Der Mond geht über dem 2502 Meter hohen Säntis auf. Auch der dortige Sendemast, der den Bodenseeraum versorgt, wird im Juni die Verbreitung des Fernsehens einstellen. Foto: dpa

Im Juni schaltet die Schweiz 200 Sendeanlagen ab. Davon ist insbesondere Südbaden betroffen, wo man plötzlich keine Schweizer Programme mehr empfängt. Und wie ist das eigentlich umgekehrt?

Konstanz - Über die Dresdner machte man Witze: kein Westfernsehen. Aber genau genommen haben auch die Menschen im Stuttgarter Kessel bis in die 80er Jahre hinein in einem Tal der Ahnungslosen gelebt. Es gab das erste, das zweite und das dritte Programm, Sendeschluss um 23.55 Uhr mit der Nationalhymne. Weiter südlich brachte die Glotze hingegen die weite Welt ins Wohnzimmer. So konnte man beim Bodenseeurlaub schon damals acht Programme empfangen, weil die „Feindsender“ aus Bayern, Österreich und der Schweiz hinein funkten.

Quantitativ hat die Zahl der Programme dank Kabelfernsehen zugenommen, qualitativ weniger, weshalb Zuseher entlang der Grenze auch heute noch gerne ins Nachbarland zappen. „Der Schweizer Wetterbericht passt für uns ja viel besser“, sagt Konrad Frommer (71), einst Chef der Weißen Bodenseeflotte und jetzt Pensionär. Zudem erfahre man etwas über die Nachbarn. In der internationalen Bodenseeregion sei das wichtig.

Bundesrat verfügt harten Sparkurs

Doch nun wird den Deutschen das Schweizer Fernsehen abgedreht. Auslöser ist die „No-Billag-Initiative“ zur Abschaffung der Rundfunkgebühren in der Schweiz. Das Wahlvolk ließ sie Anfang März zwar scheitern. Zurück bleibt aber ein Sparkurs, den der Berner Bundesrat zuvor verordnet hatte. So schaltet der Alpenstaat zum 3. Juni seine 200 terrestrischen Sendeanlagen ab, Ersparnis: zehn Millionen Franken. Es hätten nur noch 1,4 Prozent der Haushalte die Programme über Antenne empfangen, erklärt eine Sprecherin der Schweizer Radio- und Fernsehgemeinschaft (SRG).

Das Problem: auch deutsche Kabelnetzbetreiber wie Unitymedia und das Konstanzer Seeconnect nutzten das terrestrische Signal für die Einspeisung in ihre grenznahen Netze. Technisch gebe es auch andere Lösungen, „aber die SRG hat uns das untersagt“, erklärt ein Seeconnect-Sprecher. Bisher galt der Grundsatz: Wo ein Programm über Antenne empfangen werden kann, darf es auch ins Kabel. Dieses Argument sticht nach der Abschaltung nicht mehr. Stattdessen wirken rechtliche Schranken. Für viele internationale Produktionen erwerbe man nur die Lizenz für eine Verbreitung in der Schweiz, erklärt die SRG-Sprecherin.

Kann die Politik helfen?

„Wir werden abgehängt“, warnt Frommer. Und dies geschehe zu einer Zeit, in der ohnehin eine grenzüberschreitende Entfremdung drohe. Der immer noch gut vernetzte Pensionär schaltete mittlerweile die örtlichen Bundestagsabgeordneten ein. Der Vorsitzende der deutsch-schweizerischen Parlamentarierkommission, Felix Schreiner (CDU), wandte sich an den Ministerpräsidenten. Als Mitglied der Internationalen Bodenseekonferenz solle Winfried Kretschmann (Grüne) mit den politisch Verantwortlichen in der Schweiz den Dialog suchen. „Der deutsch-schweizerische Kulturraum an Bodensee und Hochrhein lebt vom Austausch auch über das Medium Fernsehen. Südbaden vom schweizerischen Fernsehen zu kappen, ist kontraproduktiv“, sagt der Waldshuter Abgeordnete. Jetzt brauche es gemeinsame Lösungen. Der Kauf einer Satellitenschüssel hilft übrigens nicht. Via Satellit gibt es die Schweizer Sender nur verschlüsselt. Decoder werden nicht ins Ausland verkauft.

Eines hat Pensionär Frommer übrigens überrascht: Als er jüngst in der Schweiz Freunde besuchte, lief dort unbeanstandet das komplette deutsche Fernsehangebot. Die Schweizer Kabelnetzbetreiber hätten entsprechende Vereinbarungen getroffen, erklärt die SRG-Sprecherin. Auch unterscheide sich die Urheberrechtsgesetzgebung in der EU generell von der in der Schweiz.

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