Krawalle erschüttern Ägypten, es gibt dutzende Tote. Foto: Feyder

Der Widerstand gegen Präsident Mursi in Ägypten wird härter, der Kampf brutaler – Ein Szenebericht von Kairos Tahrir-Platz.

Kairo - Faruks Lunge droht zu platzen. Seine Augen tränen. Mund, Nase und Kehle fühlen sich an, als würden sie von innen zerfressen. Jeder Schritt des jungen Juristen wird zu Qual. Vom Nil her ziehen dichte weiß-grau Nebelschwaben ins Zentrum Kairos. Tränengas verschleiert die Sonne. Faruks Magen entleert seinen Inhalt. Der Weg zur Freiheit – für Faruk scheint er am Straßenrand zu enden.

„Das ist es nicht, wofür wir vor zwei Jahren unser Leben aufs Spiel gesetzt haben“, keucht er. Im Rücken der Tahrir-Platz. Das Symbol für den Arabischen Frühling Ägyptens. Inbegriff für jene friedliche Revolte, mit der Ägyptens Jugend auf den Tag genau vor zwei Jahren den Diktator Husni Mubarak vom Thron stieß. Faruks gerötete Augen stieren in Richtung der Qasr-al-Nil-Brücke. Dort feuern schwarz uniformierte Polizisten Gummigeschosse auf Steine werfende Teenager. Nehmen mit Tränengas-Dauerfeuer den Demonstranten gegen das neue Staatsoberhaupt Mohammed Mursi die Luft zum Atmen.

„Weg muss der Muslimbruder, weg, so schnell wie möglich“, schnappt Faruk nach Luft. Einen feinen wollenen Mantel trägt er. Hemd, Krawatte und graue Stoffhose. Auf den braunen Schuhen bildet Galle hellgelbe Flecken. 28 Jahre alt ist Faruk. Juristisches Prädikatsexamen. Auslandsstudium in Westeuropa. Diplomatische Ausbildung. Schreibtisch im Außenministerium. Revolutionär der ersten Stunde. „Nie hätte ich gedacht, mich einmal nach den Zeiten zurück zu sehnen, in denen Mubarak Präsidentwar.“

Tourismus-Branche liegt am Boden

Seitdem das Volk das alte Staatsoberhaupt rausgeworfen hat, ist das Bruttoinlandsprodukt des Nilstaates um 3,4 Prozent auf 175 Milliarden Euro gesunken. Wie es für Ägypten weitergeht, darüber spekulieren Analysten.

Von den 270 Kreuzfahrtschiffen Ägyptens schippern noch 20 über den Nil. 1,5 Millionen Menschen verloren seit 2011 ihre Arbeit in der Tourismusbranche, die zuvor jedem achten Ägypter das Leben gesichert hatte. Statt der 14,7 Millionen Gäste 2010 suchten im vergangenen Jahr nur noch knapp zehn Millionen Touristen Erholung und Bildung im Land der Pharaonen. Kaum noch jemand schaut sich die goldene Maske Tutanchamuns im Nationalmuseum an. Die Kameltreiber an der Cheopspyramide lassen ihre Viecher auf den Weiden. Umsatz wird nur noch in den Pauschalreiseburgen am Roten Meer gemacht. Aber auch dort bedienen die Kellner 50 bis 60 Prozent weniger Gäste. Hinter vorgehaltener Hand erzählen Tourismusmanager, die Reisenden seien verunsichert „ob sie noch im Bikini am Strand liegen können, seitdem die Muslimbrüder dem Land eine islamische Verfassung verpasst haben“.

Um dieses Grundgesetz geht es auch in den Tränengasschwaden am Tahrir-Platz. Am Platz der Befreiung, an dem die Ägypter der Revolution von 1952 gedenken, als Gamal Abdel Nasser König Faruk I. ins italienische Exil jagte. An dem Ort, an dem 49 Jahre später die Jugend Ägyptens Präsident Mubarak zum Rücktritt zwang, um von Demokratie zu träumen. „Von meinen Träumen ist nichts mehr geblieben“, flüstert Jurist Faruk.

Dauerfeuer aus Gummigeschossen

Mitternacht am Platz der Befreiung: Die Polizei stößt zur Auffahrt der Qasr-al-Nil-Brücke vor. Zwei Mannschaftstransporter vorweg, aus dem behelmte Wehrpflichtige Gummigeschosse verschießen. Hinter ihnen keuchen Hunderte schwarz Uniformierte im Laufschritt. Schlagen ihre Schlagstöcke auf die Schilde. In der Dachluke eines Trans­porters sackt der Polizist zusammen. Hält sich die Hände vors Gesicht. Mit Laserpointern haben ihn Dutzende Chaoten geblendet.

Mursis Staatsmacht reagiert wiederum mit einem Dauerfeuer aus Gummigeschossen. Eines trifft Faruk am Bein. Der Jurist sackt zusammen. Rafft sich auf. Greift nach einem Stein, den Polizisten zurück geworfen haben. Tränen laufen über Faruks Gesicht – obwohl die nächste Tränengaswolke über dem Nil erst langsam auf ihn zu wabert.

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