Ägypten Rabaa-Massaker ist noch immer ein Tabu

Von Elisabeth Lehmann 

Rauchschwaden über Kairo: Am 14. August 2013 wurde der Rabaa-Al-Adawiya-Platz geräumt. Foto:  
Rauchschwaden über Kairo: Am 14. August 2013 wurde der Rabaa-Al-Adawiya-Platz geräumt. Foto:  

Die gewaltsame Räumung des Muslimbrüder-Protestcamps auf dem Kairoer Rabaa-Al-Adawiya-Platz in Kairo jährt sich zum ersten Mal – Zwischen 600 und 2000 Tote

Kairo - Die Moschee strahlt im Sonnenlicht, der Verkehr ist chaotisch. Straßenhändler bieten Autofahrern Taschentücher und Getränke an. Alles wie immer. Auf dem Rabaa-Al-Adawiya-Platz im Kairoer Stadtteil Nasr City erinnert nichts mehr an den 14. August 2013. Keine Spur von Blutlachen auf dem Asphalt, kein Zeichen, dass die weiße Moschee damals schwarz vom Rauch war. Drei Monate war der Platz geschlossen gewesen, danach war die Erinnerung an die gewaltsame Räumung des Muslimbrüder-Protestcamps wegrenoviert.

Alaa Elkamhawy ist zum ersten Mal wieder hier seit jenem Tag im vergangenen August. „Es fühlt sich an wie damals. Die Wut darüber, dass die Polizei einfach wahllos schießt.“ Elkamhawy ist Fotoreporter und hat täglich über das Protestcamp berichtet. Seit Wochen hatten mehrere Zehntausend Muslimbrüder auf dem Platz ausgeharrt und so gegen die Absetzung ihres Präsidenten Mohammed Mursi demonstriert. Am Morgen des 14. August 2013 stürmten Polizei und Militär den Platz. Zwischen 600 und 2000 Menschen starben. Elkamhawy kam mit einem Beinschuss davon.

Jetzt steht er vor dem Denkmal in der Mitte des Platzes und ist enttäuscht. Das Denkmal symbolisiert die Zusammenarbeit von Armee und Polizei zum Schutz der ägyptischen Bevölkerung. An Zynismus kaum zu übertreffen, findet Elkamhawy: „Ich habe das alles mit meinen eigenen Augen gesehen. Doch bis heute wurde niemand für seine ­Taten zur Rechenschaft gezogen.“

Rabaa spaltet Ägypten. Noch immer. Es gibt Opfer, Kritiker und Befürworter, sagt der Politikwissenschaftler Ashraf El Sherif. „Ägypten vor Rabaa war anders als danach. Noch nie gab es so viel Hass zwischen den verschiedenen Gruppen.“ Und sie würden nie wieder zusammenfinden, solange es keine Aufarbeitung von Rabaa gibt. Einen ersten Versuch einer Aufarbeitung hat Human Rights Watch unternommen. Die Menschenrechtsorganisation hatte nach dem „Massaker“, wie sie es nennt, über 200 Zeugen befragt, Videomaterial ausgewertet, Regierungsdokumente gesichtet – und kommt zu einem klaren Urteil: „Rabaa ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, sagt Kenneth Roth, Geschäftsführer von Human Rights Watch. „Das war ein großangelegter, systematischer Angriff auf die zivile Bevölkerung, das heißt, es gab eine Abmachung der Politiker, die in diesen Angriff involviert waren.“

Eigentlich wollten Roth und seine Kollegen ihre Erkenntnisse auf einer Pressekonferenz in Kairo verkünden. Doch sie durften nicht einreisen. Begründung des ägyptischen Innenministeriums: Man habe die Organisation bereits vor Abflug informiert, dass die Business-Visa am Kairoer Flughafen nicht ausgestellt werden könnten.

Menschen, die an die Ereignisse von Rabaa erinnern, sind in Kairo nicht gern gesehen. Die Regierung hat beschlossen, den 14. August 2013 aus dem ägyptischen Gedächtnis zu streichen. Sie weiß, dass ihr ein Großteil der Bürger zustimmt, sagt Politikwissenschaftler El Sherif: „Die Menschen denken, ja, es war ein Akt der Massentötung. Aber ein legitimer, schließlich ist der Staat gegen Kriminelle vorgegangen.“ Einen großen Anteil an dieser Lesart haben nach Elkamhawys Ansicht die Medien. In den vergangenen Monaten habe es eine massive Propagandawelle der Staatsmedien gegeben, um die Deutungshoheit über Rabaa zu gewinnen. Sie hat gewirkt: „Es schockiert mich, dass die gesamte Gesellschaft beschlossen hat, blind zu sein in Bezug auf dieses Massaker.“

Rabaa ist ein Tabu. Die Symbole des Tages wie die Hand mit den vier Fingern sind per Gesetz aus der Öffentlichkeit verbannt. Eine unabhängige Untersuchung lehnt die Regierung ab. Den Bericht von Human Rights Watch bezeichnet das Innenministerium als politisch motiviert: „Er konzentriert sich nicht auf die Menschenrechte, sondern ist gegen den Staat gerichtet.“ Human Rights Watch will die Verantwortlichen nun vor internationalen Gerichte zur Rechenschaft ziehen – unter ihnen der damalige Verteidigungsminister und heutige Präsident Abdel Fattah al-Sisi und Innenminister Mohammed Ibrahim. Wenn es straffrei bliebe, dass Menschen im Namen der Sicherheit töten dürfen, sagt Sarah Leah Whitson, eine der Autorinnen des Berichts, ersticke das eine lebhafte Demokratie. Denn dann gebe man der Staatsmacht „die Lizenz zum Töten“.

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