Aus der überschaubaren Flaschnerei Stahl entstanden, ist die Firma Steel im Herzen Großbottwars immer größer geworden. Mit Folgen fürs Wohngebiet Teufelsäcker (rechts). Foto: Werner Kuhnle

In Großbottwar möchten Bürger mit einer Unterschriftenliste eine Besserung erreichen, was den Geräuschpegel von Steel angeht. Die Firma möchte Störfaktoren minimieren.

Großbottwar - Ein dumpfes, wummerndes Stampfen im Sekundentakt – das beschreibt das Geräusch wohl am ehesten, das Anwohner im Gebiet Teufelsäcker im Großbottwarer Süden immer wieder hören. Mal morgens, mal den ganzen Tag über, mal nachts, an Sonntagen. Ruhig ist es so gut wie nie über längere Zeit. Ursache sind die Pressen der nahe gelegenen Firma Steel Automotive. Sie stanzen und formen Metallteile.

 

Die Firma ist seit Jahrzehnten ansässig, jüngst wächst aber Widerstand. Denn nach Wahrnehmung der Anwohner ist die Geräuschkulisse lauter geworden, seit 2018 und 2020 neue tonnenschwere Pressen installiert wurden. Die Bürger zwischen Kreuz- und Kantstraße sind unterschiedlich stark betroffen. Je nach Höhenlage am Hang und je nachdem, ob der Schall ungebremst ankommt. Viele haben genug, auch wenn bei der Firma zwischen 22 und 6 Uhr die Tore und Fenster geschlossen werden. 42 Personen trugen sich im März in eine Unterschriftenliste ein, in der Hoffnung auf Besserung.

Folgen für die Nachbarschaft Hört man sich im Teufelsäcker um, erfährt man von einigen Folgen der Beschallung. Betroffene äußern, sie fühlten sich gestresst, sprechen von einem unerträglichen Zustand, der aggressiv macht. Anwohner schildern, dass sie Fenster tags wie nachts geschlossen halten. Teils wurde mit Lärmschutzfenstern nachgerüstet, in einem anderen Haus auf den Ausbau des Dachstuhls verzichtet, weil das Geräusch dort am lautesten sei. Innen helfe manchmal nur das Radio. Ausschlafen gestalte sich schwierig. Mancher lädt kaum Gäste ein, um das Wummern niemandem zuzumuten. Und im Garten sitzen? Nicht ohne Hintergrundgeräusch. Zumal es sich, so die Anwohner, nicht wie das Rauschen einer Autobahn ausblenden lässt.

„Ich empfinde es sogar als angenehm, wenn ein Auto vorbeifährt, weil es das Geräusch der Pressen schluckt“, sagt Britta Tengler. Sie ist Sprecherin der betroffenen Anwohner, die sonst anonym bleiben möchten. „Das Geräusch macht einen verrückt. Man hat das Gefühl, dass sich der Herzschlag dem Rhythmus anpasst.“ Ihr Haus hätten die Tenglers vor sechs, sieben Jahren „nie gekauft“, hätten sie gewusst, dass sich die Lautstärke verändere. „Das ist kein Vergleich zu vorher“, sagt Tengler und fragt: „An der Oberstenfelder Straße gibt’s eine Schallschutzwand. Wo bleibt unser Schutz?“

„Kein Feldzug gegen die Firma“ Die Großbottwarerin betont, dass die Unterschriftenaktion kein Feldzug gegen Steel sei. Allen sei klar, dass es ein wichtiger Arbeitgeber ist. Die Mitarbeiter könnten ja auch nichts für die Situation. Es brauche aber eine Lösung. Gedankenspiele sind vorhanden: Ausgeschaltete Pressen in der Nacht und an Sonntagen, schallgedämmte Pressen, eine verbesserte Gebäudedämmung bei Steel samt Lüftungsanlage, damit Tore und Fenster geschlossen bleiben, oder gar ein Umzug der Pressen oder der Firma. „Sie ist in dieser zentralen Lage einfach an der falschen Stelle“, sagt Ehemann Harald Tengler.

Das bei Geräuschemissionen zuständige Landratsamt hat sich des Themas aufgrund von Beschwerden Mitte 2019 angenommen. Es verlangte Ende 2020 von der Steel-Geschäftsführung ein schalltechnisches Gutachten. Das wurde auch erstellt, noch liegt das Ergebnis aber nicht vor, da es bei der Überprüfung Punkte zu klären gab. Wann das Resultat vorliegen wird, kann Landratsamt-Sprecherin Caren Sprinkart nicht sagen. Die Befürchtung der Anwohner: Das Gutachten besagt, dass keine Grenze überschritten wird und alles im Ist-Zustand bleibt. „So können wir nicht leben“, sagt Britta Tengler.

Firma möchte Technik optimieren Diese Sorge möchte Steel-Geschäftsführer Dieter Roßbach nehmen. Steel arbeite „kontinuierlich daran“, Geräusche zu reduzieren – auch wenn Grenzwerte eingehalten werden. Daran werde sich nichts ändern. Optimiert würden die Werkzeuge beim Schnittschlag, was die Immissionen beim Stanzen deutlich verringere. Man führe zudem Messungen durch, um Immissionen zu erfassen und reduzieren zu können. Steel sei auch im Gespräch mit einem Dienstleister, um die Installation von Dachentlüftungen mit geräuschreduzierten Ventilatoren zu besprechen. Die Mitarbeiter würden zudem wiederkehrend sensibilisiert, Fenster und Tore zu schließen. Und in der Nachtschicht werde die Geschwindigkeit der Pressen an den immissionsstarken Werkzeugen reduziert. Eine Stilllegung der Pressen abends und nachts würde aber „zum Verlust der Wettbewerbsfähigkeit führen“. Die neuesten Pressen riefen laut Roßbach auch keinen erhöhten Geräuschpegel hervor – „im Gegenteil“.

Der Geschäftsführer betont, die Anwohnerkritik ernst zu nehmen und sich eine gute Nachbarschaft zu wünschen. Dazu gehöre es, im Gespräch zu bleiben und eben, dass „von unserer Seite stetig daran gearbeitet wird, Störfaktoren zu minimieren oder, falls möglich, zu beseitigen“. Als einer der größten Arbeitgeber der Umgebung sei man sich der Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern, der Umwelt, „aber auch unserer Region und den Bewohnern bewusst“. Es dürfe jedoch nicht vergessen werden, dass hinter der jungen Steel-Geschichte eine mehr als 100-jährige Tradition in der Metallverarbeitung am Standort Großbottwar steckt und ein Ort, der über 220 Mitarbeitern Arbeit bietet.

Bürgermeister wartet Gutachten ab Ralf Zimmermann erklärt, dass das Thema immer wieder aufkomme, es zwischenzeitlich aber jahrelang ruhig war. Aufgrund des ausstehenden Gutachtens sei es schwierig, sich jetzt zu äußern. Zumal das Landratsamt zuständig sei. „Wir nehmen das Thema aber ernst.“ Er sei zu einem Treffen mit den Bürgern bereit. Dass bislang kein Termin vereinbart wurde, begründet er damit, dass man, wie die Stadträte, das Gutachten abwarte.

Schalltechnisches Gutachten und gesetzliche Vorgaben

Im Gutachten
werden laut Landratsamt die zu erwartenden Geräuschemissionen an der umliegenden Bebauung ermittelt und bewertet. Gebunden ist man ans Immissionsschutzgesetz, das, vereinfach gesagt, verlangt, dass keine erheblichen Einwirkungen entstehen.

Die Richtwerte
sind laut Landratsamt „keine absoluten Grenzwerte“, ein Überschreiten zeigt aber in aller Regel Handlungsbedarf auf. In Großbottwar gelten unterschiedliche Werte, da Gewerbe, Wohn- und Mischnutzung beieinander liegen. Grenzen Gewerbe- und Wohngebiete aneinander, kann im Einzelfall ein Zwischenwert gebildet werden, sagt Caren Sprinkart. Generell sind die Geräusch-Anforderungen in der Baugenehmigung festgelegt. Sie müssen dauerhaft, auch nach dem Austausch von Pressen, eingehalten werden.