So sah Jürgen Kroll früher aus - heute ist er kaum wiederzuerkennen... Foto: StN

Jürgen Kroll wog 160 Kilo und nahm mithilfe einer Schlauchmagen-Operation 100 Kilo ab. Heute berät er andere Adipositas-Patienten in einer Selbsthilfegruppe am Karl-Olga-Hospital.

Stuttgart - Mit 53 Jahren hatte Jürgen Kroll den Höhepunkt seiner Erkrankung erreicht. Er leidet an Adipositas, wie die krankhafte Fettleibigkeit genannt wird. Heute – drei Jahre später – sieht man ihm seine Erkrankung nicht mehr an. Kroll hat sein Gewicht von 160 Kilo auf 67 Kilo reduziert.

Geschafft hat er das erst durch einen chirurgischen Eingriff, den er im Krankenhaus Bad Cannstatt vornehmen ließ. Durch einen sogenannten Schlauchmagen, also die Verkleinerung des Magenvolumens, konnte er in zehn Monaten 100 Kilo abnehmen. Und durch eiserne Disziplin, gesunde Ernährung und Sport das Gewicht auch halten. Heute vergleicht er seine Situation mit der eines Alkoholikers: „Einmal adipös, immer adipös. Die Gefahr für einen Rückfall besteht immer.“ Denn die Operation ist nur ein Aspekt der Behandlung. „Bei den Schritten danach werden die Patienten aber oft allein gelassen“, findet er.

Deshalb unterstützt er den Aufbau eines neuen Leistungszentrums im Karl-Olga-Krankenhaus aus vollen Kräften, auch als Berater für andere Betroffene. „Jeder Patient hat ein eigenes Schicksal und sollte nach der Operation individuell betreut werden“, findet Kroll. Hilfe bei Ernährung und Sport, teilweise aber auch psychosomatische Beratungen seien unbedingt nötig, um nicht wieder zurück in alte Muster zu fallen. Bei ihm waren anschließend noch 18 Operationen notwendig, um die Schäden, die das Übergewicht an seinem Körper angerichtet hatte, in den Griff zu bekommen.

Die Operation für den Schlauchmagen fand er dagegen harmlos: „Ein unkomplizierter Eingriff hat mir zurück ins aktive Leben geholfen“, sagt er. Denn durch sein Übergewicht hatte er sein Selbstwertgefühl verloren. Er isolierte sich von vielen Freunden und fehlte oft bei der Arbeit wegen der zahlreichen Folgeerkrankungen, die das Übergewicht mit sich brachte. Auch mit Depressionen hatte er zu kämpfen. Er versuchte es mit allen möglichen Diäten, von Slim-fast über Trennkost bis hin zu Appetitzüglern und Akupunktur – jedoch immer ohne Erfolg. „Im Alter von 50 Jahren musste ich mir von meiner Frau die Schuhe binden lassen. Jede andere Frau hätte mich wahrscheinlich verlassen“, sagt er.

Der Wendepunkt kam, als er aufgrund seines Übergewichts ein neues Hüftgelenk gebraucht hätte, aber nicht auf die Liege im OP passte. Heute wünscht er sich, er wäre von Hausärzten früher auf die Möglichkeit des chirurgischen Eingriffs aufmerksam gemacht worden.

„In Deutschland schreckt man oft noch davor zurück“, sagt Dr. Michael W. Müller, Chirurgie-Chefarzt am Karl-Olga-Krankenhaus. Dabei sei es bei manchen Patienten unmöglich, dass sie das Abnehmen noch aus eigener Kraft schaffen. Doch ohne Risiken ist die Operation nicht, warnt Müller. So sei für manche Patienten das Essen zum einzigen Lebensinhalt geworden. Nehme man ihnen mit der Operation das Hungergefühl, verlieren sie den Lebenswillen. „Deshalb ist es wichtig, vor der Operation die Situation des Patienten genau zu kennen“, sagt Müller. Jürgen Kroll bedauert nicht, dass er nach einem halben Seniorenteller bereits satt ist: „Ich genieße das Gefühl, endlich wieder satt zu sein.“

Die Selbsthilfegruppe trifft sich am Mittwoch, 5. November, 19 Uhr, im Karl-Olga-Krankenhaus. Am Dienstag, 25. November, 17 Uhr, findet dort ein Infoabend statt. Das Adipositas-Symposium findet am Samstag, 21. März, 9 Uhr, im Kleinen Kursaal in Bad Cannstatt statt.

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