Michael Steindorfner ist eine feste Größe beim Roten Kreuz. Nun hört er nach 20 Jahren als Präsident im Kreis Böblingen auf – und blickt auf so anstrengende wie erfüllende Zeiten.
Die Liste der Tätigkeitsbereiche des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) im Kreis Böblingen ist lang: Sie reicht vom Rettungsdienst und Jugendrotkreuz über Hausnotruf, Seniorentreffs und Wohnberatung bis zur Wohlfahrtspflege und Sozialarbeit. Auch Erste-Hilfe-Kurse gehören dazu. Ein solcher Kurs, den Michael Steindorfner mit seinem Sohn beim DRK-Ortsverein Renningen einst besucht hat, brachte den inzwischen 76-Jährigen in Kontakt mit der Hilfsorganisation. „Allerdings nicht, mit der Absicht, dort einzutreten“, sagt er.
Doch dieser Kontakt wurde rasch so eng, dass er noch im gleichen Jahr, 1994, Vorsitzender des Ortsvereins wurde. Ein Amt, das er 27 Jahre lang ausübte. 2006 wurde der damals als Amtschef im Justizministerium des Landes tätige Jurist zudem Präsident des DRK-Kreisverbandes, zu dem 24 Ortsvereine gehören. Von diesem Ehrenamt hat sich Michael Steindorfner jetzt nach fast 20 Jahren bei der Hauptversammlung verabschiedet.
700 000 Mark kostete das DRK-Vereinsheim im Renninger Vereinsdorf
Als der in Passau aufgewachsene Niederbayer auf den Renninger Rot-Kreuz-Verein stieß, hatte er schon ein abwechslungsreiches Berufsleben hinter sich, mit Studium in Freiburg, Tätigkeiten als Richter in Baden und Positionen im Justizministerium in Stuttgart. Eine seiner ersten Aufgaben als ehrenamtlicher Renninger DRK-Vorsitzender war der Zusammenschluss mit dem Ortsverein Malmsheim 1995. „Eine schwierige Angelegenheit“, wie er sagt. Er habe als Newcomer übersehen, dass Malmsheim nach Renningen eingemeindet worden war. „Bei der Fusionsversammlung hatte ich gedacht, alles eingetütet zu haben.“ Doch dann gab es nur eine Stimme Mehrheit für den Zusammenschluss. Gleichwohl sei er die Basis für den Erfolg des DRK in Renningen gewesen. In der Folgezeit konnte der fusionierte größere Verein für damals 700 000 Mark das neue Vereinsheim im Renninger Vereinsdorf bauen. „Ein Schmuckstück“, so Michael Steindorfner. „Wir haben es innerhalb von zehn Jahren geschafft, die Kredite dafür zurückzuzahlen.“
Sein Arbeitstag begann zwischen vier und fünf Uhr
Die arbeitsintensiven Tage des seinerzeit höchsten Justizbeamten des Landes wurden sicher nicht kürzer, als er 2006 den Vorsitz des DRK-Kreisverbands übernahm. Er sei ohnehin Frühaufsteher, und sein Tag habe viele Jahre morgens zwischen vier und fünf Uhr begonnen. Es sei eine Frage der Zeiteinteilung. „Als ehrenamtlicher Präsident bin ich nicht primär fürs operative Geschäft zuständig, muss aber im Zweifel den Kopf hinhalten.“
Gut tausend Hauptamtliche sind in den verschiedenen DRK-Tochterfirmen im Kreis Böblingen tätig. Dazu kommen rund 1900 Ehrenamtliche in den Ortsvereinen. Der Geschäftsführer Wolfgang Hesl managt mit einem Team dieses vom Umfang her mittelständische Wohlfahrtsunternehmen, das unter anderem elf Altenpflegeheime betreibt und zuletzt eine Bilanzsumme von 33,7 Millionen Euro aufwies. Das Präsidium wacht über die Geschäfte und vertritt das DRK nach außen. „Und wir müssen den Verband weiterentwickeln, Ideen einbringen und Impulse setzen“, sagt Michael Steindorfner.
Dies hat der mit der Henry-Dunant-Plakette des DRK-Landesverbands und dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Steindorfner umfangreich getan. Er war nicht nur im Landkreis aktiv, sondern auch in verschiedenen Positionen auf Bundes- und Landesebene – etwa als Justiziar des Landesverbands oder als Vorsitzender des Rechtsausschusses des Bundesverbands. Zeitlich wohl etwas einfacher wurde es für den Landesbeamten mit CDU-Parteibuch, als er nach dem Regierungswechsel von Schwarz-Gelb hin zu Grün-Rot 2011 als 62-Jähriger in den einstweiligen Ruhestand versetzt wurde. „Ich war nicht böse drum“, sagt er im Rückblick, gab es ihm doch Luft für sein ehrenamtliches Engagement.
„Ich bin überzeugt, dass viele Menschen gerettet werden“
Dazu gehörten auch seine Herzensprojekte, von denen er mit Begeisterung erzählt. Eines ist das von ihm initiierte Herzenswunsch-Hospizmobil. „Sie glauben gar nicht, was man damit für Freude bereiten kann.“ Mit einem speziell gebauten Fahrzeug können schwerkranken Menschen letzte Wünsche erfüllt werden.
Er erinnert sich gut an einen bettlägerigen Mann, der mit seinen früheren Kollegen „beim Daimler“ noch einmal in der Werkhalle Kaffee trinken wollte. Oder an eine Frau, die ein letztes Mal mit ihren Hunden den vertrauten Weg gehen wollte. Eine andere wünschte sich einen Konzertbesuch bei Helene Fischer. „Unsere Kernaufgabe ist es, Menschen zu helfen“, sagt der scheidende Kreis-Präsident. „Was können wir mehr machen, als jemandem, der nicht mehr lange zu leben hat, etwas Gutes zu tun.“ Wichtig sind Steindorfner auch die Helfer-vor-Ort-Gruppen in den Ortsvereinen. „Ich bin überzeugt davon, dass dadurch viele Menschen gerettet werden.“
Jetzt hört der Rotkreuzler nach insgesamt 31 Jahren auf. Dass es ihm mit seiner neu gewonnenen Freizeit langweilig wird, steht nicht zu befürchten: Er ist Mitglied in einer Aufarbeitungskommission zu sexuellem Missbrauch im Bistum Passau, wohin er regelmäßig fährt. „Und dann“, sagt er schmunzelnd, „will ich mal die vielen Bücher in meiner Bibliothek aus ihrer Folie befreien.“