Glücklichsein muss man sich hart erarbeiten – aber es ist möglich, wissen Frieder und Milena Kärcher. Foto: Milena Kärcher

Frieder Kärcher steht kurz vor seinem Abschluss, als er eine tödliche Diagnose erhält. Er macht seine Ausbildung trotzdem weiter, aber zu langsam. Jetzt soll er Geld zurückzahlen.

Für das Amt für Ausbildungsförderung in Karlsruhe ist der Fall abgeschlossen: Man habe sich mit der vorgesetzten Behörde, dem Stuttgarter Regierungspräsidium (RP), abgestimmt. „Von dort wurde bestätigt, dass die Entscheidung fachlich korrekt war.“ Knapp 1000 Euro soll Frieder Kärcher zurückzahlen, weil er für seine Ausbildung einen Monat zu lange gebraucht hat. Welcher schwere Schicksalsschlag für den Verzug gesorgt hat, spielt für die Behörde keine Rolle. Möglichst schnell will man zur Tagesordnung übergehen. „Ein weiterer Schriftverkehr mit uns ist nicht erforderlich.“

 

Die Geschichte beginnt vor fast drei Jahren. Da ist Frieder Kärcher 31 Jahre alt. Der gelernte Mechatroniker will eine Ausbildung zum Konstrukteur an der Berufsfachschule in Bruchsal draufsatteln. Im Februar 2023 steckt er gerade mitten in den Prüfungsvorbereitungen, als er eine niederschmetternde Diagnose erhält. Ein besonders aggressiver Gehirntumor, ein so genanntes Glioblastom, habe sich in seinem Kopf eingenistet. Sechs Monate, länger habe er nicht mehr zu leben, sagen die Ärzte. Trotzdem ist Kärcher entschlossen: Was er angefangen hat, macht er auch fertig.

„Wieso tust du dir das noch an“, fragen die Freunde

Die Freunde, die Geschwister schütteln den Kopf: „Wieso willst du die wenige Zeit, die dir noch bleibt, für so etwas verpulvern?“ Doch für Kärcher – ein gläubiger Mensch, der sonntags die Gottesdienste einer evangelischen Freikirche besucht – ist die Ausbildung vielleicht so etwas wie der berühmte Apfelbaum, von dem Martin Luther gesagt haben soll, er würde ihn pflanzen, selbst wenn morgen die Welt unterginge. „Pass auf,“ sagt er zu seiner Frau, „ich werde viel länger leben, als die Ärzte sagen.“

Er hat Recht behalten. Das ist das Schöne an dieser Geschichte. Aber gesund ist er nicht. Völlig überraschend hat sich der eine Tumor zurückgebildet, dafür ist ein anderer gewachsen. Immerhin die Prüfung hat Frieder Kärcher damals bestanden – nach Notoperation und Bestrahlung. Die Schulleitung räumte ihm eine Verlängerung ein. Mit vierwöchigem Verzug reichte er seine Abschlussarbeit ein. Genau darum dreht sich nun der Streit mit dem Bafög-Amt, das für den letzten Monat seither das Geld zurückfordert.

Der eine Tumor bildet sich zurück, der andere kommt

Beim Hochschul-Bafög kann wegen Erkrankung die Förderungshöchstdauer verlängert werden. Beim Schüler-Bafög ist das anders. Mit dem letzten Schultag ende auch die Förderung, erklärt ein Sprecher des landesweit für Bafög-Angelegenheiten zuständigen Regierungspräsidiums in Stuttgart. Die Förderungsverwaltung habe keine rechtlichen Spielräume, den Förderzeitraum einfach zu verlängern. Allerdings sei auf Antrag eine Ratenzahlung denkbar.

Im angestrebten Beruf kann Kärcher nicht arbeiten, er bezieht 500 Euro Schwerbehindertenrente pro Monat. Davon muss er noch die Krankenversicherung bezahlen. Die Chemotherapie schlaucht. Das Gespräch mit dieser Zeitung übernimmt seine Frau Milena. Leichtigkeit und Glücklichsein müsse man sich hart erarbeiten, sagt sie.

Milena und Frieder pflanzen einen neuen Baum

Krebspatienten und auch ihre Angehörigen hätten eigentlich keine Kraft zum Kampf mit den Behörden. Doch hier gehe es ums Prinzip, ist sie überzeugt. „Es muss sich auch einmal jemand wehren, sonst ändert sich nichts.“ Deshalb werde sie gegen den Bescheid vor Gericht ziehen. „Wenn ein Glioblastom kein Härtefall ist, was ist es dann?“, fragt sie. „Härtefallregelungen existieren hier nicht“, sagt hingegen das RP. Und dann deutet der Sprecher an, dass es doch eine Möglichkeit gebe, dass auf Antrag die Forderung erlassen werden könne. Dafür müssten dem Bafög-Amt aber die besonderen Gründe dargelegt werden. Bisher war man in den Antwortschreiben auf die Schilderungen der Krankheit nie eingegangen.

Frieder Kärcher kämpft derweil weiter gegen den Krebs. Seit 15 Monaten hat er dafür einen neuen besonderen Grund. Wie durch ein Wunder haben die beiden einen Sohn bekommen. „Wir haben für ihn auch einen Baum gepflanzt“, sagt Milena Kärcher. Denn natürlich ist der Bub für das Paar in einer scheinbar aussichtslosen Situation wie Luthers Apfelbäumchen ein Ausdruck der Hoffnung.