Roland Bock nimmt Olympiasieger Erhard Keller und Weltmeisterin Elisabeth Demleitner auf den Arm. Foto: imago/Werek

Er hat mit dem Leben und seinen Gegnern gerungen. Roland Bock war Olympionik, Catcher, Unternehmer, Schauspieler, gründete die Rockfabrik. Nun ist er mit 81 Jahren gestorben.

Mit wie vielen Gegner er es aufgenommen hat, lässt sich nicht zählen. Er hat mit einem Bären gerungen und einem Stier gekämpft, sich mit Alice Schwarzer angelegt, Funktionären und Tierschützern, sich im Ring geprügelt, Millionen verdient und wieder verloren.

 

Sein Opa war ein Tyrann

Wer Roland Bock sah in seiner großen Zeit, diesen Berg von einem Mann, 1,92 Meter, fast 150 Kilo schwer, musste unwillkürlich an einen Kleiderschrank denken. Aber Gelsenkirchener Barock, massiv, nicht Ikea. Dieser Berg von Mann, er hatte einen schweren Start ins Leben.

1944 wird er in Geislingen geboren, wohin seine alleinerziehende Mutter flieht aus Feuerbach, weg von den Bomben. Später leben sie bei Bocks Großvater, einem üblen Menschen. Er schlägt Roland, sperrt ihn in den Keller, peitscht ihn aus. Der Stiefvater rettet ihn, ein sozialdemokratischer Stadtrat und „ein herzensguter Mensch“, der Opa säuft, „stirbt am Arbeitsplatz, er war Totengräber“.

Europameister im Schwergewicht

Bock ringt, griechisch-römisch, Schwergewicht. Ist 1968 in Mexico City dabei, wird 1970 Europameister im Superschwergewicht. 1972 in Kattowitz will der gelernte Bankkaufmann wieder Europameister werden, kommt voran im Turnier, steht im Finale, als er Fieber bekommt. Verbandspräsident Hermann Schwindling will ihn zum Kämpfen zwingen, Bock weigert sich, flippt aus, wird zwei Jahre gesperrt. Bock hat Lehramt studiert, doch in ein Klassenzimmer zieht ihn nichts.

Roland Bock 2019 am Marienplatz Foto: Pressefoto Baumann

Er wird Catcher, widmet sich jener Show, die man heute Wrestling nennt. Steht im Ring gegen André the Giant, 2,24 Meter groß, bietet Spektakel in Sporthallen und Zirkuszelten, auch auf dem Wasen. Beinahe jeden Abend tritt er auf, kassiert einen Tausender pro Einsatz. Wird Weltmeister, organisiert Kämpfe und Tourneen. Er veranstaltet Boxkämpfe von Frauen, oben ohne. Was Alice Schwarzer und deren Zeitschrift „Emma“ empört.

Er trainiert mit Stieren, dreht mit Gerard Depardieu die Komödie „Hurricane Rosie“, und soll 1976 im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF mit einem Braunbären kämpfen. Wie er es bei seinen Auftritten tut, je schräger, desto besser. Er hatte sogar bei Bernhard Grzimek nachgefragt, ob das okay sei. Der habe nichts gegen Ringen mit dem Bären gehabt, er forderte nur ein Rauchverbot in den Hallen, das sei schädlich fürs Tier.

Die Nummer sollte er also auch im Fernsehen zeigen. Doch weil bei einem Vorkampf Blut fließt, bekommt der Sendeleiter Muffensausen. Er fürchtete, der Geruch des Blutes würde den Bären anstacheln. Man ließ das Publikum abstimmen, es votierte gegen den Kampf.

Roland Bock in seiner großen Zeit.

Bock ist ein reicher Mann, mit seinem Schnauzer Gesicht des Catcher-Zirkusses. Er besitzt Kneipen und Hotels. Dann finanziert er eine Tournee mit dem japanischen Karateka Inoki, berühmt durch seinen Kampf mit Muhammed Ali. Ein Fiasko. Es kommt kaum jemand. Doch auf die Schultern bekommt man ihn nicht.

Besondere Idee für Rofa-Garderobe

Er erfindet sich neu. In Ludwigsburg erfindet er Anfang der 80-er Jahre die Rockfabrik; wo man einst Kühlschränke baute, traten Bands auf und wurde getanzt. Und Bock wäre nicht Bock, hätte er nicht gleich noch eine Idee gehabt, über die er sich noch Jahre später diebisch freute. „Andere Wirte haben damals Garderobenpersonal bezahlt“, sagte er mal, „ich dagegen habe kassiert.“ Weil er Garderobenschließfächer installiert hatte. Und die schluckten Markstücke.

Umtriebig wie er ist, langweilt ihn auch das. Er geht nach Cran Canaria, will eine Stierkampfarena umbauen, zieht nach Thailand, will billigen Zement nach Europa exportieren, Glückssträhnen wechseln sich mit Pleiten ab, er macht viel Geld, verliert es wieder. 2001 erkrankt er am Sars-Virus, einer Lungenkrankheit, er kommt zurück, lebt in Stammheim. Aber gezeichnet von den vielen Kämpfen. Den Körper voller Ersatzteile, braucht er später einen Rollator zum Gehen. Sein Leben hat er einem Freund diktiert, Andreas Matlé hat eine Biografie geschrieben. 350 Seiten. Bei weitem nicht genug, um ein so intensiv gelebtes Leben aufzuzeichnen.

Einen ordentlichen Kampf hat er nie gescheut – und ist immer wieder aufgestanden. Aber den letzten Gegner kann keiner von uns besiegen. Auch ein Kerl wie ein Kleiderschrank nicht. Mit 81 Jahren ist Roland Bock gestorben.