Der Japaner spielt eine starke Saison beim VfB. Das könnte schon bald englische Clubs auf den Plan rufen, aber nicht nur. Das liegt auch an der Ausstiegsklausel in seinem Vertrag.
Ja, Hiroki Ito ist zu Gefühlsregungen auf dem Fußballplatz fähig. Das bestätigen alle, die mit ihm zu tun haben. Der Abwehrspieler mit der markanten rechten Augenbraue lächelt schon mal nach Siegen. Die Kollegen scherzen dann gelegentlich mit ihm auf Englisch, und der zurückhaltende Japaner spricht auch selbst. Wenig zwar, aber der bald 25-Jährige wird im Mannschaftskreis gehört. Betont höflich ist der Mann aus Hamamatsu in diesen Momenten und insgesamt offen gegenüber der westlichen Kultur, aber Ito zeichnet beim VfB Stuttgart ein anderes Merkmal aus: seine Zuverlässigkeit.
Mit fernöstlicher Exzellenz geht Ito seinem Beruf nach. Damit verkörpert er neben dem Kapitän Waldemar Anton in der Abwehr eine Konstante, die es für den Erfolg braucht. Zweikampf- und kopfballstark, wie es sich für einen Verteidiger der gehobenen Klasse gehört. Dazu schnell im Antritt und ausdauernd. „Er ist ein spielender und technisch versierter Innenverteidiger, der auch Linksverteidiger spielen kann – und das nicht nur defensiv orientiert, sondern ebenso offensiv ausgerichtet“, sagt der Trainer Sebastian Hoeneß über den 1,88 Meter großen Asiaten vor dem Bundesligaspiel an diesem Freitag (20.30 Uhr) beim FC Augsburg.
Einmaliges Spielerprofil
Ito ist mit einem feinen linken Fuß ausgestattet. Das erlaubt ihm, den Spielaufbau flach und mit Kurzpässen von hinten heraus zu betreiben oder mit scharfen, langen Diagonalpässen. Die Präzision gehört hierbei ebenso zu Itos sportlichem Gesamtpaket wie seine Flexibilität. Ob Dreier- oder Viererkette, ob Innen- oder Außenverteidiger – der VfB-Spieler mit der Rückennummer 21 füllt diese Rollen in verschiedenen Systemen ohne Qualitätsverlust und mit großem Anpassungsvermögen aus. „Er verfügt über ein nahezu einmaliges Spielerprofil. Das macht ihn wertvoll“, sagt Hoeneß. Sportlich für den Chefcoach und finanziell für den Club.
Für knapp eine halbe Million Euro verpflichtete ihn der damalige Sportdirektor Sven Mislintat vom japanischen Zweitligisten Jubilo Iwata. Zunächst leihweise, später fix. Mittlerweile stellt Ito nicht nur eine feste Größe in Stuttgart dar, sondern ebenso in der Nationalmannschaft. Der Marktwert ist entsprechend um ein Vielfaches gestiegen, und die Ausstiegsklausel in dem bis 2027 datierten Vertrag soll etwa 30 Millionen Euro betragen. Wie gemalt erscheint das Portfolio für die Scouts aus der englischen Premier League. Bereits in der vergangenen Saison gab es Interesse anderer Vereine. Letztlich zog es jedoch Konstantinos Mavropanos weg, zu West Ham United – was dem VfB die erwünschte Transfereinnahme von mehr als 20 Millionen Euro einbrachte.
Auch in diesem Sommer rechnet der VfB wieder mit Geld aus Spielerverkäufen – und Abwerbeversuchen. Trotz der Qualifikation für die Champions League. Ito steht dabei nicht nur auf der britischen Insel auf diversen Einkaufslisten. Der FC Bayern München und Borussia Dortmund (seit 1. Mai mit dem Technischen Direktor und Ito-Entdecker Mislintat) dürften bei ihren Personalplanungen ebenfalls ins Nachdenken kommen. Sofern die Clubs einen variablen Abwehrspieler suchen, der dauerhaft auf hohem Niveau seine Leistung abruft, selten verletzt ausfällt und sich nie in den Mittelpunkt rückt.
Der VfB-Profi ist ja ein Könner für Kenner, kein Spektakelspieler mit wilden Grätschen und Gesten. „Schon vor einem Jahr haben wir uns unmissverständlich zum sportlichen und menschlichen Wert Hiroki Itos für unsere Mannschaft positioniert. Damals bei einer schwer planbaren VfB-Zukunft. Ito hat dann in den vergangenen Monaten unsere in ihn gesetzten Hoffnungen mehr als erfüllt. Heute, wo der Club nach langer Zeit wieder vor internationalen Aufgaben steht, brauchen wir die Qualität dieses Ausnahmeverteidigers mehr denn je“, sagt der Sportdirektor Fabian Wohlgemuth.
Hin und wieder ist ein Tritt nötig
Der Vertrag wurde vorzeitig verlängert, und jetzt lockt die Champions League. „Er hat sich in dieser Saison noch einmal richtig gut entwickelt“, sagt Hoeneß. Ito überzeugt dabei weiter mit Ruhe am Ball und seinen Statistiken. Das macht er so gut, dass seine starken Auftritte von den Zuschauern für selbstverständlich genommen werden und es auffällt, wenn ein Pass von ihm im Aus landet oder ihm ein Stellungsfehler unterläuft. Zuletzt gegen den FC Bayern trumpfte er wie in den Wochen zuvor auf. Als Vertreter des gesperrten Linksverteidigers Maximilian Mittelstädt lief er außerdem den Münchner Flügelflitzern die Bälle ab.
Da Mittelstädt in die Mannschaft zurückkehrt, rückt Ito an diesem Freitag in Augsburg wieder nach innen. Seine Stammposition, auf der er wohl wieder als Mister Zuverlässig agieren wird. Seinem Charakter entsprechend. „Als Mensch ist er sicher ein ruhiger Typ, aber er ist trotzdem auch ein Schlitzohr“, sagt Hoeneß, „hin und wieder kann man ihm schon in den Allerwertesten treten, damit er nicht nur das Nötigste macht.“ Dann schaltet Ito prompt einen Gang höher – und der Trainer glaubt, dass dem Verteidiger somit „nach oben kaum Grenzen gesetzt sind“.