Hiroki Ito überzeugt beim VfB Stuttgart. Dadurch weckt der Japaner Begehrlichkeiten auf dem Transfermarkt. Doch die Stuttgarter haben ihren eigenen Plan mit dem 23-Jährigen.
Er hat den Ball kommen sehen. Im Grunde schon bevor ihn der Innenverteidiger Ivan Ordets auf der Gegenseite spielte. In aller Gelassenheit positionierte sich Hiroki Ito im halblinken Abwehrraum. Der Japaner ließ den Blick zwischen Kugel und Takuma Asano hin- und herwandern, da er ja ahnte, was auf ihn einstürmen würde – ein langer Pass und sein rasend schneller Landsmann im blauen Bochumer Trikot. Der Abwehrspieler des VfB Stuttgart bremste den Flügelflitzer im Kellerduell der Fußball-Bundesliga auf diese Weise dann mehrfach: gutes Stellungsspiel, eng dran sein, mit dem Körper nach außen abdrängen.
Ito verteidigt intelligent, meist ohne Fouls. „Er verfügt über ein sehr gutes Auge für die Situation, er weist eine überdurchschnittliche Zweikampfquote auf, und er ist auch im Aufbau- und Offensivspiel mit seinen Pässen und Abschlüssen präsent“, sagt Fabian Wohlgemuth, weshalb der Sportdirektor betont: „Das macht ihn zu einem unserer Stabilitätsfaktoren.“
An den Abwehrschränken abgeprallt
Fast ohne Leistungsschwankungen überzeugt Ito seit seiner Ankunft im Sommer 2021. Und jetzt bildet er wieder den gewohnten Abwehrverbund. „Wir haben zu oft unvorbereitete lange Bälle gegen die drei Schränke des VfB da hinten gespielt. Da war es schwierig durchzukommen“, sagt der VfL-Coach Thomas Letsch. Denn neben dem 1,88 Meter großen Ito standen beim 3:2-Sieg noch die robusteren Waldemar Anton (1,89) und Konstantinos Mavropanos (1,94). Zweikampf- und kopfballstark, an ihnen prallte der Angriffshüne Philipp Hofmann meist ab.
Zudem ist Ito zwar kein Supersprinter, aber schnell genug. Selbst wenn es bei ihm nicht immer so wirkt, weil sein Spiel auf Ruhe basiert. Über seine Kernkompetenzen hinaus verfügt der Profi aus Fernost jedoch über einen feinen linken Fuß. Das macht ihn wertvoll, beim VfB und darüber hinaus.
Schon im vergangenen Januar soll sich der Starcoach José Mourinho von der AS Rom für Ito interessiert haben. Gerade, weil Innenverteidiger, die es mit links können, auf dem internationalen Markt begehrt sind. Zumal der 23-Jährige auch als Außenverteidiger taugt. Mit seiner Ballfertigkeit und taktischen Disziplin lässt sich so ein Paket seiner Fähigkeiten schnüren, das bei italienischen und spanischen Clubs gefragt ist.
National soll der VfL Wolfsburg auf den VfB-Profi mit der Rückennummer 21 schauen. Noch steht Ito jedoch bis 2025 in Stuttgart unter Vertrag. Ein Arbeitspapier, das auf die Zeit von Sven Mislintat zurückgeht. Der frühere Sportdirektor entdeckte das Abwehrjuwel in der zweiten japanischen Liga bei Jubilo Iwata, lieh den Spieler erst einmal für eine halbe Million Euro aus – und verpflichtete ihn nach einem Jahr per Aufschlag auf insgesamt etwas über eine Million Euro fest. Ein gutes Geschäft, da der Marktwert um ein Vielfaches gestiegen ist. Nun profitiert der VfB im Abstiegskampf aber zunächst sportlich von Ito, der ursprünglich für die zweite Mannschaft vorgesehen war. Er entwickelte sich jedoch rasch zur festen Größe im Bundesliga-Team – und soll im Falle des Klassenverbleibs gehalten werden.
Eine exzellente Pass-Statistik
Der Mann mit der markanten Augenbraue spielt bei den Stuttgartern die meisten Pässe. 1502 im bisherigen Saisonverlauf. 85,1 Prozent davon kamen an. Ein exzellenter Wert, der Ito in dieser Kategorie ligaweit auf Rang neun bringt. Seine Spezialität im Aufbauspiel sind lange Diagonalpässe. Scharf und präzise geschlagen. Beim Erfolg im Ruhrstadion erzielte der WM-Teilnehmer dazu sein erstes Saisontor.
In Summe ergab das einen für Ito typisch unaufgeregten, aber letztlich überragenden Auftritt an der Castroper Straße. Geprägt durch die leidenschaftliche Herangehensweise der Mannschaft. Auf 231 Zweikämpfe insgesamt brachten es die Stuttgarter im Revier. Auf diesen Spitzenwert des Spieltages kamen in der intensiven Begegnung ansonsten nur noch die Bochumer selbst – mit dem Unterschied, dass die VfB-Elf 54,5 Prozent ihrer direkten Duelle gewann.
„Wir können uns jetzt auf ein ausverkauftes Haus am Samstag und das Spiel gegen Borussia Dortmund freuen, aber wir müssen genauso aufmerksam auftreten wie in Bochum“, sagt Sebastian Hoeneß. Mindestens. Der neue Trainer des VfB will dabei in dieser Woche darauf achten, dass der Fokus der wankelmütigen Spieler nach den beiden Siegen in Pokal und Liga zu seinem Einstand nicht verrutscht. Es ist einmal mehr der Kampf um Konstanz, den ein Coach angeht. Denn die Dreierabwehrkette des VfB steht gegen den Tabellenzweiten vor einer größeren Zerreißprobe als zuletzt.
In Sébastien Haller, Karim Adeyemi, Donyell Malen sowie den beim 2:1-Sieg gegen den 1. FC Union Berlin eingewechselten Yousouffa Moukoko, Jamie Bynoe-Gittens oder Marco Reus verfügt der BVB über ein Offensivrepertoire, das Körperlichkeit mit Finesse und Schnelligkeit verbindet. Da wird das scharfe Auge von Hiroki Ito oft gefordert sein.