Ganztätige Grundschulbetreuung für jeden – aktuell scheint das utopisch. Foto: dpa/Marcel Kusch

Das Land will per Los entscheiden, welche Grundschulen Fördermittel für den Ausbau der Ganztagsbetreuung bekommen. Beispiele aus Ludwigsburg zeigen, welche absurden Folgen das hat.

Jessica Möbes ist Mutter und stellvertretende Vorsitzende des Gesamtelternbeirats Ludwigsburg. Zwei ihrer Kinder haben die Grundschule bereits hinter sich, das dritte steckt noch drin, sie kennt also die Sorgen der Eltern und die Wichtigkeit der Ganztagsbetreuung. „Es ist immer ein Kompromiss“, sagt Möbes. Eltern müssten mit Arbeitszeiten jonglieren und Angehörige einspannen, sodass immer jemand für die Kinder da ist. Ganztägige Förderung sei aber auch aus sozialer Sicht wichtig, sagt Möbes: „Einfach, weil bei einigen zu Hause keiner bei den Hausaufgaben helfen kann.“

 

Die Stadt Ludwigsburg war mit ihren 14 Grundschulen eigentlich auf einem guten Weg, um eine flächendeckende, ganztägige Betreuung anzubieten. Im Gespräch eine Woche vor Schulstart zeigen sich der Gesamtelternbeirat und Bildungsbürgermeisterin Renate Schmetz nun aber besorgt und sauer. Alle Pläne seien durch das Vorgehen der Landesregierung über den Haufen geworfen worden – die Ganztagsbetreuung sei in Gefahr.

Renate Schmetz sorgt sich um die Zukunft der Grundschulen. /Stadt Ludwigsburg

Zum Hintergrund: Ab 2030 müssen Grundschulen in Baden-Württemberg jedem Kind eine Betreuung von bis zu acht Stunden am Tag anbieten. Das benötigt neue Räume, Mensen, Ausstattung und Personal. Um das zu finanzieren, hat die Bundesregierung ein Investitionsprogramm auf die Beine gestellt, Baden-Württemberg bekommt davon 380  Millionen Euro. Nun haben die Städte im Land aber Anträge mit einem dreimal so hohem Volumen eingereicht. Die Landesregierung will das Los entscheiden lassen, welche Maßnahmen gefördert werden.

„Das ist eine einzige Katastrophe“, sagt Schmetz. Viele dringende Maßnahmen würden auf der Strecke bleiben, kommunale Spitzenverbände gehen davon aus, dass rund 100 Schulträger gar komplett leer ausgehen. Die Investitionssumme sei komplett an der Realität vorbei gerechnet, „und das nennt man dann auskömmliche Förderung“, spottet die Bildungsbürgermeisterin.

Verlosung führt zu absurden Situationen

13 Maßnahmen hat die Stadt Ludwigsburg in Form von Anträgen eingereicht, vom Neubau einer Schulmensa bis hin zu neuem Spielgerät ist alles dabei. Aus so einem Topf zu losen, wird absurde Folgen haben. Ludwigsburg könnte nämlich das Glück haben, gezogen zu werden, hätte aber Pech, wenn ein vergleichsweise günstiger Antrag wie etwa neues Spielgerät gepickt wird.

Auch die Dringlichkeit der Maßnahme spielt bei der Verlosung offenbar keine Rolle. Für die Stadt Ludwigsburg ist beispielsweise der Ausbau der Schubartschule Priorität Nummer eins, diese Maßnahme wird in der Lotterie aber genau gleich behandelt wie alle anderen Baumaßnahmen. Es kann also sein, dass die Schule warten muss, die es am dringendsten bräuchte – währenddessen wird eine andere Schule aufgemotzt.

Wie Ludwigsburg geht es allen Kommunen im Landkreis. Der Sanierungsstau um den Anforderungen der ganztätigen Betreuung an Grundschulen gerecht zu werden, ist riesig. Während das Geld aus der Förderung und in den klammen Stadtkassen fehlt, steigt der Druck. In den kommenden Jahren wird der Anteil der Grundschüler, die ganztägige Betreuung in Anspruch nehmen, auf 70 Prozent ansteigen. In Städten werden es mehr.

Schmetz bezweifelt, dass die Ludwigsburger Grundschulen in den kommenden Jahren jeder Anfrage gerecht werden können. Auch Mutter und Elternbeirätin Jessica Möbes hat realisiert, dass nötige Maßnahmen auf die lange Bank geschoben werden müssen oder sogar platzen könnten. Nach den Ferien wolle der Gesamtelternbeirat mit Stadt und Schulen klären, welche Stellschrauben nun noch bleiben.