Hier besucht Kluvich den stillgelegten Teil des Güterbahnhofs in Kornwestheim. Bilder seiner Ausflüge finden Sie in unserer Bildergalerie. Foto: factum/Granville

In der Zeit bis Weihnachten öffnen wir an jedem Tag ein Türchen: Wir zeigen einen interessanten Ort in der Region Stuttgart, der sonst für die meisten Menschen verschlossen ist. Am 3. Dezember sind wir mit Peter Kluvich aus Neckarrems unterwegs. Der Hobbyfotograf ist fasziniert von verlassenen Orten.

Remseck - Als Peter Kluvich seinen Freunden zum ersten Mal von seinem neuen Hobby erzählte, konnten die es kaum glauben: „Immer wieder haben sie gefragt: ‚Und du gehst da wirklich allein rein?’“, erzählt Kluvich. Ja, das tut er. Kluvich erkundet verlassene Orte, Lost Places heißen sie in der Szene, deren Mitglieder sich selbst oft Urban Explorers nennen – städtische Erkunder.

Seit drei Jahren fotografiert der 54-Jährige in seiner Freizeit, seit einem Jahr wagt er sich in die verlassenen Orte vor. „Solche Orte sind eine andere Welt. Sie haben einen mystischen Reiz“, findet Kluvich. Und ein bisschen erinnert es ihn auch an Abenteuerspiele wie Tomb Raider. „Man weiß einfach nicht, was auf einen zukommt.“

Den Ausschlag für sein Hobby hat aber Facebook gegeben. Er fotografiert schon länger Tiere und Landschaften und hat dafür auch einen eigenen Facebook-Account. Die Resonanz auf seine Bilder der Lost Places hat ihn aber überrascht. Auf Facebook teilte er in lokalen Gruppen seine Bilder der Lost Places – die Reaktionen waren sehr positiv. Seitdem promotet Kluvich seine Bilder auch auf seinem eigenen Facebook-Account. Und er überlegt, ob er ein Gewerbe für sein Hobby anmelden soll – erste Anfragen für Aufträge gebe es schon.

Im Dunkeln klopft etwas auf seine Schulter

Kluvich kommt aus dem Remsecker Stadtteil Neckarrems, wohnt in Aldingen und arbeitet in Markgröningen als Anwendungstechniker im Außendienst eines großen Farbenherstellers. „Da kommt man viel rum“, sagt der gelernte Maler- und Lackiermeister. Vor allem im Kreis Ludwigsburg war Kluvich bislang viel unterwegs. So hat er beispielsweise den stillgelegten Teil des Güterbahnhofs in Kornwestheim fotografiert oder eine alte, seit Jahrzehnten stillgelegte Mühle in Neckarrems.

Die Bilder strahlen ein morbiden Charme aus, mal nostalgisch, mal einfach gruselig. Wegen der Dunkelheit an den Orten muss Kluvich oft mit Langzeitbelichtung arbeiten. So wie beispielsweise bei einem stillgelegten Autohaus in einem Industriegebiet in Aldingen. Von dem Ort heißt es, dass es darin spukt. Dort habe er in die Dunkelheit hinein fotografiert und erst durch die Langzeitbelichtung erkannt, was dort zu sehen ist.

Ein wenig überwinden musste er sich, als er den miefigen Keller betrat. Im Dunkeln klopfte es dann auf seine Schulter. „Das war aber nur ein Wassertropfen von der Decke“, sagt Kluvich. Trotz dieser sehr weltlichen Erklärung ist Kluvich überzeugt: „Man ist in solchen Gebäuden nie allein.“ Mal rascheln Mäuse, mal knarzen Türen oder Möbel. Und manchmal trifft Kluvich auch auf Graffiti-Sprayer, die sich in den abgelegenen Gemäuern austoben. „Die sind dann oft recht überrascht, dass noch jemand da ist. Aber ein Problem gab es nie“, erzählt er.

Kluvich fragt die Besitzer, ob er in das Gebäude darf

Auf eines legt Kluvich wert: „Ich mache nichts Illegales.“ Alle Begehungen seien mit den Besitzern abgesprochen. Damit will Kluvich sich abgrenzen von manch anderem Urban Explorer. „Denen geht es um den Kick, nicht um die Bilder“, sagt er. Jeder Lost Place habe seine Würde, und Dinge wie Zangen, Brecheisen und Schraubendreher, die als Hilfswerkzeug beim Einsteigen in fremde Gebäude verwendet werden könnten, hätten in einem Fotorucksack ohnehin nichts verloren, schreibt er in einem Post auf seiner Facebook-Seite.

Die Motive werden Kluvich so schnell nicht ausgehen, da ist er sicher. Aktuell ist er an einem verlassenen Haus in Neckarrems dran. Ebenfalls auf seiner Wunschliste steht eine stillgelegte Lungenklinik in Schömberg im Kreis Calw. Auch in Pforzheim habe er einige Lost Places auf der Liste. Ganz oben steht da aber ein anderer Ort: „Mein absoluter Traum wäre es, in Tschernobyl zu fotografieren.“

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