Weil Kinderärzte mit Patienten überlastet sind, werden Eltern und ihre Kinder in den Praxen teils nicht mehr aufgenommen. Foto: Imago/Zoonar/Kasper Ravlo

Deutschlands Gesundheitssystem kränkelt. Es leidet an einem doppelten demografischen Wandel. Um es zu kurieren, bedarf es umfassender Reformen, meint Bettina Hartmann.

Spätestens seit der Coronapandemie ist klar: Deutschlands Gesundheitssystem steckt in der Krise. Kliniken stehen vor der Insolvenz, Arztpraxen schließen, weil sich keine Nachfolge findet. An allen Ecken und Enden bräuchte es mehr Geld, unter anderem für dringend notwendige Investitionen, etwa in die Digitalisierung. Inzwischen herrscht sogar Medikamentenmangel. Und vor allem fehlt es an Personal, in der Pflege wie in der Ärzteschaft. Das alles geht auf Kosten der Patientinnen und Patienten.

 

Die Versorgung gerät zunehmend in Gefahr. Auch weil es quasi einen doppelten demografischen Wandel gibt: Die Gesellschaft wird immer älter und damit anfälliger für Krankheiten. Gleichzeitig gehen bis zum Jahr 2035 fast 10 000 Mediziner in den Ruhestand. Bundesweit müssen Kinderarztpraxen bereits Aufnahmestopps verhängen, weil sie überlastet sind. In Großstädten fangen Krankenhäuser das Defizit ein wenig auf. Auch mit der Folge, dass es lange Wartezeiten für OPs gibt und Notaufnahmen aus den Nähten platzen. Auf dem Land ist die Lage teils verheerend.

Kein Patentrezept gegen die Misere

Seit Jahrzehnten warnen Gesundheitsexperten vor dem Kollaps. Passiert ist wenig bis nichts. Es gibt zwar kein Patentrezept gegen die Misere. Doch will man die immer noch hohe Versorgungsqualität halten, muss die Politik endlich handeln – und das Gesundheitssystem umfassend reformieren. Unter anderem mit einer konsequenten Digitalisierung, die helfen könnte, Bürokratie abzubauen sowie Doppelarbeit und Verwaltungskosten zu sparen.

Investitionen kosten zunächst allerdings. Genauso wie die Schaffung neuer Studienplätze, die Ärzteverbände schon lang fordern. Die Zahl der Studierenden im Bereich der Medizin hat sich zwar wieder erhöht, im Vergleich zu anderen Ländern hinkt Deutschland aber hinterher. Größere Praxisnähe im Studium, eine Verkürzung der Ausbildungszeiten, vielleicht auch die Abschaffung des Numerus clausus wären zudem nötig.

Zudem muss das Image der Allgemein- und Landärzte aufpoliert und Strukturen geschaffen werden, die eine Praxisübernahme attraktiv machen. Auch kreative Vorschläge sind gefragt: Ausbau der Telemedizin etwa oder der Aufbau eines Netzes an Arztmobilen. Und nicht zuletzt mehr Möglichkeiten für Teilzeitarbeit, etwa indem Ärzte sich Praxen teilen. Doch auch die Studierenden selbst, inzwischen zu zwei Dritteln weiblich, sind gefordert: Wer auf Work-Life-Balance pocht, sollte flexibel sein.

Alle müssen umdenken. Leistungseinschnitte sollte es für keinen geben. Ein längeres Leben samt medizinischer Versorgung auf neuestem Stand, zu der gut ausgebildetes und entsprechend bezahltes Personal gehört, gibt es aber nicht umsonst. Es kostet Geld und fordert zukunftsweisende Ideen.