Klangvolle Namen – die nun abgestiegen sind: Die VfB-Stars Holger Badstuber und Mario Gomez (re.) Foto: dpa

Warum es dem VfB in zwei Relegationsspielen nicht gelungen ist, den Abstieg zu verhindern. Und was Nico Willig und Thomas Hitzlsperger dazu sagen.

Berlin - Es war kurz vor halb elf am späten Montagabend, als im Berliner Stadion an der Alten Försterei nicht nur der Schlusspfiff eines Fußballspiels ertönte, sondern für den VfB Stuttgart ganz generell die Zeit abgelaufen war. Die Zeit in der Fußball-Bundesliga. Schon wieder.

Die Spieler sanken zu Boden, Nico Willig, der Interimstrainer, blickte ins Leere, Thomas Hitzlsperger, der Sportvorstand, wandte sich geschockt ab, auf der Tribüne schlugen sich die Verantwortlichen des VfB die Hände vors Gesicht, die Fans zündeten wütend weitere Feuerwerkskörper und versuchten, auf den Platz zu gelangen.

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Gesten der Verzweiflung, der Wut, der Frustration – weil nach dem spärlichen 0:0 im Rückspiel der Relegation gegen den 1. FC Union Berlin der zweite Abstieg des Stuttgarter Traditionsvereins innerhalb von nur drei Jahren besiegelt war. Nach dem 2:2 im Hinspiel reichte dagegen dem Berliner Kultclub das torlose Remis für die erstmalige Qualifikation für die Fußball-Bundesliga.

„Es ist eine Horrorsaison“, stammelte Willig. Und Thomas Hitzlsperger, der seit Februar amtierende Sportvorstand, sagte mit glasigen Augen: „Es ist brutal bitter.“ Denn er wusste: „Wir haben zu viel falsch gemacht.“

Freistoßtor wird aberkannt

Die Berliner dagegen rissen die Arme nach oben, sprinteten glückselig über den Rasen und feierten fortan mit den Fans, die euphorisiert auf den Platz rannten. Die Alte Försterei wurde zur heißesten Partymeile in der Hauptstadt. „Es ist unglaublich“, jubelte der schwedische Stürmer Sebastian Andersson. Dabei hatte es am Montagabend gut begonnen für den VfB.

Es lief die neunte Minute der Partie im Stadion an der Alten Försterei, der Ball lag 20 Meter vor dem Berliner Tor zum Freistoß bereit, Steven Zuber und Dennis Aogo besprachen die letzten Details. Dann gingen beide ein paar Schritte zurück, Aogo lief an, zog ab – der Rest war purer Jubel der in Schwarz und Gelb gekleideten Stuttgarter. Der Sekunden später Ernüchterung wich. Wegen Nicolas Gonzalez.

Der junge Argentinier hatte im Laufe dieser Saison ja schon das eine oder andere Mal eine unglückliche Figur abgegeben. Und auch diesmal, in diesem für den Verein so immens wichtigen Spiel, schlüpfte er in diese Rolle. Warum auch immer hatte er sich kurz vor dem Freistoß am Berliner Fünfmeterraum postiert, schränkte damit das Sichtfeld von Union-Keeper Rafal Gikiewicz ein – weshalb das VfB-Tor nach Ansicht der Videobilder zu Recht aberkannt wurde. Abseits. Nichts war’s mit der frühen Führung. Nichts mit dem Grundstein für eine Wende in diesem Relegationsduell. Und am Ende: nichts mit der Rettung. Dabei hatte Nico Willig alles versucht. Mit Santiago Ascacibar, Holger Badstuber, Dennis Aogo und Steven Zuber in der Startelf – im Gegensatz zum enttäuschenden 2:2 im Hinspiel am Donnerstag. Und zu Beginn der Partie zeigte der VfB tatsächlich ein anderes Gesicht.

Der Schwung verpufft schnell

Doch der Schwung der guten Anfangsphase verpuffte schnell – und bis auf zwei gefährliche Fernschüsse von Steven Zuber (45.) und Benjamin Pavard (89.) hatte der VfB im ganzen Spiel keine einzige echte Torchance mehr. Ein Sinnbild für eine von vorne bis hinten verkorkste Saison, die mit dem peinlichen Pokal-Aus beim Drittligisten Hansa Rostock begann, die drei Trainerwechsel bereithielt, einen Tausch auf der Position des Sportvorstandes, jämmerliche 28 Punkte – und am Ende mit einer über weite Strecken hilflosen Vorstellung in zwei Spielen gegen den Dritten der zweiten Liga ihren unrühmlichen, aber passenden Abschluss fand. „Ich bin so glücklich“, stammelte vor Freude weinend der Union-Präsident Dirk Zingler. Der VfB dagegen steht vor einem Scherbenhaufen.

Zwar nicht finanziell und strukturell. Auch der Nachwuchs macht wieder Hoffnung. Doch dass der Verein zum insgesamt dritten Mal nach 1975 und 2016 und nur zwei Jahre nach dem Wiederaufstieg 2017 erneut runter muss, bremst die groß angekündigte Entwicklung nicht nur. Der VfB verliert erneut Jahre – und erst recht den Anschluss an die Oberen der Bundesliga. Die zunächst ohnehin ganz weit weg sind.

„Eine katastrophale Saison“

Obwohl die nun abgelaufene Saison mit Rekordinvestitionen begann (Pablo Maffeo, Borna Sosa, Nicolas Gonzalez, Gonzalo Castro, Daniel Didavi) und im Winter mit einer ebensolchen (Ozan Kabak) fortgesetzt wurde, wurde das von Ex-Sportchef Michael Reschke unzureichend ausbalancierte Team nie eine echte Einheit – und blieb trotz viel Qualität und Erfahrung im Kader nahezu alles schuldig. „Wir haben“, sagte Trainer Willig, „eine katastrophale Saison gespielt.“ Dem war nichts hinzuzufügen.

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