Vonovia hat mehrere Wohnblocks im Stuttgarter Osten modernisiert – und fordert nun die entsprechend höheren Mieten. Manche Mieter zweifeln an der Berechnung. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Stuttgarter Osten gilt als Bezirk, in dem es sich noch zu relativ moderaten Preisen gut leben lässt. Doch manche Mieter fürchten, dass sich das ändert. Sie schließen sich gegen Wohnungsunternehmen zusammen.

Stuttgart - Nach gut zwei Jahren Bauzeit war es kurz vor Weihnachten soweit. 64 Mieter im Stuttgarter Osten sollten von Dezember an deutlich höhere Mieten bezahlen. Begründung: die Modernisierungsarbeiten, die der Eigentümer, der Immobilienriese Vonovia, dort ausgeführt hat. Für die Bewohner der Häuser in der Klingenstraße, Bergstraße und Gaishämmerstraße werden satte Aufschläge fällig.

„In einem Fall hat Vonovia die Kaltmiete einer 67 Quadratmeter großen Wohnung von 530 auf 665 Euro erhöht. Interessanterweise wurden die Vorauszahlungen für Heizung und Betriebskosten aber nicht gesenkt, obwohl es angeblich eine energetische Modernisierung ist, die zur Einsparung führen sollte“, so Ursel Beck von der Vonovia-Mieterinitiative. Sie sagt, manche Betroffene hätten schwer an der neuen Miethöhe zu beißen. Auch der Bezirksbeirat hat das Vorgehen mehrfach kritisiert.

In verschiedenen Städten weigern sich Vonovia-Mieter inzwischen, die Erhöhungen zu bezahlen, weil die Modernisierungskosten nicht ausreichend belegt seien. Zu diesem Schritt haben sich auch zehn der Betroffenen im Osten entschlossen. „Wir nehmen unser Recht in Anspruch, die aufgewendeten Kosten zu prüfen“, heißt es in einem Schreiben. Die Mieter fordern umfangreiche Einsicht in die Belege. Außerdem weisen sie darauf hin, dass die Bauzeit erheblich überschritten worden sei. Für über zwei Jahre Lärm und Dreck sei die gewährte Mietminderung von 250 Euro inakzeptabel.

Mieter wollen Belege prüfen

„Wir haben in einem Antwortschreiben angeboten, die Modernisierungsbelege in digitalisierter Form bereitzustellen“, sagt eine Vonovia-Sprecherin. Man habe die Mieten im Osten moderat erhöht. Vonovia begrenze die Anpassungen freiwillig auf zwei Euro pro Quadratmeter. „Sollte sich ein Mieter seine Wohnung nicht mehr leisten können, finden wir immer eine Lösung“, sagt sie.

Die Entwicklung beobachtet der Mieterverein Stuttgart mit Sorge. „Der Osten ist der neue Westen“, sagt der Vorsitzende Rolf Gaßmann. Doch während der Stuttgarter Westen schon lange als angesagtes Wohnviertel gilt, steckt der Osten mitten in dieser Entwicklung. „Er ist noch ein Stückchen günstiger als die anderen Innenstadtbezirke. Aber er ist zum Tipp geworden, entsprechend ziehen die Preise an“, so Gaßmann. Er berichtet von Angebotsmieten bei Neuvermietungen von durchschnittlich 14,20 Euro pro Quadratmeter. Das sei nicht mehr weit entfernt vom Westen oder Süden – und für viele Leute „mit schmalerem Geldbeutel“, die dort traditionell wohnten, viel zu viel.

Auch unter den Mietern des Bau- und Wohnungsvereins (BWV) kommt derzeit Unruhe auf. Am vergangenen Dienstag hat sich eine neue Mieterinitiative gegründet. Gut 30 der insgesamt 2200 Mieter des BWV im Osten kamen zu der Versammlung. Grund ist eine Mieterhöhung, die der Verein Ende vergangenen Jahres ausgesprochen hatte. Einige Mieter hätten sich von Mitarbeitern des BWV dazu gedrängt gefühlt, dieser zuzustimmen, sagt Filippo Capezzone, der die Versammlung ins Leben gerufen hat. Ansonsten sei gedroht worden, andere Saiten aufzuziehen, so Capezzone, der für die Linken im Bezirksbeirat Ost sitzt.

Vermieter gilt als sozial

BWV-Vorstand Jürgen Ölschläger weist die Vorwürfe zurück: „Unsere Mitarbeiter sind immer sehr bemüht, sehr freundlich mit den Mietern umzugehen“, sagt er, räumt allerdings ein, dass telefonisch nachgehakt werde, wenn eine Antwort ausbleibe.

Dazu muss man sagen: Der BWV gilt als einer der sozialen Vermieter in der Stadt. Die Mieten liegen laut Ölschläger zwischen fünf Euro in älteren Gebäuden und 11,50 im Neubau. Also weit unter dem, was andere Vermieter verlangen. Auch die angekündigten am Mietspiegel orientierten Mieterhöhungen bewegen sich im zulässigen Rahmen.

Doch einem der Mieter in einem sanierten Altbau in der Rotenbergstraße ist genau das passiert, was andere nur befürchtet hatten. Er hatte nach dem Schreiben der Mieterhöhung die Zustimmung verweigert und nach Details gefragt. Nach einigem Hin und Her und dem Hinweis auf die „durchaus moderate Mietenpolitik des Bau- und Wohnungsvereins Stuttgart“ wurde die erste Mieterhöhung zurückgenommen und eine neue flatterte ins Haus: Statt 9,50 Euro soll der Mieter nun 10,92 Euro je Quadratmeter zahlen. „Dabei wäre ich bereit gewesen, die erste Mieterhöhung zu zahlen, wenn sie begründet worden wäre“, sagt der Mieter. Weitere Nachfragen seien nicht beantwortet worden.

Kritik am Verhalten des Eigentümers

Ölschläger kann kein Fehlverhalten seines Unternehmens feststellen: „Wir überprüfen unsere Mieten alle drei Jahre und passen entsprechend bei Bedarf Mieten an“, sagt er. „Wir erklären das den Mietern in der Regel grundsätzlich und erteilen auf Nachfrage weitere Auskünfte.“ Bei der Detailprüfung könne sich aber natürlich auch eine höhere Miete ergeben. Rolf Gaßmann vom Mieterverein vermisst hingegen eine partnerschaftliche Geschäftspolitik bei dem Unternehmen, das für sich selbst in Anspruch nimmt, dass es „die soziale Dimension seines Handelns stets im Blick hat“. Kritische Nachfragen, so Gaßmanns Erfahrung, seien beim BWV meist nicht erwünscht.

Die Vonovia-Mieterinitiative lädt am Montag, 27. Januar, zu einer Veranstaltung ein. Zu Gast ist Rouzbeh Taheri von der Initiative „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ in Berlin. Beginn ist um 19 Uhr im Theater tri-bühne in der Eberhardstraße.
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