als entscheidender Faktor für die Qualität der medizinischen Versorgung gesehen wird. Anders gesagt: Je weniger Hausärzte es gibt, die man leicht erreichen kann, desto schlechter fühlen sich die Menschen betreut. Kein Wunder also, dass das Vertrauen in das Gesundheitswesen weiter sinkt. Nur noch knapp die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger in Baden-Württemberg fühlt sich laut der Umfrage gut betreut.

Mehr Ärzte arbeiten in Teilzeit

Johannes Bauernfeind, der Chef der AOK im Land, sagt dazu: „Es gab in Baden-Württemberg zwar noch nie so viele niedergelassene Ärzte wie jetzt – allerdings nur gemessen an Köpfen. Der Trend geht wie in vielen anderen Berufen in Richtung Teilzeit.“ Während im Jahr 2013 noch 13,3, Prozent der Mediziner in Teilzeit arbeiteten, waren es 2023 bereits 32,7 Prozent.

Das sei verständlich, so Bauernfeind weiter. Nicht zuletzt durch die Zunahme des Frauenanteils in der Ärzteschaft rücke die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in den Fokus. „Es bedeutet aber, dass bereits jetzt die Weichen gestellt werden müssen. Etwa durch die Förderung neuer Berufsbilder und die Stärkung kooperativer Praxis- und Versorgungsformen.“

Als einen Schritt in die richtige Richtung wertet das Sozial- und Gesundheitsministerium die so genannte Landarztquote: Jährlich werden über das Programm im Land 75 Medizin-Studienplätze vergeben. Die Studierenden müssen sich verpflichten, nach ihrem Abschluss zehn Jahre als Hausarzt in einem unterversorgten Gebiet zu arbeiten. Zum vierten Mal in Folge wurden nun erneut alle 75 Plätze besetzt. Den Landarzt, der „als Einzelkämpfer mit einer Praxis im eigenen Wohnhaus rund um die Uhr erreichbar ist“, werde es künftig nicht mehr geben, ist sich Sozial- und Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) sicher. Stattdessen werden lokale Gesundheitszentren, wie es sie unter anderem schon in Hohenstein auf der Schwäbischen Alb gibt, zunehmend eine wichtige Rolle spielen.

DGB: Mehr Geld für Kliniken nötig

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in Baden-Württemberg setzt sich für der Ausbau von regionalen Versorgungs- und Gesundheitszentren ein, um die ambulante und stationäre Versorgung vor Ort zu stärken. Zudem müssten die Krankenhäuser mehr Geld bekommen: „Seit den 90er Jahren sind die Investitionen um fast die Hälfte zurückgegangen“, kritisierte der DGB kürzlich bei einer Tagung zum Thema Gesundheitsvorsorge. Statt der rund 910 Millionen Euro, die das Land im Doppelhaushalt 2023/24 für den Um- und Neubau der rund 250 Kliniken im Südwesten zur Verfügung stellt, wäre nach Ansicht des DGB fast der doppelte Betrag nötig, um weitere finanzielle Schieflagen der Krankenhäuser zu verhindern. Der DGB hat Minister Lucha nun in einem Brief, der unserer Zeitung vorliegt, um einen Austausch zum Thema gebeten.

AOK: Finanzierung nicht nachhaltig

Handlungsbedarf bei den Krankenhäusern sieht auch die AOK: „Wir brauchen eine Reform, die eine verstärkte Qualitätsorientierung der stationären Versorgung in den Vordergrund stellt“, fordert Johannes Bauernfeind. Generell sei bei einer Neuaufstellung des Gesundheitswesen notwendig, dass die finanziellen Rahmenbedingungen stimmen. „Leider hat es die Ampel-Regierung bislang verpasst, die Weichen in Richtung einer nachhaltigen Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherungen sicherzustellen – ein fatales Zeichen für die Beitragszahlenden“, kritisiert der AOK-Chef. Zudem müssten Ressourcen besser genutzt werden.