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Im badische Kurort Bad Krozingen sind die geschützten Vögel zur Plage geworden. Bürgermeister Volker Kieber will mit einem Masterplan gegen die Tiere vorgehen.

Bad Krozingen - Wenn sich der Himmel am frühen Morgen verdunkelt und das Gekrächze anhebt, gehen Ruth und Norbert Eikermann in Deckung. Das Apothekerpärchen flüchtet aus dem Garten ins Haus, um dem zu entkommen, was wie eine schwarze Wolke über ihnen hängt. Nur dass kein Regen zur Erde tropft, sondern stinkender Kot. „Da zieht man automatisch den Kopf ein“, sagt Norbert Eikermann und zeigt sich genervt von der feindlichen Invasion – „wie in Hitchcocks Film ‚Die Vögel’“.

Es sind Saatkrähen aus dem benachbarten Pappelwald, die über Eikermanns Neubau hinwegziehen und überall ätzende weiße Pünktchen hinterlassen. Auf der Markise, den dreifach verglasten Fenstern, dem Dach. Den hübschen Steinbrunnen im Garten haben sie abgeschaltet, weil er ständig verstopft war. „Wir sind bald täglich mit der Wurzelbürste unterwegs, um den Vogeldreck wegzuputzen“, klagt Norbert Eikermann, petrolfarbene Brille, Slipper, gebügeltes Hemd. Seine Frau hat es neulich beim Gärtnern sogar direkt erwischt. Dabei sind die Eikermanns ins badische Kurstädtchen Bad Krozingen gezogen, um ihre Ruhe zu haben. Sie haben die Apotheke in Köln zugemacht und sich in bester Villenlage ein Traumhaus gebaut, mit Kamineck, großzügigen Balkonen und Blick auf den Kurgarten.

Doch der Traum wird immer mehr zum Albtraum. Norbert Eikermann, eigentlich ein friedlicher Mensch, wie er über sich sagt, hat zum ersten Mal in seinem Leben eine Unterschriftenaktion gestartet. Er ging von Nachbar zu Nachbar, um Rückendeckung zu bekommen für seinen Protest gegen die Krähenplage. „Man wusste schon lange Bescheid über die Kolonie“, sagt der 68-Jährige verärgert, er hofft, dass sich die Gemeinde endlich stärker engagiert im Kampf gegen die Krähen.

Seit Jahren wächst die Krähen-Population in dem badischen Kurort

Ihn zu gewinnen, ist schwierig. Das weiß der Bürgermeister Volker Kieber und legt ein Diagramm auf den Tisch, das zeigt, wie heikel die Lage ist. Die Saatkrähe, ein Vogel unter Artenschutz, soll sich vermehren, und genau das tut sie seit vielen Jahren in Bad Krozingen. Auf Daten des Naturschutzbundes basieren die Kurven, die den Bestand des Singvogels in dem Kurort bei Freiburg dokumentieren. Alle Kurven gehen in der Tendenz nach oben. „Wir haben 1375 Horste in den Bäumen“, sagt Volker Kieber, im Jahr 1995 seien es gerade mal 400 gewesen.

Der Krähendreck und der die Lärmbelästigung machen nicht nur den Häuslesbauern am Rande des Kurparks zu schaffen, auch die Reha-Gäste haben sich längst beim Rathaus beschwert. „Das grauenvolle Permanentgekrähe von 5 Uhr morgens bis 21 Uhr abends geht unglaublich auf die Nerven“, schreibt ein Patient in seinem Brief an die Stadtverwaltung. Ein anderer schlägt vor, die Vögel umzusiedeln, denn schließlich hätten kranke Menschen allemal Vorrang vor Tieren.

Für Bürgermeister Kieber, ein Naturfreund und Forstwissenschaftler, ist dies ein Dilemma. „Wir brauchen die Reha-Patienten, wir sind angewiesen auf die Touristen“, sagt der besorgte Rathauschef und rechnet vor, dass von den 621 000 Übernachtungen im Jahr rund drei Viertel auf das Konto der Klinikpatienten geht. Bad Krozingen sei alles andere als ein Gewerbestandort, das Geschäft mit der Gesundheit dürfe durch die Vögel nicht in Mitleidenschaft gezogen werden.

Mit wechselndem Erfolg hat die Gemeinde bisher versucht, die Krähen in ihren verschiedenen Kolonien zu vergrämen. Ein Falkner wurde losgeschickt, um den Raubvogel über den Nestern kreisen zu lassen. Uhu-Attrappen aus Plastik wurden zur Abschreckung in die Wipfel der Bäume gehängt. Und Ehrenamtliche wurden gefunden, die mehrmals täglich an langen Seilen ziehen, damit die Uhus mit den Flügeln wackeln. Selbst die Stadtgärtner rückten aus, um die Lieblingsbäume der Krähen so zu beschneiden, dass den Vögeln der Nestbau schwieriger gemacht wurde.

Die Probleme wurden verlagert, aber nicht gelöst

Geholfen hat das alles wenig, wie Bürgermeister Kieber zugeben muss. „Das Problem wurde verlagert, aber nicht gelöst“, sagt der 54-Jährige, der eine Schwäche für Vögel hat. Aufgewachsen in einem Forsthaus im schwäbischen Aichwald bei Esslingen päppelte er in seiner Jugend aus dem Nest gefallene Tiere auf: Waldkäuze, Wespenbussarde und sogar eine Saatkrähe. Letztere fütterte er mit Eintagsküken, sie fraß ihm aus der Hand und wurde so zutraulich, dass sie ihn einen Sommer lang auf dem Schulweg nach Hause begleitet hat, am liebsten auf seiner Schulter sitzend.

Bei allem Verständnis für die schlauen Tiere liegt Kieber als Rathauschef vor allem der Frieden in seiner Gemeinde am Herzen. Er will sich von anderen Städten abschauen, wie sie die Krähenplage in Griff bekommen haben. In Kempten im Allgäu wurde eine Drohne eingesetzt, die mit Falkenrufen, die Krähen verjagen soll. In Laupheim im Kreis Biberach ist eine aufwendige Machbarkeitsstudie zur Umsiedlung der Tiere erstellt worden. Für Kieber die ideale Vorlage, um einen Masterplan für Bad Krozingen zu erarbeiten, 150 000 Euro will er dafür im Haushalt reservieren. Beteiligt werden sollen vom Tierschützer über die Anwohner bis zu Behördenvertreter alle, die mit den Krähen zu tun haben. „Wir wollen die Tiere auf keinen Fall ausrotten“, beschwichtigt der Bürgermeister und setzt darauf, dass sich die Vögel gezielt umsiedeln lassen. Das eine oder andere Wäldchen in der Nähe des Kurorts hat er schon aufgetan, dort sollen die Krähen zwischen März und Juni möglichst ungestört brüten und sich zuhause fühlen.

Vom künftigen Masterplan der Stadt versprechen sich die Eikermanns viel. Auch sie wollen ihr neues Zuhause möglichst ungestört genießen. „Ich hätte hier nie gebaut, wenn ich gewusst hätte, was auf uns zukommt“, sagt Ruth Eikermann. Sie hat durchaus Verständnis für die Krähen. Die seien schließlich zuerst da gewesen.

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