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Ägypten Der Pharao wartet auf Besuch

Von Wolfgang Molitor aus Hurghada 

Warten auf Touristen: Vor den Pyramiden in Giseh. Foto: Molitor
Warten auf Touristen: Vor den Pyramiden in Giseh. Foto: Molitor

Wegen der Unruhen rutscht der Tourismus in Ägypten erneut in eine Flaute. Auch in Hurghada wartet man auf zahlungskräftige Gäste.

Hurghada - Es gibt Kamellendensteak, mit Betonung auf Kamel. Dazu Schokoladensoße und Spätzle. Und zum Dessert tischt Thomas Bordiehn Om Ali auf, einen ägyptischen Ofenschlupfer mit einer Kugel Tiramisu-Eis. In Hurghadas neuer Marina ist „Bordiehn’s“ ein heißer Tipp, wenn es um raffinierte Rezepte geht. Seit 22 Jahren arbeitet der 55-jährige Küchenmeister mit seiner Frau Barbara schon in der ägyptischen Touristenhochburg, kocht vorzüglich und bildet aus. 5000 bis 6000 junge Ägypter haben die beiden in der Zeit geschult, um in der Tourismusindustrie einen Job zu finden. Als Spüler in den großen Hotelküchen, im Service, an der Bar. „Meist kommen die jungen Männer vom Land, viele sind Analphabeten“, sagt Barbara Bordiehn, die 1991 mit ihrem Mann als touristische Entwicklungshelfer ans Rote Meer reiste - „für höchstens sechs Jahre“, sagt sie und lacht. Doch sie sind geblieben. Denn es gibt noch genug zu tun.

Service ist in Ägypten nicht unbedingt Männersache. Weinproben für Muslime auch nicht. Junge Ägypter? Keine Ägypterinnen? Die 46-jährige Hotelfachfrau lächelt. „Es kommen nur wenige Mädchen, und wenn, dann sind sie nach der Heirat wieder verschwunden.“ Es ist noch nicht so lange her, da waren die Jobs in den Hotels von Hurghada und am kilometerlangen Strand von Sahl Hasheesh sicher - und gut bezahlt. Rund 2000 Pfund (umgerechnet 240 Euro) könne man da im Monat verdienen, sagt der Österreicher Hans-Peter Haslinger, seit zwölf Jahren Direktor auf den elf „The Three Corners“-Anlagen mit 2500 Angestellten - „das ist mehr als ein Arzt oder Lehrer bekommen“. Entlassen habe er noch keine Mitarbeiter, „aber vier Hotels am Jahresanfang jeweils drei Wochen komplett zugemacht“. 2010 wurden 14,7 Millionen Touristen in Ägypten gezählt, mit den Unruhen des Arabischen Frühlings sank ihre Zahl 2011 auf 9,8 Millionen. Der leichte Aufschwung auf 10,5 Millionen im vergangenen Jahr (an vorderster Front Russen und Deutsche) ist aber zum Jahreswechsel wieder verpufft, nachdem die Unruhen in Kairo und Port Said weltweit die Nachrichten beherrscht hatten. Ingo Hensch, der Küchenchef im feinen „Tropitel“, teilt sein Personal mittlerweile nach dem Buchungsbestand ein.

Am Straßenrand warten Tagelöhner vergeblich auf Arbeit. Die Wüste staubt bis zu den wuchtigen Hoteleinfahrten, an denen wachsame Aufpasser jeden Wagen genau unter die Lupe nehmen. Viele Geschäfte an der mehrspurigen Hauptstraße haben geschlossen. In den riesigen Hotelburgen bleiben in diesem Frühjahr viele Zimmer leer, obwohl die Preise sinken. „Desert Rose“ und „Sugarworld“ haben schon bessere Zeiten erlebt. Nur die Sonne strahlt. Ägypten wartet auf Gäste. 330 000 Hotelbetten sind im Angebot, 220 000 sind bis 2015 in Planung oder im Bau. Doch viele Rohbauten, die hinter endlosen Mauern auf gigantischen Brachen in den strahlend blauen Himmel ragen, kommen nicht voran. Das Material kommt wegen der unruhigen Lage in Kairo nicht bis ans Rote Meer. Man kann es auch anders sehen. „Kairo ist weit weg“, sagt Thomas Bordiehn. Er fährt jeden Tag mit dem Fahrrad zum Markt. „Es ist überall ruhig.“ Bedroht fühlt er sich nicht. Gerade erst habe St. Shenouda, eine große koptische Kirche, in Hurghada ihre Pforten geöffnet. Es gebe hier ein friedliches Miteinander zwischen Christen und Muslimen. Natürlich sei die Lage zurzeit etwas stressig, sagt Haslinger, schließlich wisse man nicht, was morgen ist.

„Die Touristen müssen keine Angst haben“

Aber von den Unruhen in der fernen Hauptstadt habe man hier nichts mitbekommen. Ebenso wenig wie die Touristen, die sich abends in den Lobbys der pompösen Hotels schweigend an die bunten Strohhalme labbriger All-inclusive-Cocktails klammern. „Die Touristen müssen keine Angst haben“, sagt der Fremdenführer Karim El-Sharkawi in Kairo vor den Pyramiden von Giseh - auch wenn das Land unter Husni Mubarak, dem ehemaligen Präsidenten Ägyptens, sicherer und sauberer gewesen sei. Dennoch bleiben auf den Kamelrücken und in klapprigen Kutschen im Schatten der Pharaonengräber viele Plätze frei. „Früher kamen am Tag 15 000 Besucher“, sagt El-Sharkawi. „Jetzt sind die Hotels in Kairo leer.“ Was die Souvenirhändler vor den wenigen Ausflugsbussen umso aggressiver ihre Waren anpreisen lässt. Thomas Bordiehn ist dennoch optimistisch. Der 55-Jährige glaubt, dass „die in Kairo“ den Tourismus am Roten Meer in Ruhe lassen. Der Heimsheimer Matthias Breit, der eine der vielen Tauchstationen leitet, pflichtet ihm bei. 95 Prozent der Menschen in Hurghada leben von den ausländischen Urlaubern. „Wenn die Touristen wegbleiben, ist Hurghada tot“, sagt Barbara Bordiehn.

Vier Millionen Ägypter sind landesweit direkt im Tourismus beschäftigt. Ende dieses Jahres sollen zwei neue Terminals am Flughafen von Hurghada fertig sein. Nach den Einnahmen mit den Suezkanal-Passagen (rund vier Milliarden Euro im Jahr) ist der Tourismus mittlerweile einer der größten Devisenbringer. Ägypten kann das Geld gut gebrauchen. Im 150 000 Einwohner zählenden Hurghada fahren noch immer die Wassertankwagen durch die Außenbezirke, die alle zwei bis drei Tage die Haushalte versorgen. Nicht überall enden die Leitungen, die das Wasser des Nil über 300 Kilometer durch die Wüste in die rund 120 Hotels bringen. Erst langsam wird an der Kanalisation gebaut, werden Straßen asphaltiert, kommt Gas in Wohnungen. „Mubarak hat hier nicht für die Menschen gebaut“, sagt Mortada Ahmed, der Touristen im Jeep durch die nahe Wüste zu abenteuerlichen Quad-Touren begleitet. In der Stadt stauen sich vor den Tankstellen nicht nur Lastwagen. Diesel ist knapp. Im Mai werden Benzin und Brot teurer. In Kairo, dieser großen Müllhalde, erinnert die rußgeschwärzte Fassade des Hauptquartiers der Mubarak-Partei an den Höhepunkt der Proteste. Doch über den Tahrir-Platz rollt wieder der Verkehr - vorbei an den verlassenen Zelten des Arabischen Frühlings. „Kommen Sie bald wieder“, sagt Karim El-Sharkawi. Er lächelt schief: „Freiheit ist ja nur ein Wort, aber Arbeit ist Arbeit.“

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