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Adler-Trainer Harold Kreis über das gewandelte Selbstverständnis des Mannheimer DEL-Clubs.

Mannheim - In der vergangenen Saison der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) erreichten die Adler aus Mannheim nicht das Play-off-Viertelfinale. Nun folgt der Neuaufbau, mit neuem Trainer Harold Kreis, einer neuen Philosophie, aber auch mit alten Problemen der Sportart.

Herr Kreis, nach einem starken Saisonstart halten die Adler Kontakt zur Tabellenspitze der DEL, vor allem aber präsentieren sie sich wieder als Einheit - das war nicht immer so.

Der Club hat erkannt, dass es nicht entscheidend ist, die besten Spieler zu holen. Sondern die besten Spieler für die jeweilige Rolle. Der Club hat auch festgestellt, dass die Anzahl gleicher Spieler für gleiche Positionen zu hoch war - es kam schnell Unzufriedenheit auf, weil viele meinten, sie hätten zu wenig Eiszeit. Jetzt herrscht eine gute Stimmung in der Kabine, ein gesunder Mannschaftsgeist.

Wie gehen Sie mit den Profis um?

Ich bin ein kooperativer Trainer, ich rede viel und mache die Spieler für ihre Positionen mitverantwortlich. Dafür haben wir charakterstarke Leute geholt, die sich in jeder Situation auch für den Gesamterfolg der Mannschaft verantwortlich sehen.

Zu viele Freiheiten bergen auch die Gefahr, dass die Spieler machen, was sie wollen. Das war auch ein früheres Problem in Mannheim.

Unser System erlaubt Freiheiten. Jeder ist dabei in der Lage, verschiedene Positionen zu spielen - wir haben keinen starren Rechtsaußen, Linksaußen oder Center. Ich erlaube Kreativität, aber am richtigen Ort. Ein Stürmer darf tief im gegnerischen Drittel zaubern, aber nicht in unserer Zone. Ein Verteidiger darf auch angreifen, aber er muss stets das Spiel vor sich haben.

Haben Sie einen Bonus in Mannheim? Sie waren hier Spieler, Ihre Trikotnummer wird nicht mehr vergeben.

Ich wurde wie ein alter Bekannter aufgenommen. Das ist ein schönes Gefühl, wenn Leute einem begegnen und dabei Erinnerungen an schöne Zeiten aufkommen. Das spüre ich auch bei den Fans - sie stehen wieder absolut hinter der Mannschaft. Es herrscht eine großartige Stimmung rund um die Adler nach ein paar Jahren Frustration. 

"Die Spieler müssen sich nur auf ihren Job konzentrieren"

  Was glauben Sie: Genießen Sie Artenschutz, wenn es einmal nicht so läuft?

 Jeder Trainer muss sich an einem neuen Arbeitsplatz beweisen, da kannst du nicht von der Vergangenheit zehren. Er muss glaubwürdig sein. Aber es geht in der DEL doch nicht um Personen, es geht um die Sache, um die Adler! Aber der Club hat einen anderen Weg als in der Vergangenheit eingeschlagen. Es wird nicht der schnelle Erfolg gesucht - deshalb gab's früher immer mal lange Gesichter - jetzt bekommen die jungen Leute mehr Zeit. Wir müssen nicht gleich Meister werden.

Was hat sich sonst noch verändert, außer dass die Adler nicht mehr im Friedrichspark spielen?

Mannheim war schon immer eine Topadresse im Eishockey in Europa, die Infrastruktur hat sich aber seitdem extrem verbessert, alles ist noch professioneller geworden. Die Spieler müssen sich nur auf ihren Job konzentrieren.

Kann Mannheim so klotzen, weil in der Stadt kein Fußball-Bundesligist ist, der Sponsoren und Fans abgreift?

In Mannheim nicht, aber Hoffenheim ist ja nicht ganz so weit entfernt. Und außerdem spielen die Rhein-Neckar Löwen in der Handball-Bundesliga, Konkurrenz haben wir da schon. Aber die Region kann drei Proficlubs vertragen.

Die Adler haben die größte Tradition.

Ja, das ist sicher ein Grund, warum Mannheim zunächst als Eishockey-Stadt gilt.

Und einen steinreichen Dietmar Hopp im Hintergrund.

Zu Hopp senior habe ich gar keinen Kontakt, ich hoffe aber schwer, er verfolgt die Adler. Sein Sohn Daniel ist hauptverantwortlich für den Club, mit ihm arbeite ich zusammen, wir sehen uns aber eher selten.

Wie groß ist Ihre Unabhängigkeit gegenüber der Hopp-Dynastie?

Ich bin Bestandteil des Entscheidungsprozesses bei Adler Mannheim. Die Führungscrew besteht aus Daniel Hopp, Manager Teal Fowler und mir - da hat jeder seine Aufgaben und jeder ist gleichberechtigt. 

"Für manche Clubs ist die DEL nicht die Optimallösung"

 Und wenn Sie neue Spieler wollen, rufen Sie bei Hopp senior an?

Das ist kein Thema. Wir haben die Aufgabe, mit den vorhandenen Mitteln eine schlagkräftige Mannschaft auf die Beine zu stellen. Natürlich spielt dabei auch das Geld eine Rolle, aber ich muss auch haushalten und habe keinen Goldesel.

Die Adler setzen stärker auf die deutsche Jugend - ist das der Weg, die Nationalmannschaft zu stärken?

Es war schon immer ein Anliegen von Dietmar Hopp, junge Leute an den Profisport heranzuführen, ihnen eine gute Ausbildung, sportlich wie schulisch, zu bieten. Natürlich muss man diese Förderung auch finanzieren - aber insgesamt profitiert die Nationalmannschaft davon, aber auch unsere Liga-Konkurrenten. Die Jungs brauchen eine Plattform, um in die DEL hineinzuwachsen. Ich halte Partnerschaften mit Zweitligisten für einen guten Weg.

Aber nicht alle Zweitligisten sehen sich als Ausbildungsbetrieb. Die haben auch Fans und Sponsoren, die wollen ebenfalls Erfolg.

Das ist leider wahr, oft wird das Hauptaugenmerk nicht auf die Entwicklung, sondern auf die Ergebnisse gelegt. Das ist mir schon bewusst. Ich bin nicht so naiv, dass ich annehme, dass auch wir alles tun, um junge Spieler zu Stars heranreifen zu lassen. Aber bessere Rahmenbedingungen gibt es nicht.

Der positive Eindruck des Eishockeys in Deutschland schwindet nach der großartigen WM wieder - Chaos und Insolvenzen bestimmen das Bild.

Ach ja, das ist ein leidiges Thema. Der Verband und die DEL stellen Richtlinien auf und überprüfen deren Einhaltung. Dass manche Clubs alles tun, um attraktiven Sport zu bieten, ist aber doch auch verständlich. Und manchmal passt das eben nicht zusammen. Aber was soll man machen?

Die DEL könnte die Bestimmungen verschärfen oder schärfer überwachen.

Finde ich nicht. Der Paradigmenwechsel muss bei den Clubs stattfinden. Sie müssen seriöse Budgets erstellen, aber das ist ein ganz heißes Thema. Und ich bin Trainer, kein Funktionär, kein Manager.

Ärgert es Sie nicht, dass alle Clubs von der großen Öffentlichkeit in einen Topf geworfen werden? Eishockey gleich Pleitesport.

Das ist natürlich nicht gut. Die Liga ist seriöser als das oft außen dargestellt wird. Aber für manche Clubs ist die DEL nicht die Optimallösung, die wären in der zweiten Liga besser aufgehoben.

Aber jeder will in die Eliteliga, die DEL. Die Clubs, deren Fans und auch die Sponsoren. Offenbar zu jedem Preis.

Ja, im Sport gilt das Credo: schneller, höher, weiter - also ist der Aufstieg das Ziel, der Titel ist das Ziel. Aber so ein Aufstieg in die DEL ist ein riesiges finanzielles Abenteuer, wenn man es nicht seriös anpackt. Aber ich kann Ihnen auch keine befriedigende Antwort geben.

Haben Sie die Bietigheim Steelers verstanden, die diese einmalige Chance aus wirtschaftlichen Gründen ausgelassen haben?

Offensichtlich haben die Verantwortlichen das Für und Wider sehr seriös abgewogen. Es verdient Respekt, dass sie sich nicht nur von den Emotionen haben leiten lassen, sondern auch den Blick für die wirtschaftliche Seite bewahrt haben.

Und Ihre Adler, wo sollen die landen im April 2011?

Wir haben das nicht definiert in Plätzen. Wir wollen immer beste Leistung bringen, uns sicher für die Play-offs qualifizieren. Und dann sehen wir weiter.

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