Aus Flach und Rund wird bunt – das galt zum Jahreswechsel auch im Enzkreis. Die Umstellung auf die Glasboxen sorgt dort allerdings für wesentlich weniger Ärger. Woran liegt das?
Ludwigsburg - Haben sich der Kreis und seine Abfallverwertungsgesellschaft (AVL) bei der Einführung des neuen Müllsystems verzockt? In Anbetracht dessen, dass nun ein Rechtsstreit mit den Dualen Systemen, beziehungsweise dem für sie zuständigen Unternehmen Interseroh aus Köln, wegen der ungewollten Glasboxen droht, ist dieser Gedanke nicht ganz abwegig.
Verärgerte Bürger, Nachverhandlungen mit den Partnern, das hatte sich im Kreishaus sicher niemand ausgemalt und schon gar nicht gewünscht. Viele Haushalte, die die 36 Liter fassende Box bekommen haben, hätten nun lieber eine Tonne. Vermutlich sind die Entsorger Prezero und Kurz schon allein ob der schieren Menge an Anfragen überrascht worden – und beharren deshalb erst einmal darauf, dass die geprüft werden. AVL-Chef Tilman Hepperle bekräftigt zwar, dass „ein deutlicher Wille spürbar ist, zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen“. Garantieren kann er aber nichts – Bürgerinnen und Bürger sollten „bis zur Klärung des Sachverhalts von weiteren Anfragen zum Behältertausch absehen“, so die AVL.
Im Enzkreis ist dasselbe Unternehmen zuständig
Die bisherigen Auskünfte, die Bürger beispielsweise an der Hotline der Entsorger Kurz und Prezero, die von Interseroh beauftragt wurden, oder per Mail erhalten, lassen den Schluss zu, dass sich niemand groß Hoffnung auf einen Tonnentausch machen sollte. Bürgernah ist dieses Vorgehen jedenfalls nicht.
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Ganz anders sieht es hingegen im Enzkreis aus. Ein Blick zu den Nachbarn legt die Vermutung nahe: der Landkreis hätte es deutlich einfacher haben können. Auch im Enzkreis gibt es seit dem Jahreswechsel ein neues System, auch dort hatte man jahrelang Folien, Konserven und eben Glas nach demselben Sondersystem – also Flach und Rund – abgeholt. Nun gibt es ebenfalls gelbe und blaue Tonnen, und auch eine Box.
Probleme mache die allerdings nicht. Alles in allem sei der Systemwechsel einigermaßen zufriedenstellend gelaufen, sagt Alexander Pfeiffer, Chef der Abfallwirtschaft im Enzkreis. Die Partner würden die Vereinbarung „großzügig handhaben“ und „sehr bedarfsorientiert“ vorgehen. Überraschend ist das deshalb, weil wie im Kreis Ludwigsburg das Unternehmen Prezero zuständig ist.
Das Verhältnis von Tonnen und Boxen ist ein anderes
Der relativ reibungslose Ablauf – das ein oder andere Problem lasse sich eben nicht vermeiden, sagt auch Pfeiffer – dürfte vor allem darin begründet liegen, dass die Verantwortlichen aus dem Enzkreis bei der Ausschreibung den 120-Liter-Behälter, die „normale Tonne“ mit zwei Rädern, als „Standard-Behälter“ wählten. Anders als bei der AVL klingt es bei Pfeiffer so, als hätte man durchaus ein Wörtchen bei den Verhandlungen mit der Firma Zentek, dem Pendant zu Interseroh, mitzureden gehabt. Auf vier Tonnen kommt im Enzkreis nun nur ein Korb, der auch eher „als Alternative“ gedacht ist und erst einmal nur an Ein-Personen-Haushalte verteilt wurde. Übrigens: Das Verhältnis wurde auch hier nicht konkret abgefragt, sondern nur grob geschätzt.
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Die Entscheidung zugunsten der Tonne dürfte auch damit zusammenhängen, dass der Enzkreis mit etwa 199 000 Einwohnern kleiner und ländlicher als der Kreis Ludwigsburg ist. Die Leute haben eher Platz für mehr Eimer. Entschieden habe man sich aber auch deshalb so, weil Glas „eher gemeinschaftlich gesammelt“ werde, erklärt Pfeiffer. Im Kreis Ludwigsburg wurde mit 105 000 Glasboxen und 38 000 zweirädrigen Tonnen kalkuliert. Dies sei „anhand von Vergleichswerten anderer Gebiete hochgerechnet“ worden, teilt ein AVL-Sprecher mit. „Wir haben den Entsorgern Annäherungswerte zu Zahl von Wohneinheiten und Haushaltsgrößen geliefert. Aber wir hatten keinen Einfluss darauf, was die Entsorger daraus machen.“
Im Rhein-Neckar-Kreis sind die Glasboxen etabliert
Die Verantwortlichen aus der Barockstadt haben immer wieder in den Rhein-Neckar-Kreis, der von der Struktur und der Größe eher mit Ludwigsburg zu vergleichen ist, verweisen. Das System mit den Boxen existiert dort schon seit mehr als 25 Jahren – Probleme gab es damals wie heute nicht. Ein Grund dafür könnte die klarere Abstufung sein: jeder Haushalt bekommt eine Box, Wohneinheiten mit fünf oder mehr Parteien bekommen einen sogenannten Müllgroßbehälter.
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Auch die Vorbehalte der Menschen in und rund um Ludwigsburg gegen die Glasboxen kann man bei der AVR Umweltservice in Sinsheim nicht nachvollziehen. Beschwerden wegen Scherben auf Gehwegen gebe es nicht, sagt Geschäftsführer Martin Schmitz. Dasselbe gilt für die Müllwerker wegen zu schwerer Boxen. Rund um Heidelberg geht man die Sache pragmatisch an: jedem Bürger steht es frei ein weiteres eigenes Gefäß, etwa einen Eimer, neben die Glasbox zu stellen, das dann ebenfalls geleert wird. Das empfiehlt nun auch die AVL. Sie nennt das allerdings eine „pragmatische Zwischenlösung“.