Thomas Munz, Urgestein der Stuttgarter Börse, zieht sich zurück Foto: Börse

Eine Ära geht zu Ende: Thomas Munz, Urgestein der Stuttgarter Börse, der zusammen mit Weggefährten den Ruf der Privatanlegerbörse geprägt hat, zieht sich mit 57 ins Privatleben zurück.

Stuttgart - An den Börsen herrscht Partystimmung, der Dax klettert auf Rekordniveau und die Privatanleger sind dabei, wieder einmal alles zu verpassen. Seit Jahren schon sind die Aktionäre in Deutschland auf dem Rückzug. Für einen überzeugten Börsianer wie Thomas Munz muss das zum Verzweifeln sein. Der 56-Jährige ist ein Urgestein am Finanzplatz Stuttgart. Wie kaum ein anderer hat er in den vergangenen Jahrzehnten die Positionierung der Börse Stuttgart als Privatanlegerbörse mitgestaltet.

„Ich könnte seit Jahren verzweifeln“, gibt Munz unumwunden zu. Und dann kommt der langjährige Vorstand der Vereinigung Baden-Württembergischer Wertpapierbörse und Aufsichtsratsvorsitzender der Boerse Stuttgart Holding so richtig in Fahrt. Politik, Wissenschaft und Medien hätten es nicht geschafft, den Leuten klar zu machen, „dass sie mit dem Kauf von Aktien die Chance haben, dabei zu sein, wenn die Wirtschaft wächst“. Allein mit dem Sparbuch oder einer Lebensversicherung sei das heute nicht mehr zu schaffen – angesichts Zinsen, die gegen null tendieren. Auf klassischem Weg zu sparen, sei für viele aber bequemer. „Um seine Aktienanlage muss man sich kümmern“, sagt Munz. Und sei es der tägliche Blick in die Zeitung, um Nachrichten zu verfolgen.

Der Trend geht in eine andere Richtung, das ist Munz klar. Anstelle selbst Verantwortung zu übernehmen und zu entscheiden, würden die Menschen in vielen Bereichen Verantwortung für ihr Leben abgeben. „Das geht soweit, dass sie sich vorschreiben lassen, wann sie vegetarisch essen und wann nicht“, spitzt er zu und fordert: Menschen sollten zum „Selbstentscheider“ erzogen und nicht vom Gesetzgeber bevormundet werden.

Seit der Finanzkrise 2007/2008 sei permanent zu hören, wie schlecht die Finanzindustrie sei, sorgt der Manager sich. Dass der Gesetzgeber mit der Deregulierungsphase in den Jahren 2004 bis 2008 selbst die Weichen gestellt habe für den Turbokapitalismus, werde ausgeblendet. Seit dieser Zeit haben die öffentlich-rechtlich kontrollierten Börsen Konkurrenz erhalten – von wenig regulierten Schattenbanken, außerbörslichen Handelsplattformen und dem Hochfrequenzhandel. Was Munz aufstößt: Alternative Handelsplattformen können beispielsweise ihren Betrieb in Phasen von Marktturbulenzen einstellen. Das kann eine Börse nicht, die auch dann verpflichtet ist, Kurse zu stellen, wenn die Märkte verrücktspielen. Ein unfairer Wettbewerb, wie Munz sagt. „Wir haben die öffentlich-rechtlichen Börsenstrukturen auf dem Altar der Globalisierung geopfert.“

Seit Jahren bemüht sich die Börse Stuttgart mit Bildungsangeboten, Seminaren und ihren Internetseiten Interessierte für die Aktienanlage zu begeistern. Angefangen hat die Ausrichtung auf den Privatanleger Anfang der 90er Jahre, als viele schon das Totenglöckchen für die Regionalbörsen läuten hörten. Munz, damals Kursmakler in Stuttgart, und sein Maklerkollege Hans-Peter Bruker, der später den Optionsscheinhändler Euwax gründete, haben sich damals „gegen den Zeitgeist entschieden, eine Privatanlegerbörse aufzubauen“, erinnert sich Munz. „Wir wollten etwas bewegen.“ Das ist ihnen gelungen. Der Stuttgarter Börsenplatz war bald sehr bekannt für seine innovativen Ideen. Viele Neuerungen, die den Privatanleger mit dem institutionellen Anleger gleichstellten, sind heute Standard auch an anderen Börsenplätzen.

Wer Munz gegenübersitzt und hört, mit wie viel Herzblut er von der Zukunft der Börse Stuttgart spricht, kann sich schwer vorstellen, dass er sich demnächst mit 57 Jahren ins Privatleben zurückzieht und am 1. Mai den Vorstandsstab der Börsen-Vereinigung an Michael Völter übergibt. Völter kennt die Börse gut, als Finanzvorstand der SV Sparkassenversicherung saß er lange im Aufsichtsrat der Börse. Für Munz, der nur noch sein Aufsichtsratsmandat in den Börsengesellschaften behält, ist es der richtige Zeitpunkt: „Ich höre nicht auf, weil es mir keinen Spaß mehr macht. Aber ich habe alles erreicht, mehr geht nicht. Warum sollte ich nicht die Chance nutzen, mit meiner Frau die nächsten 20 Jahre zu gestalten?“ Eine neue berufliche Herausforderung suche er nicht.

Die Weichen für die Zukunft des Börsenplatzes hat Munz noch maßgeblich mitgestellt. Einen Schub nach vorne soll in diesem Jahr die Einführung des neuen Handelssystems Xitaro bringen. Bisher arbeitet Stuttgart mit dem gemeinsamen Handelssystem aller öffentlich-rechtlichen Börsen in Deutschland. Xitaro soll Stuttgart unabhängiger von den anderen Plätzen machen. Wie viel die Börse investiert, mag er nicht sagen, nur soviel: Die Börse könne ihr neues Handelssystem aus dem laufenden Geldfluss zahlen.

Auch organisatorisch stellt sich die Börse in diesem Jahr neu auf. Die Boerse Stuttgart Holding wird mit der für den technischen Betrieb zuständigen Börse Stuttgart verschmolzen. Geschäftsführer der operativen Einheiten bleiben Ralph Danielski und Christoph Boschan. Den öffentlich-rechtlichen Teil der Börse führt weiterhin Oliver Hans. „Wir sind mit unserer neuen schlankeren Struktur, der neuen Technik und dem Team an der Spitze optimal aufgestellt,“ sagt Munz. „Ich kann guten Gewissens loslassen.“ Munz, der vor 36 Jahren zum ersten Mal als Börsenhändler an die Stuttgarter Börse kam, damals für das Bankhaus Ellwanger & Geiger, möchte neue Themen anpacken. Nur seiner Leidenschaft Motorrad fahren und Keyboard spielen, nachzugehen, reicht ihm nicht. Er sei nicht abgeneigt zu studieren, vielleicht Psychologie oder Philosophie.

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