Der Waffenhersteller Heckler & Koch in Oberndorf hat kurzfristig Mitarbeiter mit augenscheinlich "russischem" Hintergrund aus der Qualitätssicherung wegversetzt. Betroffene zeigen sich fassungslos und sprechen von Diskriminierung.
Kreis Rottweil - Die Nachricht traf die Mitarbeiter unvermittelt. Am Freitagmittag seien sie einzeln zu Gesprächen mit der Personalabteilung gerufen worden, in denen man ihnen sagte, dass sie schon am Montag nicht mehr in der Qualitätssicherung arbeiten können. Alle betroffenen Mitarbeiter, so vermutet einer von ihnen im Gespräch mit unserer Redaktion, seien wohl mehr oder weniger dem Namen nach ausgesucht worden: sie alle klingen – oder sind – russisch.
Direkter Umgang mit Waffen und Munition
Alle Mitarbeiter haben außerdem eins gemeinsam: Sie arbeiten im Zuge der Qualitätssicherung direkt mit Waffen und Munition. Beim so genannten "Beschuss" werden die Waffen direkt auf dem betriebseigenen Schießstand getestet. In den Gesprächen mit der Personalabteilung seien Worte wie "Gefahren" und "Interessenskonflikte" gefallen. Wo nun genau die Gefahr liege – auf diese Frage hätten die betroffenen Mitarbeiter keine Antwort bekommen. "Man konnte uns das Ganze nicht wirklich erklären", ärgert sich ein Mitarbeiter. Sie seien "fassungslos" über die Versetzungen.
Neuen Abteilungen zugewiesen
Per mündlicher Anweisung seien alle Betroffenen neuen Abteilungen zugewiesen worden. Die anderen Kollegen in der Qualitätssicherung seien "geschockt" gewesen, heißt es. Alle nun versetzten Mitarbeiter seien seit mehr als zwei Jahren, teilweise bis zu 15 Jahre in der Qualitätssicherung tätig. Bevor man dort eingesetzt wird, werde man von Seiten des Unternehmens gründlich durchleuchtet. "Ein polizeiliches Führungszeugnis reicht da nicht", sagt einer.
Einige der Betroffenen haben sich nun bereits anwaltlichen Beistand geholt. Es gehe ihnen hier nicht nur um arbeitsrechtliche Fragen, sondern auch um die Diskriminierung an sich. Fassungslos sind sie auch darüber, dass sie selbst bis Freitag nichts von der Versetzung gewusst hätten, "die anderen Abteilungen wussten zum Teil aber wohl schon, dass wir kommen".
HK spricht vom Schutz der Mitarbeiter
Was sagt Heckler & Koch zu dem Vorgang? Unsere Redaktion hat nachgefragt, inwieweit die Vorgänge so bestätigt werden und was genau die Begründung für die Versetzungen ist? Wo sieht der Waffenhersteller die "Gefahr" beim Einsatz der Mitarbeiter im Bereich "Beschuss"?
Die Stellungnahme eines Unternehmenssprechers zeigt, dass man den Versetzungsvorgang bei Heckler & Koch ganz anders sieht: Es gehe vielmehr um den Schutz der Mitarbeiter, so die Begründung. Im Einzelnen heißt es: "Putins Angriffskrieg hat das Sicherheitsbedürfnis unseres Unternehmens erhöht. Um unsere Mitarbeiter vor Anwürfen von außen zu schützen, haben wir aus Fürsorgegründen Maßnahmen eingeleitet."
Der Sprecher bestätigt, dass man dazu Mitarbeiter aus dem Bereich des Waffenbeschusses "temporär in andere Bereiche des Unternehmens eingegliedert" habe. Betont wird auch, dass gleiche Maßnahmen in ähnlichen Krisensituationen bereits in der Vergangenheit ergriffen worden seien.
"Die betroffenen Mitarbeiter wurden persönlich informiert", so der Sprecher. Auf Art und Weise der Gespräche und nähere Einzelheiten in der Abteilung wird mit Verweis auf Unternehmensinternas nicht eingegangen.
Insgesamt seien die Maßnahmen "mit Verständnis in der Belegschaft aufgenommen worden", erklärt Heckler & Koch. Der Betriebsrat sei über diese Maßnahmen in Kenntnis gesetzt worden.
Fokus auf der Rüstung
Angesichts des Krieges in der Ukraine liegt auf den deutschen Rüstungsunternehmen aktuell ein besonderer Fokus. Es laufen Gespräche mit Bundesregierung und Bundeswehr. Heckler & Koch hat in diesem Zug bereits bekundet, dass man kurzfristig größere Bedarfe der deutschen Streitkräfte oder anderer Nato-Länder decken könne und dazu auch kurzfristig Kooperationen mit Industriepartnern in Deutschland und Europa eingehen könne.
Dass die Versetzung von Mitarbeitern aus der Qualitätssicherung in Oberndorf nun zu ihrem eigenen Schutz und aus Fürsorge geschieht, das scheint so bei den Mitarbeitern jedenfalls nicht angekommen zu sein. Ein Fall ausbaufähiger Kommunikation? Fakt ist: Etliche der Betroffenen fühlen sich "strafversetzt" und in ihrer Arbeit nicht wertgeschätzt. Einige haben aber auch bereits die Arbeit in den neuen Abteilungen angetreten.