Der südliche Stadtrand von Aleppo. Foto: dpa

In einem offenen Brief an den US-Präsidenten Barak Obama fordern 15 Ärzte, die immer noch im belagerten Aleppo tätig sind, zum Handeln auf.

Aleppo - Barak Obama ist die letzte Hoffnung verzweifelter Mediziner im weitgehend zerstörten Ostteil der syrischen Metropole Aleppo. In einem hochemotionalen offenen Brief appellieren 15 Ärzte, die trotz massiver Bombardements immer noch in der Stadt ausharren, an den US-Präsidenten: „Wir brauchen keine Tränen, kein Mitgefühl, nicht einmal Gebete, wir brauchen Ihr Handeln.“ Wenn nicht ein permanenter Versorgungskorridor zu dem von Rebellen kontrollierten Stadtteil eröffnet werde, gingen die Vorräte in den Krankenhäusern vollständig zu Ende. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis „wir wieder von Regime-Truppen umzingelt sind“ und der Hunger die Zivilbevölkerung dahinraffe.

Vor der Entscheidungsschlacht

Anti-Assad-Rebellen war es vor wenigen Tagen gelungen, eine einmonatige Blockade des von bis zu 300 000 Menschen bewohnten Stadtteils durch regimetreue Kräfte zu durchstoßen. Seither haben Diktator Assad und sein russischer Verbündeter die Luftangriffe auf Ost-Aleppo massiv verstärkt, während sich beide Seiten zur Entscheidungsschlacht um Syriens wichtigste Stadt rüsten.

In der Todesfalle sitzt die Zivilbevölkerung in Ost-Aleppo, aber auch in dem von Assad kontrollierten West- und Südteil der Stadt, um den die Rebellen nun ihrerseits einen Belagerungsring ziehen wollen. Die gesamte Bevölkerung, schätzungsweise zwei Millionen, ist seit Tagen nach massiven Attacken russischer und syrische Bomber auf die Infrastruktur von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten. Das Reparieren der Schäden ist angesichts der anhaltenden Kämpfe unmöglich.

„Der Tod kommt von überall“

Humanitäre Organisationen warnen vor den gravierenden gesundheitlichen Gefahren insbesondere für die Kinder. „Der Tod kommt von überall“, klagen Ärzte. Besonders dramatisch zugespitzt hat sich die Situation, seit das Assad-Regime und Russland die Attacke auf Spitäler, Gesundheitseinrichtungen und Ambulanzen zur „Kriegsstrategie“ erhoben hat. „Wir haben noch nie derart massive Attacken auf Spitäler erlebt“, klagt Susannah Sirkin von „Ärzte für Menschenrechte“. Von den ursprünglich zehn Spitälern der Stadt sind vier vollends zerstört und die restlichen sechs würden seit Wochen gezielt attackiert.

Gegenwärtig rechnen die Autoren des Appells im Schnitt mit einem Angriff alle 17 Stunden. Hält diese Intensität an, „ist das Gesundheitswesen Aleppos binnen einen Monats total zerstört“. Ein im Westen lebender syrischer Arzt, der regelmäßige Hilfseinsätze in seinem Heimatland absolviert, spricht von einem „Rekord der Schande“, alle Errungenschaften der Genfer Konvention zum Schutz von Zivilpersonen im Krieg würden in Syrien zunichte gemacht, indem man auch humanitäre Helfer zur Zielscheibe der Gewalt erwählte. „Was uns am meisten schmerzt“, schreiben die Ärzte, „ist der Zwang, darüber entscheiden zu müssen, wer weiterleben soll und wer sterben muss,“ weil es an den nötigen medizinischen Mitteln für alle fehle.

Systematische Bombardierung

Vor zwei Wochen hätte eine Explosion die Sauerstoffzufuhr zu einem Brutkasten gekappt. Vier Neugeborene seien gestorben, „bevor sie ihr Leben richtig beginnen konnten“. „Wir machen sie nicht darauf aufmerksam, dass die systematische Bombardierung von Spitälern ein Kriegsverbrechen ist,“ mahnen die Ärzt, doch „fortgesetzte Tatenlosigkeit der USA zum Schutz der syrischen Zivilbevölkerung bedeutet, dass unser Elend willentlich von den Mächtigen der Welt toleriert wird. Die Last der Verantwortung für die Verbrechen der syrischen Regierung und deren russischen Verbündeten muss deshalb auch von all jenen – auch den USA - mitgetragen werden, die deren Fortsetzung zulassen“. 14 andere noch in Ost-Aleppo unter enormem Einsatz wirkende Ärzte weigerten sich diesen Brief zu unterschreiben, weil sie den Glauben an den humanitären Geist der westlichen Welt, beziehungsweise deren politischen Führern verloren haben.

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