Wolfgang Drexler war seit 1975 eine feste Größe im Esslinger Gemeinderat – nun verabschiedet er sich aus der Ratsrunde, weil er künftig etwas kürzertreten muss. Im Gespräch mit unserer Zeitung blickt der passionierte Kommunalpolitiker zurück.
Esslingen - Es ist nicht leicht, sich einen Esslinger Gemeinderat ohne Wolfgang Drexler vorzustellen. Seit 1975 hatte der Sozialdemokrat seinen Platz in der Ratsrunde, und er hat das kommunalpolitische Geschehen in dieser Zeit wie kaum ein anderer geprägt. Gesundheitliche Gründe zwingen Drexler nun, sein Amt niederzulegen – am Montag wird er aus der Ratsrunde verabschiedet. Im Interview blickt er zurück.
Herr Drexler, viele bedauern Ihren Rückzug aus dem Gemeinderat. Haben Sie sich an diesen Gedanken schon gewöhnt?
Der Abschied fällt auch mir nicht leicht, aber er kommt auch nicht ganz unvorbereitet. Nachdem ich 70 wurde, habe ich meine Aufgaben nach und nach reduziert, der Abschied aus dem Landtag war 2018 eine erste Zäsur. Nun zwingen mich die Folgen eines Schlaganfalls, von dem ich mich immer noch erholen muss, zum Rückzug aus dem Gemeinderat. Das ist ein großer Schritt, weil mir die Kommunalpolitik sehr am Herzen liegt. Aber ich weiß, dass mir die Arbeit im Gemeinderat viel schwerer fallen würde als bisher.
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Sie haben Politik mit jeder Faser gelebt. Ist ein Abschied überhaupt möglich?
Dass ich nicht mehr im Gemeinderat vertreten sein werde, heißt ja nicht, dass ich nun ein unpolitischer Mensch werde. Ich verfolge das politische Geschehen weiterhin sehr intensiv und behalte meine Meinung nicht für mich. Mein politisches Interesse äußert sich künftig anders. Es ist aber schon etwas ganz anderes, wenn man sich dem parlamentarischen Diskurs direkt stellt oder sich ganz konkret vor Ort für die Bürger einsetzt. Deshalb tue ich alles, um möglichst viel von meiner früheren Beweglichkeit zurückzugewinnen.
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Wie hat Ihr Engagement begonnen?
Das fing bei den Pfadfindern an und hat sich beim Kreisjugendring fortgesetzt. Dazu gehört auch der Einsatz für Partnerschaften. Wir haben Kontakte zu Polen oder Israel in einer Zeit geknüpft, als noch so gut wie gar nichts ging. Und wir haben mit beiden Ländern einen wegweisenden Austausch auf gebaut. Mein Weg zur SPD führte über die Jusos.
Sie überblicken einen langen Zeitraum. Hat sich der Politikbetrieb verändert?
Ja. Ich bin in den 70er Jahren in Esslingen in eine gesellschaftspolitische Auseinandersetzung gekommen, die sich später vor allem an der Kultur entzündet hat. Wenn es Anfang der 80er um Dieselstraße oder Kommunales Kino ging, sind im Gemeinderat oft die Fetzen geflogen. Trotzdem saß man hinterher über alle Fraktionsgrenzen hinweg zusammen und konnte sich in die Augen schauen. So wurde Vertrauen aufgebaut. Man konnte sich besser in die andere Seite hineinversetzen. Das fehlt heute.
Wie hat sich das politische Klima in der Stadt seit 1975 verändert?
Esslingen ist liberaler geworden. Heute werden auch kritische Kultureinrichtungen akzeptiert. Das müssen wir bewahren, weil Kultur wichtig ist. Künftig vielleicht noch mehr.
Wer so lange Politik macht, braucht einen langen Atem. Was war Ihr Geheimnis?
Ich hatte gute Vorbilder. Menschen wie Otto Weinmann, den langjährigen SPD-Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat, oder Volker Hauff, der später Bundesminister wurde. Und man darf nicht vergessen, dass ich in der Gemeinderatsfraktion sehr gute Leute an meiner Seite hatte – wie Bernhard Blank, Klaus Hummel, Richard Kramartschik, Helmut Thienwiebel, Elisabeth Nill oder Andreas Koch. Wir haben oft intensiv diskutiert, aber das war wichtig, um die beste Lösung für unsere Stadt zu finden. Erfolgreich ist man nie alleine. Man braucht immer Mitstreiter.
Die Menschen mitnehmen
Sie gelten als begnadeter Netzwerker, dem es gelingt, Probleme zu lösen, indem er Menschen zusammenbringt.
Das ist oft der Schlüssel zum Erfolg – egal, ob es um den Bau einer Mountainbike-Strecke, den Erhalt eines historischen Gebäude-Rondells im Stadtteil oder eine neue Buslinie geht. Wenn man gemeinsam nach Lösungen sucht, ist man meist erfolgreicher. Esslingen ist ein gutes Pflaster zum Mitmachen. Das hat sich beim Umbau der Alten Kelter in Wäldenbronn und beim Bürgerentscheid zur Bücherei gezeigt, aber auch beim Kauf einer neuen Thora-Rolle für die jüdische Gemeinde. Da ist es mir gelungen, nicht nur die beiden christlichen Kirchen, sondern auch Griechisch-Orthodoxe und Muslime zusammenzubringen. Das war ein wichtiges Signal der Verständigung. Ich bin überzeugt: Auch bei Zukunftsthemen wie dem Klimaschutz wird nur die Stadt erfolgreich sein, die die Menschen mitnimmt auf dem Weg zum Erfolg.
Was waren Ihre größten Erfolge?
Da denke ich zuerst an den Bürgerentscheid zur Stadtbücherei. Dass wir fast 20 000 Menschen für dieses Thema interessieren konnten und dass mehr als drei Viertel für den Bebenhäuser Pfleghof stimmten, haben uns viele nicht zugetraut. Wenn Menschen von etwas überzeugt sind, engagieren sie sich auch.
Politik im Gespräch mit Bürgerinnen und Bürgern
Welche Rolle spielt die Kommunalpolitik im politischen Gesamtgefüge?
Demokratie wird von Politikern repräsentiert, und denen begegnet man am besten auf lokaler Ebene. Je besser Kommunalpolitiker ansprechbar sind und sich um die Anliegen der Menschen wirklich kümmern, desto eher wird die Demokratie akzeptiert. Deshalb waren für mich die Sonn- und Feiertage immer die wichtigsten Tage, weil ich da viel Zeit hatte, mich mit anderen zu unterhalten. Wann sonst haben die Bürgerinnen und Bürger dazu Gelegenheit? Doch nicht bei offiziellen Terminen, wenn die meisten Politiker ohnehin in der ersten Reihe unter sich sind.
Was braucht ein guter Politiker?
Ich habe das große Glück, eine Frau zu haben, die mir den Rücken freigehalten hat, mit der ich über alles sehr intensiv diskutieren kann und die ihre Meinung klar vertritt. Das ist unschätzbar wichtig. Als Politiker muss man die Stadt und die Menschen mögen und Freude daran haben, mit ihnen zu reden und für sie da zu sein. Die Leute haben ein feines Gespür dafür, ob man das wirklich so lebt. Für mich war es immer die größte Freude, mich mit anderen zu unterhalten und mich für gute und wichtige Anliegen einzusetzen.
Wechsel im Gemeinderat
Der Langjährige
Wolfgang Drexler wurde 1946 geboren und hat zunächst als Amts- und Oberamtsanwalt bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart gearbeitet. Seit 1975 gehört er dem Esslinger Gemeinderat an. Hinzu kommen 50 Jahre ehrenamtliches Engagement im Kreistag sowie mehr als drei Jahrzehnte Abgeordnetentätigkeit im Landtag. Der Sozialdemokrat hat sich neben seiner politischen Arbeit vielfältig engagiert – ob als Vorsitzender des Kreisjugendrings, im Beirat des Kabaretts „Die Galgenstricke“, als Vorsitzender des Fördervereins Esslingen-Nord, als Vorsitzender des FC Esslingen oder als Präsident des Schwäbischen Turnerbunds. Und er war Initiator des Bürgerentscheids zur Esslinger Stadtbücherei, bei dem im Februar 2019 die Standortentscheidung des Gemeinderats korrigiert wurde.
Die Nachfolgerin
Wenn Wolfgang Drexler am Montag offiziell aus dem Esslinger Gemeinderat ausscheidet, wird an seiner Stelle Regina Rapp in den Reihen der SPD-Fraktion Platz nehmen.