Lilli Vandermeulen ist am Sonntag 102 Jahre alt geworden. In einem Kindertransport entkam sie aus Nazi-Deutschland. Ihre Nichte hat jetzt ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben.

„Sie ist wohl einer der ältesten in Göppingen geborenen Menschen und die älteste noch lebende Person aus der jüdischen Einwohnerschaft Göppingens.“ Klaus Maier-Rubner, Vorsitzender der Initiative Stolpersteine Göppingen hält regelmäßig Kontakt mit Überlebenden der NS-Diktatur und ihren Angehörigen, so auch mit Edith Netter, die jetzt die Geschichte ihrer Familie und insbesondere die ihrer Tante Lilli Vandermeulen veröffentlicht hat.

 

Vor 102 Jahren wurde Lilli Vandermeulen in der Großstraße in der Villa Netter als Isolde Netter geboren. „Wie fasst man ein Leben zusammen, das schon hundert Jahre dauert und noch weitergeht?“, fragt sich ihre Nichte Edith Netter und kommt zu dem Ergebnis: „Man kann es nicht.“ Gleichwohl hat sie aus der Vielzahl von Erinnerungen, Ereignissen und Geschehnissen ein lebendiges Bild ihrer Tante geschaffen, deren Schicksal beispielhaft für so viele steht. „Lillis Kindheit klingt idyllisch. Sie lebte mit ihren Eltern Alice und Henry und ihrem älteren Bruder und ihrer älteren Schwester Eric und Doris in einem großen Haus.“ Ihr Vater führte ein erfolgreiches Unternehmen, das Stoffe und Materialien für die Buchbindung und die Herstellung von Koffern produzierte.

Die Familie lebte seit fast 200 Jahren in Süddeutschland. Lilli geht mit ihren Freunden im Sommer wandern, im Winter Eislaufen, verliebt sich zum ersten Mal. Mit der Machtübernahme der Nazis wird alles anders. In der Reichspogromnacht muss sie mit ansehen, wie ihr Vater verhaftet und abgeführt wird. Nach seiner Freilassung setzten sich die Eltern dafür ein, dass ihre Tochter mit einem der Kindertransporte ins sichere England reisen konnte. „Was für ein Abschied muss das gewesen sein?“, fragt die Autorin. Bald konnten auch die Eltern Nazi-Deutschland verlassen. Allerdings war die Familie getrennt. Erst 1949 sollten sich alle in den USA wiederfinden.

Ihr wurde klar, dass sie nicht nach Deutschland zurückkehren konnte

Für Lilli war Clovelly in Devon ein Zufluchtsort, an dem sie sich entfalten konnte. Nach dem Ende der Schule schloss sie sich dem Kampf gegen die Nazis an und arbeitete als Schweißerin, um beim Bau von allem zu helfen, was für den Krieg benötigt wurde. Dann meldete sie sich beim Geheimdienst der US-Armee in Großbritannien, übersetzte abgefangene deutsche Korrespondenz. „Wer weiß, wie viele deutsche Pläne sie vereitelt, wie viele Leben der Alliierten sie gerettet und wie viel sie zum endgültigen Sieg 1945 beigetragen hat“, so Edith Netter. Nach Kriegsende wurde Lilli von der US-Armee eingeladen, an einer Feier teilzunehmen. „In einer Stadt namens Göppingen.“ Ausgerechnet in ihr Elternhaus hatte die Armee eingeladen. Sie sprach mit niemandem darüber. Ihr war aber deutlich geworden, dass sie nicht nach Deutschland zurückkehren konnte. Sie reiste nach Amerika, arbeitete in New York in einem Hotel, heiratete, war aber nach wenigen Jahren wieder geschieden. Sie heiratete ein zweites Mal, arbeitete gemeinsam mit ihrem Mann Jean-Pierre erfolgreich in der Reisebranche. Tochter Debbie wurde geboren.

„Ja, Lilli hat ein Leben geführt, das von den großen Umwälzungen der Geschichte geprägt war, aber das war nicht ihr Leben. Nicht wirklich. Sie lebte im Alltag“, notierte Edith Netter. Ende der sechziger Jahre war die Ehe von Lilli gescheitert. Jean-Pierre zahlte keinen Unterhalt und versuchte, das Gericht davon zu überzeugen, dass Lilli nicht in der Lage sei, sich um ein Kind zu kümmern. Er wollte sie gar in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen. Doch der Plan scheiterte.

Zeitlebens war Lilli sportlich, unternehmungslustig und reiste gerne. Es sind viele kleine Episoden, die die Autorin schildert und die den Leser einer Frau begegnen lassen, die sich von Schicksalsschlägen nicht brechen ließ, die Anteil nimmt am Leben ihrer Lieben, die Kontakte pflegt zur Familie und den Weggefährten und die jetzt wohl auch ihren 102. Geburtstag lebensfroh gefeiert hat.

Wer die ganze Geschichte von Lilli Vandermeulen lesen möchte, kann dies im englischen Original tun: Das Buch „The House at Schumannstr. 7. A Memoir“ ist im Buchhandel erhältlich (ISBN 1633814572). Eine deutsche Übersetzung gibt es aktuell noch nicht.