Als Gastsänger beim Shanty-Chor hat man ihm schon mal gute Prognosen eingeräumt: Wolfgang Drexler in Aktion. Foto: Michael Steinert

Nach drei Jahrzehnten hat der Sozialdemokrat Wolfgang Drexler den Landtag verlassen. Bei der Abschiedsfeier kommt auch ein Überraschungsgast.

Esslingen - Abschied zu nehmen, kann schmerzhaft sein. Aber auch erheiternd im Rückblick und bestärkend im Blick nach vorn. Die Verabschiedung von Wolfgang Drexler am Donnerstagabend im Blarergemeindehaus zu Esslingen war so ein Moment, der von allem etwas hatte: Nach drei Jahrzehnten zieht sich der Genosse aus dem Landtag zurück und überlässt das Feld Nikolas Fink. Und schon die Häufung von Weggefährten und Mitstreitern aus Stadt, Land und Bund samt den Lobesworten an die Adresse des „inoffiziellen Bürgermeisters von Wäldenbronn“, so Esslingens SPD-Fraktionschef Andreas Koch, ließen für ein paar Stunden vergessen, wie die Stimmenernten der Sozis landauf, landab in den Keller rasseln.

Viele große und kleine B’s

Aufgelockert von Tanzeinlagen und Rhythmischer Bodengymnastik als Tribut an den amtierenden Präsidenten des Schwäbischen Turnerbundes, trat eine ganze Rednerriege an, um das Wesentliche am Menschen und Politiker Drexler herauszumeißeln. Andreas Koch hob gleich zum Auftakt dessen Wertschätzung von „Basisnähe und Bürgerwillen“ hervor, unter „kleinen B.’s“ listete Koch Bänke (an Bushaltestellen), Brieftauben und Büchereien auf, Letzteres wurde im Publikum beifällig von Verfechtern der Pfleghof-Variante bei der Suche nach einer Lösung der kniffligen Stadtbibliotheksfrage bedacht. Bekanntlich hat Drexler als jüngste spektakuläre Aktion eine Bürgerinitiative initiiert, was letztlich zum Bürgerentscheid an diesem Sonntag geführt hat.

Zu diesem Zeitpunkt kann Moderator Theo Rombach noch immer nicht fassen, was da passiert: „Wolfgang hört auf, das ist ja unvorstellbar.“ Denkbar aber ist, dass der Wolfgang nur vom Landtag in die erste Reihe des Esslinger Shanty-Chors wechselt. Beim Auftritt der Seebären im Blarerhaus hat er sich jedenfalls schon mal als Refrain-Sänger bewährt.

Der Ministerpräsident bemüht das „Fliegende Klassenzimmer“

Ministerpräsident Wilfried Kretschmann (Grüne) ist als Grußredner in Sache Drexler in Erich Kästners Fliegendem Klassenzimmer fündig geworden. So wie Kästner schreibe, mache Drexler Politik: In verständlicher Sprache ran an die großen Fragen, aber gemeinsam. Als der Esslinger freilich Projektsprecher für Stuttgart 21 wurde, hätten sich ihre Wege getrennt, dennoch habe stets ein „zivilisierter Streit“ geherrscht. Andreas Stoch, Fraktionschef im Landtag und seit kurzem auch SPD-Landesvorsitzender, zog als Abschiedsgeschenk das ausgemustertes Autokennzeichen S- PD 333 aus der Tasche – zur Erinnerung, dass die Partei 2001 im Land noch 33,3 Prozent einheimste.

Drexler warb in seinem Schlusswort dafür, dass Demokraten über alle Parteigrenzen hinweg die parlamentarische und freiheitliche Ordnung verteidigen. In dieser Haltung sah er sich nachdrücklich von Ex-Ministerpräsident Günter Oettinger (CDU) unterstützt, der als Überraschungsgast gekommen war.

Wolfgang Drexler, der „Bankenretter“ hat jetzt eine schmiedeeiserne Bank bekommen, überreicht von der Vizechefin seiner Ratsfraktion, Christa Müller. Ihr ideeller Wunsch sei, dass der Beschenkte wenigstens zeitweise zur Ruhe kommt. Daran führt auch gar kein Weg vorbei, denn für April hat sich ein Enkele angesagt – und damit ein ganz neues Pflichtprogramm.

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