Das zerstörte Auto nach dem Unfall: Einige erkundigen sich, ob alles in Ordnung sei. Andere filmen und fotografieren. Foto: privat

Im Leonberger Teilort Gebersheim kracht am Mittwochmorgen, 15. Januar, ein 18-Jähriger mit seinem Auto bei Eisglätte in eine Straßenlaterne. Was dann folgt, treibt ihm und auch seiner Mutter die Zornesröte ins Gesicht.

Der Ärger hat sich bei Sarah Merz noch lange nicht gelegt. „Wenigstens“, sagt sie, „ist nichts Schlimmeres passiert.“ Trotzdem ist das, was sich am vergangenen Mittwoch zugetragen hat, für die 40-jährige Gebersheimerin nur schwer zu verkraften. An jenem Morgen verließ ihr 18-jähriger Sohn das elterliche Haus und wollte zur Arbeit fahren. Doch waren die Straßen über Nacht spiegelglatt gefroren – der junge Mann kam nicht weit.

 

Auf eisglatter Straße gegen Laterne gerutscht

Am unteren Ende der Heimerdinger Straße krachte der Fahranfänger mit seinem VW Polo nach einer längeren Rutschpartie in einen Laternenmast, der im Anschluss wiederum auf ein Haus fiel. Aufgrund des heftigen Aufpralls öffneten sich die Airbags des Autos, was bei dem 18-Jährigen für einige heftige Prellungen sorgte. Ansonsten blieb er unverletzt – ärgerte sich aber, genau wie seine herbeigeeilte Mutter, über das, was dann geschehen sollte.

An diesem – im negativen Sinne – denkwürdigen Morgen war der Unfall in Gebersheim beileibe nicht der einzige. Vier Stunden mussten beide also auf den Abschleppdienst warten, damit dieser den Polo – einen Totalschaden – abtransportiert. Dafür hätte Sarah Merz ja noch halbwegs Verständnis aufgebracht. In dieser Zeit, so berichtet sie, hätten jedoch zahlreiche Autos angehalten, Menschen hätten die Unfallstelle gefilmt und fotografiert. „Schaulustige bis zum Gehtnichtmehr“, ärgert sich die Mutter. Auch ihr Sohn, der sich nicht selbst zu den Geschehnissen äußern möchte, ist noch immer aufgebracht ob der Dreistigkeit vieler Menschen, die an jenem Morgen den Ort des Geschehens passierten.

Hilfsbereitschaft, aber auch schamlose Gaffer

Einige seien indes auch hilfsbereit gewesen, berichtet Sarah Merz. Wie zum Beispiel der Mann am Steuer eines vorausfahrenden Wagens, der den Unfall bemerkt habe und sofort zur Hilfe geilt sei. Auch die Bewohner des Hauses, auf das der Laternenmast gefallen war, seien sofort herausgekommen und hätten ihre Hilfe angeboten. Nur hätten sich viele, laut Sarah Merz zwischen 20 und 30 Personen, eben auch einfach lustig gemacht, sie hätten gelacht und häufig auch gefilmt und fotografiert.

Vielleicht hätte die Polizei etwas gegen die Gaffer unternehmen können. Allerdings rückte die überhaupt nicht zu besagtem Unfall aus, obwohl Sarah Merz sie verständigt hatte. „Man hat mir allen Ernstes gesagt: ‚Wir haben Angst um unsere Autos’“, berichtet sie. Am Ende notierte sie sich das Nummernschild eines besonders dreisten, filmenden Verkehrsteilnehmers und zeigte ihn im Nachgang eigenhändig online an.

Der Ausgang der Angelegenheit ist offen, doch erhofft sich Sarah Merz sehr wohl ein entsprechendes Resultat. Sie weiß, wovon sie spricht: Sie arbeitet als Fahrlehrerin und kennt sich mit den entsprechenden Paragrafen aus.

Aussage am Polizeitelefon vielleicht „nicht ganz ernst gemeint“

Dass die Beamten des zuständigen Präsidiums Ludwigsburg an diesem Mittwochmorgen nicht bei jedem der insgesamt 416 Unfälle im Einzugsgebiet parat stehen konnten, ist nachvollziehbar. Allerdings ärgert sich Sarah Merz noch immer über die Antwort, die sie laut eigener Aussage am Telefon erhalten habe. Die Polizei in Person von Pressesprecherin Yvonne Schächtele sagt dazu auf Nachfrage: „Wir waren mit allem auf der Straße, was möglich war. Falls diese Aussage wirklich so gefallen sein sollte, war sie vielleicht nicht ganz ernst gemeint.“ Es habe Ausnahmezustand geherrscht. „Selbst alteingesessene Kollegen haben mir gesagt, dass sie so etwas noch nie erlebt haben.“ Generell sei man angesichts der schwierigen Lage dazu übergegangen, viele der Unfälle telefonisch aufzunehmen.

Kaputt: Der VW Polo ist ein Totalschaden. Foto: privat

Und die Gaffer? Dieses Thema ist laut Yvonne Schächtele nicht pauschal zu beantworten. Allerdings: Sitze man am Steuer eines Autos und filme bei langsamer Fahrt gleichzeitig mit dem Handy, sei die Angelegenheit eindeutig.

Polizisten dürfen Handys von Schaulustigen beschlagnahmen

Wird man mit dem Handy am Steuer erwischt, sind im Regelfall ein Bußgeld von 100 Euro sowie ein Punkt in Flensburg fällig. Fürs Filmen gilt, so Schächtele, zusätzlich Paragraf 201a des Strafgesetzbuches. Dieser beziehe sich auf die „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs und von Persönlichkeitsrechten durch Bildaufnahmen“. „Das Fotografieren oder Filmen verunglückter Autos oder von Unfallopfern ist eine Straftat und kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder mit einer Geldstrafe bestraft werden“, zitiert die Pressesprecherin. Ob die Person die Fotos weitergebe oder veröffentliche, sei dabei irrelevant. Ist die Polizei vor Ort, „dürfen Polizisten auch das Smartphone des Schaulustigen oder des Tatverdächtigen beschlagnahmen“.

Sammeln sich Schaulustige bei einem Unfall und fahren nicht weiter, obwohl die Einsatzkräfte sie mehrfach dazu auffordern, kann dies laut Yvonne Schächtele eine Ordnungswidrigkeit darstellen. „Diese kann ein Bußgeld von 20 bis 1000 Euro nach sich ziehen.“ Unterlassene Hilfeleistung könne derweil mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe geahndet werden.

In der Fahrschule sind Gaffer und Rettungsgasse ein Thema

Sarah Merz und das Team in der Fahrschule machen während der Übungseinheiten übrigens stets aufs Thema Gaffen aufmerksam. „Und auch auf den Sinn von Rettungsgassen“, fügt sie hinzu.