Das Gebäude im Vordergrund müsste das Wasserwerk sein. Im Hintergrund sind Schloss und Stadtkirche zu sehen. Linkerhand liegt der Obere See. Foto: Archiv

Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte lang hatten die Menschen in Böblingen ihr Wasser aus Brunnen geschöpft. Das änderte sich vor 130 Jahren drastisch. Damals wurde die Stadt ans Wassernetz angeschlossen.

Für uns ist es heutzutage selbstverständlich, dass wir am Waschbecken den Hahn aufdrehen und Wasser aus der Leitung kommt. Vor gar nicht allzulanger Zeit sah das noch anders aus. Erst seit Ende des 19. Jahrhunderts ist ein Großteil der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland ans Wassernetz angeschlossen.

 

In Böblingen geschah das vor 130 Jahren. Im Jahr 1895 beschloss der Gemeinderat den Bau einer Wasserleitung, wie die Historiker Sönke Lorenz und Günter Scholz in ihrem Werk über Böblingen schreiben. Im gleichen Jahr wurde mit den Arbeiten dafür begonnen. Für die Einwohner der Stadt muss das eine drastische Umstellung bedeutet haben. Bis dahin hatten sie ihr Wasser aus Brunnen geschöpft.

Ein kleiner Blick in die Geschichte zeigt eine Stadt im Wandel. Die Industrialisierung hielt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts langsam Einzug in Böblingen, die Einwohnerzahl stieg. Im Jahr 1895 lebten etwa 4800 Menschen in Böblingen, 1900 hatte die Stadt bereits 5300 Einwohner.

Elf Brunnen versorgen die Bevölkerung

Mit fortschreitender Industrialisierung nahm der Ressourcenbedarf zu. Dazu zählt auch das Wasser. Hinweise auf die steigende Nachfrage liefert bereits eine offizielle Amtsbeschreibung Böblingens von 1850. Aus ihr geht hervor, dass der Tuchfabrikant Christian Felder versucht hat am Oberen See artesische Brunnen – also solche unterhalb des Grundwasserspiegels – zu graben, um mehr Wasser für sein Werk zu bekommen. Die Amtsbeschreibung bescheinigte im allerdings nur einen „mittelmäßigen Erfolg“.

Zu dieser Zeit bezog die Bevölkerung ihr Trinkwasser aus elf Brunnen. Nicht bei allen sprudelte das Grundwasser aus der Tiefe. So erhielt der Brunnen auf dem Marktplatz sein Wasser beispielsweise vom Zimmerschlag, wie der ehemalige Böblinger Stadtarchivar Christoph Florian in seinem Vortrag „Geschichte(n) des Rauhen Kapf“ berichtet. Über Holzrohre, sogenannte Deucheln, wurde das Wasser dorthin geführt. Der Höhenunterschied zwischen Zimmerschlag und Marktplatz reichte dafür offenbar aus. Die Deucheln sind mindestens seit dem 16. Jahrhundert in Böblingen nachgewiesen. Diese Form von Wasserleitungen, die allerdings recht ineffizient waren, gab es also schon lange.

Mit Dampfkraft auf die Waldburg

Während Böblingen Mitte des 19. Jahrhunderts trotz erster Fabriken noch überwiegend ländlich geprägt war, brachte der Anschluss ans Eisenbahnnetz 1879 Schwung in die Industrialisierung. Bereits rund 20 Jahre später arbeitete die Mehrzahl der Böblinger nicht mehr in der Landwirtschaft, stattdessen waren laut Sönke und Scholz 60 Prozent der Böblinger Bevölkerung in Gewerbe und Industrie beschäftigt.

Angesichts dieser Entwicklungen erscheint es nur folgerichtig, dass der Böblinger Gemeinderat 1895 die Entscheidung traf, ein Wasserleitungsnetz zu verlegen. Für die neue Wasserversorgung wurde südlich der Stadt, nahe des Oberen Sees, ein Wasserwerk errichtet. Noch heute erinnert die Kita Wasserwerk daran. Gesammeltes Grundwasser wurde mithilfe von Dampfkraft auf die Waldburg gepumpt und von dort verteilt.

Die Stadtbevölkerung musste nun innerhalb weniger Jahre ihre Gewohnheiten ändern. Wie sie auf den Anschluss ans Wassernetz reagierte, ist nicht bekannt. Nur die Anordnung der Stadt, den Marktplatzbrunnen 1909 stillzulegen, damit die Bürger ihn nicht mehr nutzen, gibt einen kleinen Hinweis. Offenbar fiel es manchen nicht leicht, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen.

Wie alt die Rohre heute im Schnitt sind

Der Wasserbedarf der wachsenden Stadt jedenfalls stieg weiter. Wenige Jahre später versorgten sich die Böblinger zusätzlich mit Wasser aus Quellen auf Aidlinger Gemarkung, 1928 schloss sich die Stadt der Ammertal-Schönbuch-Wasserversorgungsgruppe an, 1954 folgte der Beitritt zur Bodenseewasserversorgung. Heute stammt das Böblinger Trinkwasser aus dem Bodensee und aus dem Ammer- und Neckartal. In Summe werden etwa 3,5 Millionen Kubikmeter pro Jahr benötigt, teilt Birte Engel, Sprecherin der Stadtwerke Böblingen, mit. Das Wassernetz in der Stadt umfasst demnach 177 Kilometer.

Die aktuellen Leitungen sind laut Engel im Schnitt etwa 50 Jahre alt, was dem Branchendurchschnitt entspreche. Dringend sanierungsbedürftig seien keine Stellen. Aber die Stadtwerke behalten die Leitungen laut Engel im Blick und verfolgten eine „kontinuierliche Sanierungs- und Erneuerungsstrategie.“

Denn die Versorgung mit sauberem Trinkwasser spielt – natürlich – weiterhin eine zentrale Rolle. Den Schutz dieser kritischen Infrastruktur bezeichnet das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe als „äußerst wichtige Aufgabe“. Eine Aufgabe, für die in ihrer modernen Erscheinungsform vor 130 Jahren in Böblingen der Grundstein gelegt wurde.

Wer noch mehr über Böblingen wissen will

Literatur
Die Informationen zu diesem Artikel stammen von Stadtarchivarin Tabea Scheible, Lokalhistoriker Hans-Jürgen Sostmann, aus Quellen aus dem Stadtarchiv, aus der Böblinger Amtsbeschreibung von 1850, aus dem Buch „Böblingen. Vom Mammutzahn zum Mikrochip“, herausgegeben von Sönke Lorenz und Günter Scholz, und aus dem Vortrag „Geschichte(n) des Rauhen Kapf“ von Christoph Florian, ehemaliger Leiter des Böblinger Stadtarchivs.

Löschwasser
Ein zentrale Rolle bei der Wasserversorgung spielten die beiden Seen in Böblingen. Sie dienten als Löschwasserreservoir und im Winter wurde ihr Eis zum Kühlen genutzt. Mit dem Bau des Wassernetzes begann auch für das Feuerlöschwesen ein neuer Zeitabschnitt. So ist für den 16. Juni 1895 eine Hydrantenprobe überliefert, die gut und zur Zufriedenheit aller funktioniert haben soll.