Da waren sie noch voller Hoffnung: Vor dem ersten Heimspiel gegen den 1. FC Köln wanderten 7000 Fans in einer Karawane zum Stadion Foto: Baumann

Der VfB sehnt sich nach Mutmachern – auch auf den Rängen. Doch dort ist die Stimmung gerade mal wieder am Kippen. „Unser Geduldsfaden ist kaum noch existent“, formulieren die Ultras von Commando Cannstatt in einer Protestschrift.

Stuttgart - Es ist ja nicht so, dass den VfB vor dem Heimspiel gegen 1899 Hoffenheim in der Mercedes-Benz-Arena an diesem Samstag (15.30 Uhr/Sky) nicht schon genug Sorgen plagen würden. Sportlicher Natur. Die fehlende Durchschlagskraft im Angriff, die mangelnde Kreativität, der Mannschaftsgeist, der sich nicht recht entwickeln will – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Nicht umsonst steckt der Fast-Absteiger der vergangenen Saison schon nach drei Spieltagen wieder tief im Schlamassel. Mit nur einem Punkt auf dem 17. Platz.

Die Partie gegen 1899 Hoffenheim soll die Wende bringen. Die Verantwortlichen appellieren an die Fans, die Mannschaft zu unterstützen. Doch die haben offenbar schon vor dem Spiel keine Lust mehr auf Versprechungen, Beschwichtigungen und Schönredereien. „Der freie Fall – Wir haben die Schnauze voll“ ist eine Protestschrift überschrieben, welche die Ultra-Gruppierung Commando Cannstatt auf ihrer Internetseite veröffentlicht hat. Darin wird, sachlich, aber bestimmt, mit dem Verein abgerechnet. Ein Überblick.

Die Mannschaft: Ihr fehlen aus Sicht der Fans Spieler, die Verantwortung übernehmen. „Einen Lautsprecher mit Substanz, der die Mannschaft in schwierigen Situationen zusammenhält, sucht man vergebens“, schreiben die Verfasser. Sie verweisen auf Clubs mit kleineren Budgets, aber ähnlichen Problemen. Deren Teams würden den Mangel an Führungsfiguren durch ein Wir-Gefühl wettmachen – etwas, was dem VfB-Kader nach Meinung der ältesten Stuttgarter Ul­tra-Gruppierung völlig abgeht.

Der Sportvorstand: Bei vielen Fans gilt Fredi Bobic als Hauptschuldiger für die seit Jahren andauernde Misere. Commando Cannstatt sieht ihn nur als Teil des Problems. Gleichwohl nehmen auch die Ultras den Sportvorstand ordentlich in die Mangel. Die Kurzfassung: „Die falschen Spieler werden geholt, die falschen abgegeben und die falschen bleiben.“

Der Präsident: Obwohl ihn an der sportlichen Situation wohl die geringste Schuld trifft, zieht Bernd Wahler die meiste Kritik auf sich – getreu dem Motto vom Fisch, der vom Kopf her stinkt. Die Ultras sehen in ihm einen „lustigen Repräsentanten“, der keine Ahnung hat, Luftschlösser baut und mit der geplanten Ausgliederung auch noch die Seele des Vereins verkaufen will.

Kurzum: Der weiß-rote Anhang, zumindest stimmgewaltige Teile von ihm, ist schon wieder im dunkelroten Bereich unterwegs. Das Fazit „Unser Geduldsfaden ist kaum noch existent! Eine weitere ,Zusammenhalten-Saison‘ wird es mit uns nicht geben“ darf durchaus als Drohung verstanden werden. Für das Spiel gegen 1899 Hoffenheim sind indes – abgesehen von einigen Spruchbändern – keine weiteren Aktionen geplant, erklärte ein Sprecher der Vereinigung am Freitag gegenüber unserer Zeitung. Das Schreiben impliziere auch gar nicht die Forderung nach irgendwelchen Konsequenzen. Vielmehr wolle man mit den Zeilen die gesamte Stuttgarter Fan-Szene wachrütteln.

Das ist durchaus gelungen. Im Internet erfahren die Jungs von Commando Cannstatt mit ihren über 1000 Unterstützern viel Zustimmung. Die anderen großen Fan-Gruppierungen pflichten den Kritikern in allen Punkten bei. „Das musste mal so kommuniziert werden“, sagte ein Sprecher. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung wurde frei gewählt. In die Bewertung fließt ausdrücklich die letzte Saison mit ein. So heißt es in der Logik der Ultras: „37 Spiele und 33 Punkte sprechen Bände.“ Deshalb ist auch nur Trainer Armin Veh als Einziger frei von Kritik.

Von den Vereinsoberen wollte sich am Tag vor dem wichtigen Heimspiel niemand offiziell zu der Stimmungsmache äußern. Einzig Fredi Bobic schimpfte am Rande einer Wohltätigkeitsveranstaltung in München: „Es geht nicht, vor dem vierten Spieltag Horrorszenarien an die Wand zu malen.“

Unvorbereitet getroffen haben sie den Club aus Cannstatt aber nicht. Die Kommunikation mit den Fans ist eng, man kennt die Brandherde. „Die Stimmung in der ­Fan-Szene ist sehr gedrückt“, weiß Peter Reichert. Der Fan-Betreuer des VfB kann vieles nachvollziehen, zugleich aber auch nur dem Appell des Vereins folgen, die Spieler zu unterstützen.

Das wird bis 17.15 Uhr auch so sein, versichern die Drahtzieher. Nur, was im Fall einer neuerlichen Niederlage passiert, kann ­niemand garantieren. Aber auch dafür gibt es keinen Plan. Protest entzündet sich meist spontan, wie zuletzt in der Rückrunde nach dem 2:2 gegen Eintracht Braunschweig oder wie vor fünf Jahren nach einem 1:1 gegen den VfL Bochum.

Freilich wissen die Urheber nur zu gut, dass sie die Lunte nicht nur gelegt, sondern auch schon entzündet haben. „Wenn etwas passiert, fällt es sicher darauf zurück“, sagt ein Fan-Sprecher. Er ergänzt: „Solche Szenen wie damals nach dem ­Bochum-Spiel will in der ganzen Kurve ­niemand mehr erleben.“

Der Verein selbst hat sein Sicherheitskonzept jedenfalls nicht angepasst. Auch die Polizei geht von einem ganz normalen Bundesligaspiel aus, zu dem 45 000 Zuschauer erwartet werden.

Zahlenmäßig ist der Zuspruch der Fans ungebrochen. Die meisten von ihnen sehnen sich nach einer Saison im Mittelfeld. Früher undenkbar. Die Ansprüche sind wahrlich gesunken. Umso schwerer wiegt der Protest.

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