Beim Slow Sex sind Nähe und Zärtlichkeit wichtig – und nicht unbedingt der Orgasmus Foto: dpa/Christophe Gateau

Quickies und Matratzensport? Kann, muss aber nicht sein. Ob Beruf oder Privatleben: Achtsamkeit durchdringt unseren Alltag. Als Slow Sex (langsamer Sex) hat der Trend auch das Schlafzimmer erreicht. Es geht aber nicht um Sex im Schneckentempo.

Stuttgart - Der Begriff ist irreführend: Slow Sex ist nicht unbedingt langsamer Sex. Auch neue Techniken und ausgefallene Stellungen spielen dabei keine Rolle. Selbst der Orgasmus ist zweitrangig. Stattdessen lehnt sich das Ganze an die Slow-Food-Bewegung an. Wie beim Essen steht somit auch bei der schönsten Nebensache der Welt vor allem eins im Mittelpunkt: der bewusste Genuss. Wer nun denkt, dass das eine Selbstverständlichkeit sein sollte: ja, eigentlich schon. Aber im oft hektischen, von Leistungsdruck geprägten Alltag gehen Nähe und Zärtlichkeit mitunter verloren. Wirklich neu ist Slow Sex somit nicht. Aber es kann sich lohnen, sich im Schlafzimmer mal wieder auf das Wesentliche, auf Nähe und Zärtlichkeit, zu besinnen, statt auf Quickies oder Matratzensport zu setzen.

 

Woher stammt der Begriff?

Der Begriff kam vor etwa zehn Jahren auf. Geprägt hat ihn Diana Richardson mit ihrem Bestseller „Slow Sex – Zeit finden für die Liebe“. Die Südafrikanerin hat eigentlich Rechtswissenschaften studiert, wandte sich aber vor gut 40 Jahren „der Körperarbeit“ zu.

Mit ihrem Mann, dem aus Deutschland stammenden Michael Richardson, hält die Autorin, Körpertherapeutin und Tantra-Lehrerin weltweit Vorträge und gibt Seminare zum Thema. Mit ihrem Ansatz hat sie inzwischen zahlreiche weitere Sexualtherapeutinnen und -therapeuten inspiriert.

Doch was versteht man unter Slow Sex? „Bewussten Sex“, fasst es Diana Richardson knapp zusammen. Für ein erfüllendes Sexualleben empfiehlt sie dabei die Verlangsamung – vor allem im Denken. Also kein Höher-schneller-weiter-Prinzip, sondern Genießer-Sex, man könnte auch sagen: Sex ohne Stress. „Es gibt keinen Plan, keine Leistung, kein Programm“, erklärt Richardson die Idee dahinter.

Statt also die Aufmerksamkeit „nach außen auf das Tun und Erreichen“ zu lenken, wie es normalerweise der Fall sei, werde die Aufmerksamkeit „nach innen gerichtet“. Denn nicht auf die Performance komme es an, sondern aufs Erleben: Vereinfacht gesagt, gehe es darum, „alles, was beim Sex passiert, bewusster zu spüren“, sagt Yella Cremer, Autorin und Intimitätscoach. Oder wie es die Psychologin Hella Suderow ausdrückt: „Weg von der Sensation, hin zu mehr Sensibilität.“

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„Slow Sex ist aber keine neue Technik für besseren Sex, sondern eine innere Haltung“, betont Suderow. Eben ein Weg, um Sexualität mit Achtsamkeit zu verbinden. „Dadurch kann größere Tiefe im gemeinsamen Erleben und eine liebevollere Beziehung entstehen.“ Anders gesagt: den Autopiloten ausschalten, auf den man sich in vielen Lebenssituationen verlässt – und stattdessen die eigenen Bedürfnisse und die des anderen erkunden und sich darauf einlassen.

Und woher kommt das „Slow“, das Langsam bei Slow Sex? „Wer Dinge bewusster tut, wird von ganz allein langsamer“, erklärt die Therapeutin und Achtsamkeitstrainerin Suderow. Mitbringen müsse man hierfür lediglich „die Bereitschaft“. Durch Achtsamkeit und Aufmerksamkeit könne man zusammen neue Lustpunkte finden. „Bewusst genießen, statt krampfhaft auf das Ziel Orgasmus hinzustreben“ – das sei die Devise. Dies sorge dann auch für eine tiefere Vereinigung, eine intensive, innige Verbindung mit dem Gegenüber.

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Was ist Slow Sex?

Sex und Erotik sind heutzutage von außen ständig präsent. Meist wird das Bild vermittelt, dass Sex ausgefallen und heiß, mit durchgeschwitzten Laken und multiplen Orgasmen verbunden sein muss, um gut zu sein. Und keine Frage: All das kann schön sein. Doch viele Menschen setzen sich und das Gegenüber durch derartige Vorstellungen unter Druck. Die Erwartungen sind hoch. Sich von diesen zu lösen, ist eines der Ziele beim Slow Sex: Konzentration auf sich und den Partner oder die Partnerin, ankommen im Hier und Jetzt, statt Kopfkino ablaufen zu lassen.

Man nehme sich für alles mögliche Zeit, Sex solle aber zwischendurch stattfinden. Das könne nicht funktionieren. „Wenn ein Paar es stattdessen schafft, sich wirklich zu entspannen und in den Körper hineinzuhorchen, kann es Energieströme wahrnehmen, sich auf einer anderen Ebene begegnen“, ist sich Suderow sicher. Sprich: weniger tun, um bewusst mehr Liebe zu erleben – und um vom Oberflächlichen wegzukommen. Somit unterstütze Slow Sex auch das Miteinander in einer Partnerschaft.

Gibt es dennoch Höhepunkte?

Beim Slow Sex sind zudem Orgasmen zweitrangig: „Sie dürfen natürlich sein“, stellt Hella Suderow klar, „sie müssen aber nicht.“ Auch eine Erektion und ein Eindringen sind eher Nebensache. Ohne diesen Druck könnten sich Paare ganz auf ihre Gefühle konzentrieren, sich gemeinsam „fallen lassen“, erklärt Diana Richardson: ruhig und gelassen, so, dass alle Situationen als „ganz normal, natürlich, undramatisch und nicht peinlich“ empfunden werden könnten.

Viele asiatische Lehren sehen die Sexualität als einen Teil der Spiritualität. Die Ziele dabei sind Herzensöffnung, Hingabe und der Austausch von Energie. Doch den spirituellen Überbau braucht es beim Slow Sex nicht unbedingt, sondern vor allem liebevolles Geben und Nehmen. Und Zeit, möglichst viel Zeit. Denn achtsam mit sich selbst und dem Gegenüber kann nur sein, wer nicht hetzt.