Die Hotels in dem Land an der Adria sind voll, die Krankenhausbetten füllen sich: Montenegros Rekordsaison wird von steil steigenden Infektionszahlen überschattet. Woran liegt das?
Podgorica/Budva - Noch ist der endgültige Kassensturz an Montenegros übervollen Stränden und Einkaufsgassen nicht gemacht. Doch die Herren des chronisch leeren Staatssäckels in dem Adriastaat reiben sich bereits jetzt zufrieden die Hände. In der ersten Augusthälfte habe die Zahl der Auslandstouristen selbst die vom Rekordjahr 2019 übertroffen, freut sich der Wirtschaftsminister Jakov Milatovic und ist zufrieden über die „Erholung des Tourismus und unserer Wirtschaft“: „Dies ist ein unglaubliches Resultat und ein Erfolg für Montenegro.“
Weniger Urlauber, mehr Schulden
Tatsächlich hatten die Folgen der Pandemie den stark vom Tourismus abhängigen Küstenstaat im Vorjahr hart getroffen. Nicht nur aus epidemiologischen, sondern auch aus politischen Gründen hatte Präsident Milo Djukanovic im ersten Coronasommer die Grenzen zu Serbien geschlossen – und damit die Probleme des gebeutelten Tourismussektors zusätzlich verschärft.
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Die Besucherzahlen schrumpften 2020 um 83 Prozent, die Wirtschaft um mehr als 15 Prozent. Gleichzeitig ließen die geringeren Steuereinnahmen die Staatsverschuldung auf 108 Prozent schnellen. Die Unzufriedenheit im Land stieg, die politische Quittung blieb nicht aus. Bei der Parlamentswahl vor Jahresfrist erlitt die DPS von Montenegros Dauerregent Djukanovic erstmals eine Niederlage und wurde in die Opposition verbannt.
Die Erfahrungen ihrer Vorgänger haben die neuen Regierenden in Podgorica in diesem Sommer auf eine Politik der offenen Grenzen setzen lassen. Besucher aus den Nachbarstaaten mussten bis diese Woche bei der Einreise keinerlei Covid-Bestätigung vorlegen. Vor allem die in ungewöhnlich großer Zahl angereisten Serben und Albaner haben dem Land der Schwarzen Berge die Sommersaison gerettet. Doch die stark gekletterten Gästezahlen werden von steil steigenden Infektionszahlen überschattet.
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Mit 636 weist der Kleinstaat nach Georgien und Kosovo nun die dritthöchste Sieben-Tage-Inzidenz der Welt auf, Tendenz steigend. Nicht nur der Verzicht auf den Nachweis von Impfungen und Tests bei der Einreise, sondern auch die laxe Überprüfung der Einhaltung der Vorbeugemaßnahmen an der Küste hat die Infektionszahlen seit Ende Juli stark steigen lassen.
Am Sonntag wurde vermeldet, dass sich die Zahl der Covid-Patienten in den Kliniken in zehn Tagen verdoppelt hatte. Die absolute Patientenzahl – 238 – (davon über ein Zehntel lebensgefährlich erkrankt) – wirkte zwar noch nicht dramatisch. Aber inzwischen sind über 15 Prozent der täglich Getesteten positiv, die Zahl der Infizierten liegt bei über 6000, gut ein Prozent der Gesamtbevölkerung. Am Dienstag lag die Zahl der Covid-Toten bei zehn, am Mittwoch bei fünf – viel für ein Land mit 620 000 Einwohnern.
Die Impfquote ist sehr gering
Die Mehrheit der Saisonkräfte in Hotels und Gaststätten lasse sich aus Angst vor Verlust ihres Arbeitsplatzes nicht testen, klagte zu Monatsbeginn eine Mitarbeiterin des Gesundheitszentrums in Budva gegenüber dem serbischen Portal „Nova.rs“. Um „ihren Urlaub maximal nutzen zu können“, würden sich Touristen mit Symptomen oft „lieber selbst heilen, statt sich testen zu lassen und in die Isolation zu gehen“, sagte sie. „Einige Touristen gehen selbst nach einem positiven Bescheid direkt wieder an den Strand.“
Sorgen bereitet vor allem die sehr geringe Impfquote: Bei den wegen des Mangels an Serum erst im Mai angelaufenen Massenimpfungen hat sich mit 32,2 Prozent noch nicht einmal ein Drittel der Montenegriner zumindest einmal impfen lassen.
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