In der Schräglage präsentierten am Mittwochabend junge Frauen ihre Design-Ideen. Auch die kommenden Tage ist einiges geplant. Foto: Ferdinando Iannone

Lachfalten als Fashion-Statement, getuntes Bobbycar-Racing und Möbel aus Wellpappe: Bei „Dare to be schräg!“ zeigen Nachwuchskünstler:innen noch bis Freitag ihre Projekte.

„Dare to be schräg!“ heißt es noch bis Freitag in der Schräglage in Stuttgart. Vier Tage lang präsentieren Studierende und Nachwuchskünstler:innen ihre Projekte, tauschen sich aus und bringen ihre Projekte direkt auf die Bühne. Der Mittwoch wurde zum Women’s Day auserkoren: Neben Drinks und einem DJ-Set präsentierten junge Künstlerinnen insgesamt fünf Projekte.

 

Schnell wurde klar: Schräg bedeutet hier nicht laut oder verrückt. Viele der Arbeiten beschäftigen sich mit Identität, Weiterbildung oder gesellschaftlichen Erwartungen.

Lachfalten werden zur Designer-Kollektion

So zum Beispiel die Diplomarbeit von Kitti Horvát. In ihrer Kollektion setzt sich die Designerin mit dem Älterwerden und Falten auseinander und will genau diese sichtbar machen statt verstecken. Während Männer auch heute noch oftmals über Beruf oder Status definiert würden, liege der Fokus bei Frauen noch immer stark auf dem Aussehen. Verstärkt wird das noch durch Social Media und dem allgegenwärtigen Anti-Aging-Trend.

„Wenn ich einen Tag habe, wo ich viel lache, sehe ich meine Lachfalten und ich habe bei anderen entdeckt, wie schön das bei ihnen ist“, erzählt Horvát während ihrer Präsentation ihrer Abschlussarbeit, die sie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart eingereicht hat . Inspiriert von Haut, Mimik und sichtbaren Veränderungen des Körpers entstanden Kleidungsstücke, die Lachfalten, Altersflecken und Adern repräsentieren sollen.

Kitti Horvát hat sich in ihrer Arbeit mit Hautfalten beschäftigt und zu dem Thema Mode entworfen. Foto: Ferdinando Iannone

„Unversichtbar“ gibt Frauen ihre verdiente Anerkennung zurück

Auch die Bachelorarbeit von Sophie Schäfer behandelte den Umgang mit Frauen in der Gesellschaft. Ihre Abschlussarbeit an der Macromedia Universität setzte sich mit Frauen auseinander, deren Leistungen über Jahre unsichtbar geblieben sind und oftmals anderen Männern zugeschrieben wurden. Als Beispiel nennt Schäfer unter anderem Elisabeth Hauptmann, die viele Texte für Bertolt Brecht übersetzte und mitentwickelte, dafür aber lange kaum Anerkennung bekam.

Der Projekttitel „Unversichtbar“ verbindet dabei die Worte „unsichtbar“ und „unverzichtbar“. Mit Plakaten, Straßenbahnwerbung, Social Media und Workshops soll die Kampagne verdiente Aufmerksamkeit schaffen.

In der Abschlussarbeit von Sophie Schäfer ging es um die Unsichtbarkeit von Frauen – und was dagegen getan werden kann. Foto: Olivia Denner

Empathie kann und sollte trainiert werden

Auch Eva-Maria Lux und Kimberley Röber von der Hochschule Schwäbisch Gmünd wollen mit ihrem Werk einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen: Ihre Arbeit mit dem Titel „empath“ beschäftigt sich mit der Frage, wie Empathie im Designstudium gezielt gefördert werden kann. Grundlage sind Interviews mit Therapeut:innen und wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass Empathie nicht nur wichtig für das Gehirn ist, sondern auch trainierbar ist.

Ziel des Projekts ist es, Empathie nicht nur theoretisch zu lernen, sondern studienbegleitend praktisch zu erleben. Dafür entwarfen die Designerinnen mehrere Workshops, Reflexionsmedien und einen KI-„Empathy Coach“, der Fragen stellt und einen damit zum Reflektieren bringen soll.

Eva-Maria Lux und Kimberley Röber wollen mit ihrem Werk gesellschaftlichen Mehrwert schaffen. Im Fokus steht die Empathie. Foto: Olivia Denner

Getunte Bobbycars und Videospiele sollen Tuner und Gamer ansprechen

Zwischen all den doch ernsteren Themen sorgt ein getuntes Bobbycar von Laura Herzog und Miriam Nothardt für Fast-and-Furious-Vibes in der Schräglage. Mit ihrem Projekt „BIG GT“ wollen die Studentinnen der Hochschule Pforzheim neue Zielgruppen für die BIG-Spielwarenfabrik erreichen: Gamer und Tuner. Dafür entwickelten sie ein eigenes Branding mit getunten Bobbycars, einem Magazin, Merch und ein Videospiel im Stil von Need for Speed oder Grand Theft Auto. Dort können Nutzer:innen Bobbycars tunen und Rennen fahren. Die Idee entstand im Rahmen eines Wettbewerbs, den die Studentinnen gewannen. Und wer weiß, vielleicht meldet sich die Firma ja nochmal bei den beiden? Wer würde denn nicht gerne mal mit einem getunten Bobbycar die Straßen in der Nachbarschaft unsicher machen?

Zwischen all den doch ernsteren Themen sorgt ein getuntes Bobbycar von Miriam Nothardt und Laura Herzog für Fast-and-Furious-Vibes. Foto: Max Albert Berger

Auch eine Sitzbank aus Wellpappe ist dabei

Richtig handwerklich wurde es beim Projekt „NEST.ED“. Die Studentinnen Ella Debinska und Louise Eckstein von der Hochschule für Technik Stuttgart präsentierten ihre Sitzbank. Dazu verwendeten sie ein eher untypisches Material: Das Möbelstück besteht nämlich aus einem 662 Meter langen Pappstreifen aus Wellpappe, der zusammengerollt und mithilfe einer Negativform in Form gebracht wurde.

Ganz nach dem Motto des Abends: schräg denken und einfach ausprobieren.

Louise Eckstein und Ella Debinska von der Hochschule für Technik Stuttgart präsentieren ihr Möbelstück Foto: Olivia Denner

Die nächsten beiden Tage bleibt es weiterhin „schräg“ in der Schräglage

Auch an den kommenden Tagen bleibt das Programm vielseitig: Sowohl am Donnerstag als auch am Freitag stellen weitere Kreative ihre Projekte vor. Mit dabei sind unter anderem Arbeiten von Studierenden der Filmakademie Baden-Württemberg oder der Hochschule der Medien Stuttgart. Vor allem am Freitag soll danach noch ordentlich in der Schräglage gefeiert und getanzt werden. Der Eintritt ist kostenlos, jedoch sollten die Ticket davor online gebucht werden.

Die Veranstaltungsreihe findet bereits zum sechsten Mal in Stuttgart statt - jedes Jahr an einem anderen Ort. Solche Abende seien eine gute Möglichkeit für junge Talente, ihre Arbeiten zu zeigen und nicht einfach in der Schublade verschwinden zu lassen, sagen die Veranstalter. Vor allem gehe es laut Patrick Amor vom ADC Creative Club aber darum, jungen Künstler:innen einen Ort zu geben, an dem sie sich austauschen, inspirieren und vor allem auch vernetzen können.

Dass das funktioniert, zeigte sich auch am Mittwochabend: Sophie Schäfer erzählte nach ihrer Präsentation begeistert, dass sie bereits mit zwei Museen ins Gespräch gekommen sei, die sich vorstellen könnten, ihre Arbeit über übersehene Frauen zu zeigen.