Jahrelang wohnt eine Frau zufrieden in einer altengerechten Wohnanlage in Reutlingen. Dann wechselt der Eigentümer, und plötzlich bricht das Chaos aus.
Eigentlich ist Frau B. (Name geändert) erst 69 Jahre alt. Im vergangenen Jahr war sie aber sehr froh, dass sie sich bei ihrer Übersiedlung aus dem Badischen nach Reutlingen gleich für eine betreute Wohnanlage entschieden hatte. „Ich bin in meiner Wohnung gestürzt. Über den Hausnotruf konnte ich gleich Hilfe holen“, sagt sie. Inzwischen ist sie wieder fit. Doch dafür ereilte sie der nächste Schlag: Vom neuen Eigentümer der Wohnanlage ging ihr im Juli eine Nebenkostenforderung für Wärme und Wasser in Höhe von 9049 Euro zu, offenbar aufgelaufen innerhalb eines halben Jahres. Die Betriebskostenvorauszahlung für die kleine Zwei-Zimmer-Wohnung wurde gleichzeitig auf 1516 Euro heraufgesetzt. 2139,85 Euro sollte die Warmmiete plötzlich betragen.
„Zuerst dachte ich, ich sehe nicht richtig“, erinnert sich Frau B. Doch Anrufe bei der neuen Hausverwaltung, der Zentral Boden Vermietung und Verwaltung (ZBVV), gingen förmlich ins Leere. Am anderen Ende der Leitung meldete sich ein Duisburger Callcenter. Man gebe die Beschwerde weiter hieß es. Das Ergebnis: im September erhielt sie ein neues Schreiben. Das offene Saldo betrage mittlerweile 11 581,56 Euro, erfuhr sie jetzt. Sie möge nun doch bitte überweisen. Frau B. verstand die Welt nicht mehr. Beim vorherigen Vermieter habe sie nie Mietrückstände gehabt. Eine Aufstellung über die Zusammensetzung der Forderung enthielt das Schreiben nicht.
Frau B. schaltet den Mieterbund ein
Zunächst hatte die ZBVV fast den Eindruck erweckt, als ob sie an Geld gar nicht interessiert sei. Zwar bat man schon kurz nach der Übernahme im Dezember 2022 um die Übersendung einer Abbuchungsgenehmigung. Gebrauch machte man davon aber erst einmal nicht. Über Monate wurde keine Miete eingezogen – bis Frau B. schließlich von sich aus überwies. Auch hier versandeten Nachfragen in der Warteschleife des Callcenters. „Es war das totale Chaos.“
Wegen der Nebenkostenforderung wandte sich Frau B. schließlich an den Mieterbund Reutlingen-Tübingen, deren Mitglied sie ist. Doch auch dessen Anwältin biss zunächst auf Granit. „Auf jedes Schreiben antwortete eine andere Stelle“, sagt der Mieterbund-Geschäftsführer Marc Roth. Auf Argumente wurde dabei gar nicht erst eingegangen. „Man redete wie gegen eine Wand.“
Alle zehn Jahre wechselt der Besitzer
Die ZBVV ist ein Tochterunternehmen der Zentral Boden Immobilien Gruppe (ZBI). Das Unternehmen hat zahlreiche Niederlassungen und bundesweit 62 000 Wohnungen im Portfolio. Auch in Stuttgart, Esslingen oder Leinfelden-Echterdingen ist das Unternehmen vertreten. Regelmäßig werden für private und institutionelle Anleger neue Immobilienfonds aufgelegt. Das Objekt in Reutlingen übernahm man von einem anderen Immobilienfonds, der Real Estate. Der Weiterverkauf von Immobilien, jeweils nach Ablauf der zehnjährigen Spekulationsfrist, ist ein übliches Geschäfts- und wohl auch Steuersparmodell in der Branche. Auch in Reutlingen wechselte in regelmäßigen Abständen der Besitzer.
Auf Anfrage unserer Zeitung räumte ein Sprecher der ZBVV die horrenden Betriebskostenforderungen ein. Man habe die Abrechnung jetzt prüfen können. Offenbar seien die vom Voreigentümer übernommenen Daten falsch gewesen. Inzwischen habe man die Schreiben korrigiert. Die Vorauszahlung betrage 229,16 Euro im Monat. Warum diese Erkenntnis nicht früher reifte, sagte der Sprecher nicht.
Für Frau B. gehen damit nervenaufreibende Wochen zu Ende. Auch Birgit Fischer, die für das Sozialunternehmen Körperbehindertenförderung Mössingen (KBF) die Betreuung in dem Haus organisiert, sagte, die Situation habe sich inzwischen deutlich verbessert. Während der Mieterbund von weiteren ähnlich gelagerten Fällen spricht, erklärte sie, nur in einem Fall vermittelt zu haben. Auch hier sei es letztlich ein Missverständnis gewesen. „Für ältere Menschen ist ein Callcenter auch einfach schwierig.“ Beim alten Eigentümer habe es im Haus ein Büro gegeben. Bei der ZBVV habe man jetzt zumindest drei feste Ansprechpartner für Reutlingen. „Das ist jetzt eine gute Struktur.“