Beim Format „Schule trifft Rathaus“ sprechen Achtklässler des Böblinger Albert-Einstein-Gymnasiums eine Stunde mit Oberbürgermeister Stefan Belz. Es geht um Themen, die ihnen am Herzen liegen – wie Sicherheit und Sportplätze.
Ein ungewohntes Bild bietet der große Sitzungssaal im Böblinger Rathaus am Mittwochvormittag. Dort, wo sonst Stadträte sitzen, haben 50 Schülerinnen und Schüler Platz genommen. Sie diskutieren mit Oberbürgermeister Stefan Belz (Grüne) über Themen, die ihnen wichtig sind – dazu zählen Sicherheit, Sportplätze, Digitalisierung an den Schulen und der Busverkehr.
Die Klassen 8a und 8b des Albert-Einstein-Gymnasiums (AEG) Böblingen machen bei „Schule trifft Rathaus“ mit. Das Format der Landeszentrale für politische Bildung (LpB) will Jugendlichen Kommunalpolitik näherbringen und ihnen Beteiligungsmöglichkeiten aufzeigen. So stellt Lilli Seefeld den Böblinger Jugendgemeinderat als Adresse vor, an die sich die jungen Leute mit ihren Anliegen wenden können. „Macht gerne bei uns mit“, ruft die Jugendgemeinderätin auf.
Ein Gefühl von Unsicherheit
Für eine gute Stunde stößt der OB dazu, um zusammen mit Seefeld mit den Schülern zu diskutieren. Ludwig Leuser von der LpB moderiert die Runde. Für den ersten Themenblock gehen Lilly und Alexi nach vorne.„Junge Mädchen und Frauen, aber auch Jungs und Männer fühlen sich nachts unsicher. Deshalb wären mehr Kameras gut“, sagt Lilly stellvertretend für ihre Klassenkameraden. Belz nimmt sich Zeit für seine Antwort und betont: „Wir sind in regelmäßigem Austausch mit der Polizei und ich kann sagen, dass Böblingen eine sehr sichere Stadt ist.“ Das eine sei das Emotionalisierende in den Sozialen Medien, das andere die nackten Kriminalitätszahlen – und da stehe Böblingen gut da, gibt er zu Bedenken.
Außerdem hebt er zwei Punkte hervor. „Wir würden uns mit Kameras vielleicht sicherer fühlen, aber die Frage ist auch: Wofür werden die Aufnahmen verwendet? Was passiert, wenn diese Systeme gehackt werden?“ Aber der Gemeinderat diskutiere das Thema ebenfalls und beschäftige sich beispielsweise mit der Frage, ob der Bahnhofsvorplatz überwacht werden sollte.
„Seid ihr zufrieden mit der Antwort?“, fragt Leuser. Die Schüler heben Kärtchen mit grünen Smileys in die Höhe und nicken. Belz gelingt es den Jugendlichen auf Augenhöhe zu begegnen, er erklärt ausführlich ohne von oben herab zu sprechen. Die Schüler scheuen sich nicht, nachzuhaken, Bedenken zu äußern und ihre Meinung zu sagen.
Wunsch nach mehr Sportangeboten
Das wird noch deutlicher als es um Sportflächen geht. Da melden sich viele und haben Ideen für weitere Angebote und Wünsche, wo Sportangebote hinkommen sollten – beispielsweise aufs Flugfeld oder an den Rauhen Kapf. Besonders kritisieren sie, dass der sanierte Fußballplatz im Silberweg offenbar nicht mehr der Öffentlichkeit zur Verfügung steht. „Ich werde mich erkundigen, warum er nicht mehr offen ist und ob man ihn zeitweise wieder öffnen kann“, versprach der OB.
Dass sie mit der Digitalisierung an den Schulen nicht wirklich zufrieden sind, geben die Schüler Belz ebenfalls mit. Sie würden sich wünschen,dass mehr Tablets zur Verfügung stehen. Die Begründung: Das senke den Papierverbrauch, man verliere keine losen Zettel und man müsse sich seltener Hefte kaufen.
Die andere Klage betrifft den öffentlichen Nahverkehr. Die Schüler fordern zuverlässigere Busse und eine funktionierende Echtzeitkommunikation, sodass sie wissen, ob der Bus kommt, Verspätung hat oder ausfällt. Und eine Schülerin fragt: „Könnte man den Busfahrern nicht einfach mehr Gehalt zahlen, damit sie nicht mehr streiken?“ Bei der letzten Frage kann Belz die Verantwortung von sich weisen, denn für das Gehalt ist nicht die Stadt zuständig. Er bittet aber darum, das, was im Busverkehr nicht funktioniert, ans Rathaus zu melden.
Was die Schüler zum Aktionstag sagen
Während die Diskussionen in die Tiefe gehen, sorgt Leuser mit Fragen, die die Schüler auf Zettel geschrieben haben, zwischen den Themenblöcken für kleine Verschnaufpausen. „Mögen Sie eigentlich Bürger?“, will er von OB Belz wissen. Alle lachen. „Ja, natürlich“, antwortet Belz. „Mir macht meine Arbeit Spaß.“ Weniger Freude scheint ihm dagegen das Ergebnis der Bundestagswahl zu bereiten. Auf einer Skala von eins gleich schlecht und zehn gleich sehr gut bewertet er es mit einer drei. „Die AfD hat viel zu viele Stimmen bekommen, und sie macht unser Land kaputt.“ Die heikle Frage nach einer Vereinigung von Böblingen und Sindelfingen bezeichnet er schmunzelnd als „pfiffige Idee“. Das müssten aber die Bürger und die beiden Gemeinderäte wollen.
Die Schülerinnen und Schüler machen am Ende einen zufriedenen Eindruck. Nicole und Rija fanden den Vormittag aufregend, sie hätten vieles gelernt, das ihnen vorher nicht klar gewesen sei. „Es war spannend, dass wir Oberbürgermeister Belz Fragen stellen durften“, sagt Rija. Ähnlich sieht das Tim, und auch Mats lobt das Format. „Ich finde es gut, Schüler so früh wie möglich mit der Politik zusammenzubringen.“
Möglichkeiten, sich als junger Mensch in der Politik zu engagieren
Schule trifft Rathaus
ist in Böblingen ein Angebot der Landeszentrale für politische Bildung, Außenstelle Ludwigsburg. Der Aktionstag richtet sich an die Klassenstufen 8 und 9 aller Schularten. Das Format soll demnach „das Wissen festigen“, das bereits im Unterricht erworben wurde und den Schülern Wege aufzeigen, ihre Gemeinde mitzugestalten. Das Böblinger Albert-Einstein-Gymnasium nimmt seit vielen Jahren am Aktionstag teil.
Jugendgemeinderat
soll die Interessen der jungen Leute vertreten. Die Jugendgemeinderäte werden von Böblinger Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren auf zwei Jahre gewählt. Mehr Infos gibt es unter jugendgemeinderat-bb.de
Mängelmelder
Weil die Schüler teils konkrete Mängel angesprochen haben, wurde ihnen der Böblinger Mängelmelder ans Herz gelegt. Zu finden unter: www.boeblingen.de/start/stoerungsmeldung.html.